Atom-Proteste : Stay, der Anstifter

Jochen Stay verbrachte sein Leben mit Protest. Nun organisiert er den Widerstand gegen die schwarz-gelbe Energiepolitik – und glaubt fest an den Sieg.
Der Aktivist Jochen Stay © Nina Lüth

Der erste Eindruck: fester Händedruck, ruhige, dunkle Stimme. Vom Typ her einer wie der Bergsteiger Reinhold Messner, weiße Locken, Wollpullover, Rucksack. Überhaupt: Ein besonnener Mann, der in sich zu ruhen scheint. Keiner, dem man zutraut, dass er sein ganzes Erwachsenenleben die Welt in Gut und Böse eingeteilt hat. Der zu Blockaden und Besetzungen aufruft, und der es mag, wenn es kracht, wie in diesen Tagen im Wendland .

Und doch hat es Stay immer so gehalten. Sein halbes Leben hat er dem Protest gewidmet. Vor sieben Wochen landete er bislang seinen größten Coup, als er mehr als 50.000 Menschen in Berlin auf die Straße brachte, zu einer Demonstration gegen die Lautzeitverlängerung für Atomkraftwerke in Deutschland. So viele Menschen, die gegen Atomkraft protestieren – das gab es zuletzt in den achtziger Jahren.

Stay ist ein Kind dieser Zeit, geprägt durch die ideologischen Debatten von damals. Anders als andere aber hat er weiter gegen die Atomkraft gekämpft, auch als Rot-Grün den Atomausstieg beschlossen hat. Mit Genugtuung spricht er davon, wie der Protest wieder anschwillt, wie genau das passiert, was er und seine Leute wochenlang vorher erzählt hatten: Dass der Protest bürgerlicher wird, dass er weitere Kreise zieht – und damit für eine Volkspartei wie die Union genauso gefährlich werden kann wie der Protest gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 im Süden des Landes. 

Seit der Protest wieder groß ist, hat sich auch das Leben des 45-Jährigen verändert. Stay ist zu einer Art Sprecher der Anti-Atom-Bewegung geworden, ähnlich wie Sven Giegold einst das Gesicht der Anti-Globalisierungs-Bewegung der Neunziger war. Einer, der schlagfertig und schlau formulieren kann, wieso der Atomkompromiss von Schwarz-Gelb ein Skandal ist. Der Spiegel stellte ihn gar in die Reihe der "neuen Politiker", die zwar keine sind, aber dennoch Politik machen - meist gegen den herrschenden Politik-Betrieb. "Die Medien wollen halt ein Gesicht", sagt er. "Da halte ich meines halt hin."

Für Stay ist der neu entflammte Protest aber vor allem eines: eine Bestätigung seiner Theorie. Die besagt im Wesentlichen, dass kein Protest umsonst ist. Dass es sich immer lohnt, gegen etwas auf die Straße zu gehen, und dass das Gute, wie er es sich denkt, am Ende siegt. In den Siebzigern demonstrierte Stay gegen die Apartheid, in den Achtzigern gegen den Nato-Doppelbeschluss. Über beides ist die Geschichte irgendwie hinweggerollt und Stay glaubt, dass es auch der Protest in Deutschland war, der die Sache beschleunigt hat. Nun kämpft er seit bald zwei Jahrzehnten gegen die Atomkraft, mittlerweile von Berufs wegen, bezahlt wird er seit acht Jahren von Freunden und Weggefährten. "Ich habe gelernt, dass es richtig ist, optimistisch zu sein", sagt er. "Ich habe immer siegen wollen und wir werden auch diesmal siegen."

"Ausgestrahlt", so heißt die Organisation, der Stay vorsteht und die er vor vier Jahren gegründet hat. Ein Verein mit fünf festen Mitarbeitern, der vor allem im Internet um Unterstützer gegen die Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke wirbt und damit auch jenen Anschluss bieten will, die sich nur spontan politisch engagieren wollen. 50.000 Kontakte hat er über die Zeit gesammelt, ein eng gespanntes Netz von Sympathisanten, die er per Mail sofort erreichen kann. In der Zentrale der Organisation in Hamburg kümmert sich Stay um die Logistik des Protests, um Fahnen, Plakate, Flyer. Dass die Demonstrationen gegen den Castor-Transport im Wendland so gewaltig sind wie zuletzt in den Achzigern, mag mit der verkorksten Energiepolitik der Regierung zusammenhängen. Es ist aber auch Stay, der dem Protest seine Wirkung verleiht.

Wer mit den Aktivisten spricht, die derzeit im Wendland unterwegs sind, bekommt immer wieder einen Satz zu hören: "Die Massenproteste, das ist Jochens Ding." Stay ist der Cheflogistiker der neuen Bewegung, ihr Marketing-Mann. Er war es auch, der das Bild der untergehenden roten Sonne reaktiviert hat. Das Symbol der Anti-Atom-Bewegung der achtziger Jahre, das jetzt wieder tausendfach am Revers der Demonstranten zu sehen ist. Ein Marketing-Coup: 27.000 Fahnen mit dem Logo wurden mittlerweile verkauft, das Symbol vereint  junge und alte Protestler.

Stay wuchs im Mannheim der achtziger Jahre auf, als Kind einer Familie aus der Mittelschicht. Bereits als Jugendlicher habe er sich ein "apokalyptisches Denken" zu eigen gemacht, sagt er. "Ich bin damals nicht davon ausgegangen, lange leben zu können." Die Bedrohung durch den Kalten Krieg, die Debatte um das Ende der Ressourcen – das habe ihn geprägt. Viele seiner Mitschüler hätten damals auf "No Future" gemacht, sagt er - und abgeschaltet. Er hingegen habe beschlossen, sich zu engagieren.

Seine erste Anlaufstation war das Jugendheim der Evangelischen Kirche in Neckarau, einem Stadtteil von Mannheim. Seine Schwester nahm ihn dort mit hin, da war er 15. Stay nahm an den ersten Friedensdemonstrationen teil, "Fasten für den Frieden" in Mannheims Innenstadt.

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Kommentare

28 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Das sind unglaubliche Menschen

Jemand wie Stay ist einfach unglaublich wie er das immer währende Konzept des "Es bringt ja doch nix, pass dich an, sonst ergeht es dir schlecht" einfach missachtet und loslegt.
Und es geht ihm damit auch echt besser, wenn ich mir auch nur die Fotos der Anpassungsgewinnler jetzt auf dieser Webside unter meinem Text ansehe: Nonnenmacher und Brüderle.
Ich kenne auch so einen ,Ralf, der in Hamburg lebt und sich für die mit dem "ermässigten" ALGII Regelsatz hier lebenden Menschen einsetzt, den Asylbewerbern. Die es hierhin schaffen, während inzwischen hunderte pro Jahr an Europas Grenzen sterben.
Das Wirken dieser Menschen offenbart das Denken und die Regeln eines Systems, das sich seit der Kolonialzeit, dem wilhelminischen Obrigkeitsstaat und dem 3.Reich nicht verändert hat und in Zirkeln und Amtsstuben in Handlungen umgesetzt gegen Menschen wird. Davon sehen wir in unserer bunten Warenwelt erstmal nix.
Wenn wir einmal wirklich humanes Denken und Handeln verinnerlichen, dann sind solche Menschen mit daran beteiligt gewesen.

Politik von unten, nicht aus dem Steuersäckel finanziert

und natürlich wesentlich unabhängiger, weil der Menschenverstand zählt, nicht die Industriekasse. So absurd kann unsere Meinungsbildung sein: Jene Politiker, die den Druck von unten nach oben transferieren wollen - in ihre Wahlstatistik, damit es besser klappt - profitieren von der Zivilcourage einiger weniger. Werden die Protest-Underdogs assimiliert und später gar unsere Minister ...?

Politik von unter? Wohl kaum!

Moin,
so ganz stimmt Ihre Bewertung nicht, Politik ist eben nie nur ein Thema, schon gar nicht nur eine Sicht auf ein Thema. Politik ist immer eine große Gesamtheit von Themen. Daher ist eine Bürgerinitiative oder eine Gruppe von Initiativen auch immer nur eine kleine Facette der Politik. Das gilt auch dann, wenn man der Initiative den höchsten Respekt zollt.
Und bei allem Respekt, die Politik leidet ja gerade darunter, dass sich immer mehr Menschen hochgradig monothematisch engagieren, also beispielsweise in der Anti-AKW-Bewegung, bei Attac, in der (inzwischen erlahmten) Friedensbewegung, ja selbst Stuttgart 21 kann man hier nennen. Aber alles zusammen, auch wenn es eindeutig von unten kommt, ist immer noch nicht die Summe, die Politik ausmacht.
Im Gegenteil leidet die Politik Not, dass diese Kräfte ihr verloren gehen, weil sich viele auf ein Thema strürzen, das sie direkt bewegt. Die Themen und Sachgebiete, die weniger Emotionen binden, also weniger Protest von unten bewirken, bleiben dabei unterrepäsentiert. Die Anti-AKW-Protestbewegung deckt nicht einmal die Energiepolitik wirklich ab.
Politik, auch nicht die reell bezahlte, ist nicht per se schlecht; schlecht ist allerding die derzeitige Leistung vierler Politiker, was aber alleine durch die Protestbewegungen nicht kompensiert werden kann. Hierzu bedarf es eben der Politiker, die ihrer Aufgabe gerecht werden. Aber auch diese werden es niemals allen recht machen können.
Beste Grüße
Grabert

Eher Koordinator als Anstifter

"Dass die Demonstrationen gegen den Castor-Transport im Wendland so gewaltig sind wie zuletzt in den Achzigern, mag mit der verkorksten Energiepolitik der Regierung zusammenhängen."
Natürlich speist sich die Wut und Entschlossenheit der Gegner vor allem aus der Chuzpe der Regierungspolitik. Da bedarf es keiner großen Motivaton oder "Anstiftung" mehr, sondern vor allem der Koordination.
Hätte die Bundesregierung nicht ohne Not und ohne Gründe den Ausstieg aus dem Ausstieg verkündet, und hätte sie gleichzeitig eine ergebnisoffene bundesweite Suche nach einem geeigneten Endlagerstandort angekündigt, dann gäbe es heute keine nennenswerte Anti-Atombewegung.

"Es ist aber auch Stay, der dem Protest seine Wirkung verleiht."
Ja, auch. Neben vielen anderen.
Ein Artikel über Stay ist durchaus interessant oder hätte interessant sein können, aber dieser Artikel reduziert den Widerstand viel zu sehr auf eine Person.