Streitgespräch Wie billig darf Arbeit sein?

Die Ökonomen Bert Rürup und Hans-Werner Sinn sind sich oft einig. In einem Punkt nicht: Der eine will den Mindestlohn, der andere ist strikt dagegen. Ein Streitgespräch.

ZEIT ONLINE: Herr Sinn, die Konjunktur in Deutschland läuft ausgesprochen gut , aber viele Bürger sind unzufrieden. Sie trauen weder der Erholung am Arbeitsmarkt, noch glauben sie, dass der Aufschwung ihnen Gutes bringt. Was läuft falsch?

Hans-Werner Sinn: Das lässt sich einfach erklären: Die Jobs, die zuletzt entstanden sind, haben vor allem die Situation der Arbeitslosen verbessert. Das waren zwar Hunderttausende von Menschen, aber doch nur eine kleine Minderheit.

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Bert Rürup: Der Aufschwung kann außerdem noch nicht überall angekommen sein. Noch sind die Löhne nicht auf breiter Front gestiegen. Aber das wird geschehen, und zwar deutlicher als in vergangenen Jahren.

ZEIT ONLINE: Was hat zum Beispiel eine ungelernte Kassiererin davon, die seit Jahrzehnten nichts vom Aufschwung hatte ?

Hans-Werner Sinn
Hans-Werner Sinn

ist einer der einflussreichsten Ökonomen in Deutschland. Er ist seit 1999 Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung und lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Sinn ist ein Kritiker des deutschen Sozialstaates und ein Gegner von Mindestlöhnen.

Sinn: Der Aufschwung wird diesmal auch bei den Ungelernten ankommen. Wir hatten eine lange Flaute bei den Löhnen, das stimmt. Ich erkläre das damit, dass jahrelang Kapital aus Deutschland abgeflossen ist. Der deutsche Standort war relativ zu anderen Ländern ständig im Nachtteil. Im Schnitt wurde nur ein Viertel der Ersparnisse in Deutschland investiert, drei Viertel gingen ins Ausland. Entsprechend gering war der Spielraum für Lohnerhöhungen. Diesmal aber ist das anders. Die Banken trauen sich nicht, ihr Geld nach Griechenland oder in die USA zu bringen, sondern vergeben eher im Inland Kredite. Die Baubranche erlebt dadurch teilweise einen rasanten Aufstieg, die Investitionsgüterbranchen florieren. Es zeichnet sich ein Mangel an Fachkräften ab, der das Lohnniveau insgesamt nach oben treiben wird.

Rürup: Ich sehe das differenzierter. Die Lohnstückkosten sind in den vergangenen Jahren nicht gestiegen, allerdings nicht wegen der Branchen, die im internationalen Wettbewerb standen. Dort haben die Löhne sogar zum Teil ganz ordentlich angezogen. Stagniert sind die Lohnstückkosten deshalb, weil der Niedriglohnsektor gewachsen ist. Die Reallöhne sind dort zum Teil sogar gefallen.

Sinn: Ja, aber das widerspricht meinem Argument nicht. Ich habe keinesfalls nur die Branchen mit internationalem Wettbewerb gemeint. Es war vor allem die Binnenwirtschaft, der das Kapital entzogen wurde. Denken Sie nur an die Bauindustrie.

Rürup: Schön, aber an diesem Punkt unterscheiden wir uns dennoch. Wenn ich Sie in der Vergangenheit richtig verstanden habe, würden Sie es in Kauf nehmen, wenn der Niedriglohnsektor weiter wächst. Im Kern lautet Ihr Argument doch, dass die Löhne am unteren Rand so lange weiter sinken müssten, bis wir dann irgendwann Vollbeschäftigung haben.

Sinn: Die Löhne für gering Qualifizierte müssen nicht weiter sinken, denn das haben sie schon getan. Angesichts des Booms steht jetzt eine Phase der Lohnsteigerungen bevor – auch am unteren Rand der Einkommensverteilung. Ich sage aber auch: Die Löhne müssen sich weiterhin stärker spreizen, wenn wir die Arbeitslosigkeit weiter abbauen wollen. Das sollte in den nächsten Jahren über stärkere Lohnsteigerungen bei den oberen und mittleren Einkommen geschehen.

Bert Rürup
Bert Rürup

war einer der wichtigsten deutschen Regierungsberater des vergangenen Jahrzehnts. Mit Hilfe seiner Ideen hat vor allem die rot-grüne Regierung den Sozialstaat umgebaut. Anfang 2009 trat Rürup als Chef des Sachverständigenrates zurück, um beim Finanzdienstleister AWD anzuheuern. Heute ist er Chef der Maschmeyer-Rürup AG, einer Beraterfirma für Regierungen weltweit.

Rürup: Das höre ich von Ihnen ja zum ersten Mal. Ich habe aber auch meine Zweifel, ob sich die Lohnspreizung beliebig fortsetzen lässt. Ich stimme Ihnen zu, dass wir einen Niedriglohnsektor brauchen, um die Beschäftigungschancen von Langzeitarbeitslosen und Geringqualifizierten zu verbessern. Aber ich kann nicht erkennen, warum in der heutigen Situation ein noch größerer Niedriglohnsektor ökonomisch sinnvoll wäre.

Sinn: Wenn wir ihn durch Ausbildung verkleinern können, bin ich auch dafür. Tatsache ist aber doch: Der Niedriglohnsektor, der durch die Schröderschen Reformen geschaffen wurde, hat Deutschland neue Dynamik gebracht. Jeder, der arbeiten will, muss arbeiten können, und dann genug zum Leben haben. Die Reformen haben uns dem näher gebracht. Deutschland war über Jahrzehnte hinweg Weltmeister bei der Arbeitslosigkeit der Geringqualifizierten. Mit den Hartz-Reformen hat sich die Situation verbessert. Die Armutsgefährdung ist deutlich zurückgegangen, weil neue Jobs geschaffen wurden. Selbst wer heute wenig verdient, kommt über Lohnzuschüsse auf ein Einkommen, das über der Armutsgefährdungsgrenze liegt. Die Agenda 2010 war in jeder Hinsicht eine Erfolgsgeschichte.

ZEIT ONLINE: Herr Rürup, anders als Herr Sinn plädieren Sie für einen gesetzlichen Mindestlohn, der regelt, ab welchem Lohn in Deutschland gearbeitet werden darf. Warum?

Rürup: Weil ein moderater gesetzlicher Mindestlohn besser wäre als branchenspezifische Mindestlöhne, wie wir sie derzeit haben. Da stimmen Herr Sinn und ich auch überein. Ich will aber außerdem, dass jeder alleinstehende Vollzeitbeschäftigte ein Arbeitseinkommen erzielen sollte, das zumindest das soziokulturelle Existenzminimum deckt. Das sieht Herr Sinn anders.

Sinn: Langsam. Wünschenswert finde ich das auch. Die Frage ist doch nur, wie kommen wir von der Norm zum Machbaren. Da sagen Sie: Das geht. Ich sage: Das geht nicht. Ich kann nicht die Gesetzmäßigkeit in der Marktwirtschaft erkennen, die garantiert, dass für alle Leute genug Jobs da sind. Noch dazu solche, die so produktiv sind, dass man davon auskömmlich leben kann. Die Menge an tollen Stellen reicht einfach nicht aus. Mein Problem mit dem Mindestlohn ist, dass er Arbeitsplätze vernichtet. Er macht die Geschäftsmodelle wieder kaputt, die dafür gesorgt haben, dass zuletzt neue Jobs entstanden sind. Das belegen zahlreiche Studien.

Leser-Kommentare
  1. Wie teuer kommt uns billige Arbeit?

    Inwiefern ist die immer wieder behauptete Unterfinanzierung der Sozialsysteme den niedrigen Löhnen geschuldet?

    Inwieweit ist die breiter werdende Überschuldung vieler Bürger den niedrigen Löhnen geschuldet, sollen noch mehr Bürger auf Pump das sogenannte "Konsumklima" verbessern.

    Achso im Moment läuft grade eine Unterschriftenaktion zur Vermögenssteuer!

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    So ca. 50 Milliarden € seit der Aufstockgeschichte.

    Ich hoffe man kann darauf vertrauen, dass die Zeit in der Lage und Willens ist, soetwas zu recherchieren.

    Und damit ich nicht als Lügner dastehe:

    http://www.focus.de/polit...

    http://www.bankingportal2...

    http://www.derwesten.de/n...

    Ich finde es nur irgendwie interessant, dass solche Zahlen nicht bei größeren Zeitungen auftauchen...

    So ca. 50 Milliarden € seit der Aufstockgeschichte.

    Ich hoffe man kann darauf vertrauen, dass die Zeit in der Lage und Willens ist, soetwas zu recherchieren.

    Und damit ich nicht als Lügner dastehe:

    http://www.focus.de/polit...

    http://www.bankingportal2...

    http://www.derwesten.de/n...

    Ich finde es nur irgendwie interessant, dass solche Zahlen nicht bei größeren Zeitungen auftauchen...

  2. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Die Redaktion/ft

  3. "Preise (den Lohn) darf der Staat nicht manipulieren. Wenn er Umverteilung machen will, muss er das über das Steuersystem tun. Nicht, indem er in die Preisstruktur eingreift."

    Die Freistellung der Arbeitsleistung, unterhalb des Existenzminimums, von Sozialabgaben, 100% anders als die FDP es will, würde schon viel weiter helfen. Damit würde der größte Teil des Niedriglohnsektors Systemkonform beseitigt werden. Die Sozialabgaben sind die Hauptursache, des im Verhältnis zu anderen Ländern, extrem ausgeprägten Niedriglohnsektors. .

  4. Rürup: "Natürlich rechnen rationale Arbeitgeber die Lohnsubvention im Niedriglohnbereich mit ein und drücken so die Löhne. Ein moderater Mindestlohn sorgt dafür, dass die finanzielle Unterstützung des Staates, die eigentlich den Arbeitnehmern helfen soll, nicht mehr teilweise den Arbeitgebern zufließt. Das würde auch die fiskalische Belastung des Staates verringern."

    Sinn: "Ich bleibe dabei: In einer Volkswirtschaft haben Löhne eine Lenkungsfunktion, sie sind Preise, die Knappheiten anzeigen. Preise darf der Staat nicht manipulieren."

    Hier kann man sehr schön sehen, dass es die eine objektive Wahrheit nicht gibt.

    Wenn aber ein Wirtschaftswissenschaftler (Sinn) behauptet, dass in einer Volkswirtschaft die Löhne eine Lenkungsfunktion haben, dann hat er vielleicht theoretisch Recht. Aber blendet aus, dass ja genau das durch die Aufstockung des Staates verhindert wird. Es handelt sich um eine Lohnsubvention des Staates, die genau diese Lenkungsfunktion der Preise, auf die er sich beruft, außer Kraft setzt!

    Sehr schön zu sehen, dass insbes. Prof. Sinn nicht ökonomisch Objektives von sich gibt, sondern das, was seiner Ideologie zufolge opportun ist. Sinn-los!

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    Hans-Werner-Sinn rein ideologisches Denken vorzuwerfen passt hier wohl nicht. Nur weil er eine andere Meinung als Sie hat ist er noch lange kein Kreuzritter einer unobjektiven Weltanschauung, sondern einer der anerkanntesten deutschen Ökonomen.

    Sie haben mit Ihrem Kritikpunkt meiner Meinung nach allerdings nicht recht. Die staatliche Aufstockung, die Sinn im Simm hat, würde die Löhne nämlich nicht verzerren. Das heißt, die Rangfolge der Löhne ist nach Aufstockung wie vor Aufstockung. Zwar würde ich mich Ihren Bedenken soweit anschließen, dass ich befürchte, die Unternehmen werden die staatlichen Aufstockungen in ihr betriebswirtschaftliches Kalkül einfließen lassen und daher die Stuerkasse recht stark belasten. Jedoch ist dem entgegenzuhalten, dass durch Mindestlöhne verursachte Arbeitslosigkeit auch nicht in unserem Interesse liegen kann.

    Hans-Werner-Sinn rein ideologisches Denken vorzuwerfen passt hier wohl nicht. Nur weil er eine andere Meinung als Sie hat ist er noch lange kein Kreuzritter einer unobjektiven Weltanschauung, sondern einer der anerkanntesten deutschen Ökonomen.

    Sie haben mit Ihrem Kritikpunkt meiner Meinung nach allerdings nicht recht. Die staatliche Aufstockung, die Sinn im Simm hat, würde die Löhne nämlich nicht verzerren. Das heißt, die Rangfolge der Löhne ist nach Aufstockung wie vor Aufstockung. Zwar würde ich mich Ihren Bedenken soweit anschließen, dass ich befürchte, die Unternehmen werden die staatlichen Aufstockungen in ihr betriebswirtschaftliches Kalkül einfließen lassen und daher die Stuerkasse recht stark belasten. Jedoch ist dem entgegenzuhalten, dass durch Mindestlöhne verursachte Arbeitslosigkeit auch nicht in unserem Interesse liegen kann.

  5. Aber einen Mindestlohn,´der Arbeit nicht billig macht, sondern mit dem sich Arbeit lohnt !!

    Das wäre die Antwort auf die kommende europäische Arbeitnehmer-Freizügigkeit; ab 01.05.2011!

    Dieses `Streitgespräch´ zwischen Rürup und Sinn geht an der Realität vorbei, denn es betrachtet nur den nationalen Arbeitsmarkt.
    In Wirklichkeit gibt es aber einen derartigen nationalen Arbeitsmarkt nicht mehr, sondern nur noch einen EU-weiten Arbeitsmarkt mit seinen Wechselwirkungen auf den deutschen Wirtschaftsraum!!

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    Es braucht keine Antwort auf die Arbeitnehmerfreizügigkeit. Der beste Schutz für Arbeitnehmer vor Ausbeutung ist Konkurrenz unter den Arbeitgebern.

    Überlegenswert wäre das Informations-Ungleichgewicht zu verbessern: Anstatt Mindestlöhne festzuschreiben, sollte jeder Arbeitnehmer wissen, was seine Arbeit im Durchschnitt wert ist. Solch eine einfache Funktion von Gehalts-Indezies könnten Gewerkschaften doch übernehmen.

    Es braucht keine Antwort auf die Arbeitnehmerfreizügigkeit. Der beste Schutz für Arbeitnehmer vor Ausbeutung ist Konkurrenz unter den Arbeitgebern.

    Überlegenswert wäre das Informations-Ungleichgewicht zu verbessern: Anstatt Mindestlöhne festzuschreiben, sollte jeder Arbeitnehmer wissen, was seine Arbeit im Durchschnitt wert ist. Solch eine einfache Funktion von Gehalts-Indezies könnten Gewerkschaften doch übernehmen.

    • joG
    • 05.11.2010 um 11:27 Uhr

    ...die Frage nach der Natur des Lohns, eines Mindestlohns und eines Mindesteinkommens zwar randläufig anspricht, aber nicht aufarbeitet, dass man mit einer Unterteilung in zwei unterschiedliche Faktorarten zu tun hat, die jede für sich behandelt werden sollte. Wenn Einkommen einen öffentlichen Charakter hat, also höhere Einkommen positive externe Effekte auslösen, die die Gesellschaft haben will, so sollte die wie jede öffentliche Aufgabe auch öffentlich bezahlt werden und nicht durch den Zwang Löhne zu zahlen, die höher sind als der Wert der jeweiligen Arbeit. So sollte es weniger eine Frage von Mindestlöhnen sein und sich mehr darauf konzentrieren, wie man ein Mindesteinkommen herstellt, ohne die Arbeitsmärkte zu schwächen.

    Eine Leser-Empfehlung

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