Soziales Unternehmertum Wirtschaften für eine gerechte Zukunft

Peter Holbrook treibt die soziale Reform der Wirtschaft voran wie kein Zweiter. Er ist Chef der Social Enterprise Coalition – und revolutioniert jetzt das britische Gesundheitssystem.

Peter Holbrook
Peter Holbrook

Peter Holbrook

Mit Badeschaum, der nach Erdbeeren riecht, lässt sich keine Revolution starten. Zumindest nicht in der Konsequenz und mit der Entschiedenheit, wie Peter Holbrook sie gerne hätte. "Das war der Grund, warum ich bei The Body Shop für mich keine Zukunft mehr sah und gegangen bin. Das Engagement der Firma ist extrem wichtig. Doch es war mir nicht groß, nicht weitreichend genug."

Mit der Rolle, die der 39-Jährige seit Januar ausfüllt, hat er sich der Revolution ein kleines Stück dichter an die Fersen geheftet. Er ist Chef der britischen Social Enterprise Coalition und zieht sämtliche Fäden, redet, überzeugt, konferiert und wirbt, damit britische Sozialunternehmen mächtiger werden - vom umweltbewussten Busunternehmen bis zu Firmen, die faire Schokolade produzieren oder sich um junge Kriminelle kümmern. Die Coalition ist eine Art Klassensprecher, der über genügend Charme und Überzeugungskraft verfügt, um die Politik und die Gesellschaft von diesem Sektor und seinen unternehmerischen Potenzialen zu überzeugen.

 

Erschienen im Magazin "enorm“, Nummer 4, November 2010

Erschienen im Magazin "enorm“, Nummer 4, November 2010

Mehr als 10.000 Firmen vertritt der Lobbyverband bereits. Auch traditionelle Unternehmen, die sich etwas mehr soziale Gewichtung wünschen, gehören zu den Kunden. Sie können zwar nicht Mitglied der Coalition werden und polieren trotzdem ihr Image auf. Doch Holbrook berät auch sie. "Manche wollen dann sogar konvertieren und ganz ein soziales Unternehmen werden", sagt er und verwendet das "konvertieren" mit einer Selbstverständlichkeit, als sage er "die Bank wechseln". "Business as usual ist in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation einfach ein total überholter Slogan. Für mich sind Sozialunternehmen die einzige Form, um in Zukunft fruchtbar zu wirtschaften."

Mit seinem akkuraten Haarschnitt und dem gebügelten Hemd sieht der gebürtige Londoner aus wie ein scharf kalkulierender Geschäftsmann. Und tatsächlich denkt und redet er auch so. Mit dem kleinen Unterschied, dass seine gesamte Energie in die Mission fließt, Gutes anzuschieben. "Vor allem die Regierung, aber auch die Gesellschaft soll endlich verstehen, dass Sozialunternehmen keine netten Grüppchen sind, mit Mitgliedern, die einen auf der Straße ansprechen und einem die Hand schütteln. Das, was sie antreibt, ist Erfolg, Profit. So wie bei normalen Unternehmen auch", sagt Holbrook. Nur, dass diese Sozialunternehmen ihren Profit eben nicht in Form von Boni an Teilhaber auszahlen würden, sondern in aller Konsequenz reinvestieren, um zu expandieren und damit immer mehr Einfluss auf sozialen Wandel ausüben zu können.

Social Enterprise Coalition

Die Social Enterprise Coalition wurde 2002 als "Stimme der Sozialunternehmen" gegründet. Die Initiative dazu kam von mehreren regionalen Netzwerken wie Social Enterprise London (SEL), die sich einen Dachverband wünschten, der die Bewegung vorantreibt und kommuniziert. Ziel ist es seitdem, Firmen, die soziale Probleme mit unternehmerischen Mitteln lösen, innerhalb der Gesellschaft, aber auch in Politik und Wirtschaft bekannter zu machen und als Unternehmensform der Zukunft zu etablieren. Direkt repräsentiert werden durch die Coalition derzeit mehr als 10.000 Firmen. Die Mitglieder werden in verschiedene Kategorien eingeteilt, 45 Prozent sind Sozialunternehmen, der Rest sind Dachverbände, Organisationen, Netzwerke und Institute, die weitere Sozialunternehmen vertreten oder den Sektor intensiv unterstützen. Laut einer Studie der Regierung gibt es in Großbritannien mehr als 60.000 Sozialunternehmen. Einnahmen erzielt die Social Enterprise Coalition durch Mitgliedsbeiträge, Beratungen oder Veranstaltungen.

Peter Holbrook

Peter Holbrook, 39, trat seinen Posten im Januar 2010 an, er ist der zweite Direktor der Coalition seit ihrer Gründung

Karitative Einrichtungen hält Holbrook für wichtig, er hat in seiner Studienzeit selbst für einige gearbeitet. "Doch sie sind immer auch limitiert. Fundamentale Veränderungen können wir tatsächlich nur erreichen, wenn wir mit den Strategien des Kapitalismus arbeiten." Starren Angestellte einer klassischen Firma vielleicht 40 Stunden pro Woche auf Finanzkurven, helfen sie in einem Sozialunternehmen in der gleichen Zeit Gemeinden, eine Kindergruppe aufzubauen, aus recyceltem Kunststoff neue Produkte zu entwickeln oder Langzeitarbeitslose zu reintegrieren.

Peter Holbrook steht auf, und plötzlich enttarnt er seinen Businesslook durch einen fast kindlichen, wippenden Gang. Der Hochwasserschnitt seiner schmalen, modischen Anzughose legt fast verräterisch ein Detail frei, das man wohl als ein Relikt seiner jugendlichen Sozialisation werten darf: Von seinen gepflegten Lederschuhen steht ein gelb-schwarzes Label ab, das untrügliche Zeichen für die britische Arbeitermarke Doc Martens.

Eine ähnlich subtile Lässigkeit herrscht auch in Holbrooks Büro, mitten im kreativen Osten Londons und umgeben von Künstlerateliers, Designbüros und Galerien. In seinem Team arbeiten junge, hellwache Leute aus allen Teilen der Welt, die sich entschieden haben. Gegen einen Job in einem Finanz- oder Serviceunternehmen zum Beispiel. "Wir wollen bei der Social Enterprise Coalition auch die Tatsache vermitteln, dass man in sozialen Unternehmen Karriere machen kann, indem man sich für Individuen oder ganze Gesellschaften einsetzt."

Peter Holbrook entschied sich für seinen Weg bereits im Studium, als er Soziologie und das damals neue Fach Umweltmanagement wählte. Er gehörte nicht zu den Kommilitonen, die von den Eltern durch die Welt geschickt wurden und von sozialen Ungerechtigkeiten auf ihren Reisen durch Indien oder Brasilien erfuhren. "Ich komme aus bescheidenen Verhältnissen und bin nie viel gereist. Dennoch musste ich damals nicht extra nach Südafrika fahren, um zu begreifen, dass Apartheid grausam ist."

Vor zehn Jahren machte sich Holbrook selbstständig und prägte mit seiner Firma Sunlight das Gesicht einer ganzen Gemeinde im englischen Kent. Er beriet und vernetzte Menschen, die soziale Probleme unternehmerisch lösen wollten. Das Modell wurde zum Erfolg, zusätzlich unterstützt vom Big Lottery Fund, der staatlichen Lotterie, erzielte Sunlight Gewinne durch serviceorientierte Geschäftszweige. Darunter: eine Elterngruppe mit Franchise-Konzept sowie ein Catering-Service und Cafés, die Menschen ausbilden, die vom herkömmlichen Arbeitsmarkt aussortiert wurden. "Wir wuchsen unheimlich schnell, weil wir mit dem Potenzial der Menschen arbeiteten." Wenn eine alleinerziehende Mutter kam, die sich eine Kindergruppe wünschte, war Holbrooks Antwort nicht: Sorry, wir haben keine Kindergruppe. "Stattdessen sagten wir: Nein, wir haben keine, aber Sie sollten unbedingt eine bei uns aufbauen!"

Diese Strategie fiel auf. Die Premierminister Gordon Brown und nun David Cameron überboten sich mit Lobeshymnen. Sunlight wurde zum Vorzeigemodell für die sozial-unternehmerische Lösung verschiedener Probleme wie Armut, Arbeitslosigkeit, Gesundheit oder Gewalt innerhalb schwacher Gemeinden. "Ich hatte Sunlight gut positioniert, doch ich sehnte mich irgendwann nach neuen Herausforderungen. Aber natürlich wollte ich immer noch die Welt retten."

Was aus dem Mund eines deutschen Unternehmers klingen würde wie ein schlecht aufgekochter Werbeslogan, wirkt bei Holbrook ähnlich selbstverständlich wie er von "konvertierenden" Firmen redet. Und wahrscheinlich braucht ein soziales Unternehmen, das soziale Unternehmen vertritt, gerade das. Eine Person, die mit ihrem Optimismus immer ein wenig größenwahnsinnig denkt. Gerade ist er dabei, die Regierung zu überzeugen, einen Social-Enterprise-Strang zum britischen Gesundheitsapparat National Health Service (NHS) aufzubauen. Die Idee: Ehemalige, erfahrene NHS-Mitarbeiter sollen in den Gemeinden sehr viel persönlichere und sehr soziale Alternativen zum überlasteten Megaunternehmen NHS aufbauen. Um das zu erreichen, setzt er Politiker aller Parteien regelmäßig in Reisebusse und fährt sie zu sozialen Vorzeigeunternehmen. "Seeing is believing", sagt er dazu.

Doch oft genug ärgert sich Peter Holbrook noch. Dann, wenn Sozialunternehmen milde lächelnd ausgeklammert werden, sobald es um die großen Geschäfte geht. "England ist so weit vorn in diesem Bereich, doch selbst hier müssen wir noch dafür kämpfen, dass unsere Unternehmen eine Plattform bekommen, um professionelle, erfolgreiche Geschäfte zu machen. Wir sind unzählige Unternehmen, die jährlich Milliarden zur Ökonomie beitragen und alles in guter Mission."

In den Medien ist Holbrook ein Held, der Botschafter des sozialen Sektors. "Ich mag dieses Betonen einer Person nicht, denn es stellt mich dar, als habe ich allein diesen Wandel in der Hand. Dabei sind wir es alle gemeinsam."

Vor ihm auf dem Konferenztisch liegen Broschüren mit der Aufforderung "Join the business revolution". Der Plan dahinter: Social Enterprise soll ein Gütesiegel werden und als gelber, flirrender Kreis von Produkten und Services leuchten wie das Fairtrade-Zeichen. "Der Kunde ist einer der mächtigsten Teile der Ökonomie. Er wird zunehmend kritischer und will sichergehen, dass die Firma, deren Produkte er kauft, verantwortlich handelt."

Und Holbrook denkt schon gleich weiter. Sein Traum ist es, dass man das Gütesiegel irgendwann nicht mehr braucht. "In einer idealen, gerechten Zukunft wird jedes einzelne Unternehmen, das auf der Welt demnächst gegründet wird, ein Social Enterprise sein." 

Mit freundlicher Genehmigung des Magazins: "enorm"

 
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