Soziales Unternehmertum Wirtschaften für eine gerechte ZukunftSeite 2/2
Eine ähnlich subtile Lässigkeit herrscht auch in Holbrooks Büro, mitten im kreativen Osten Londons und umgeben von Künstlerateliers, Designbüros und Galerien. In seinem Team arbeiten junge, hellwache Leute aus allen Teilen der Welt, die sich entschieden haben. Gegen einen Job in einem Finanz- oder Serviceunternehmen zum Beispiel. "Wir wollen bei der Social Enterprise Coalition auch die Tatsache vermitteln, dass man in sozialen Unternehmen Karriere machen kann, indem man sich für Individuen oder ganze Gesellschaften einsetzt."
Peter Holbrook entschied sich für seinen Weg bereits im Studium, als er Soziologie und das damals neue Fach Umweltmanagement wählte. Er gehörte nicht zu den Kommilitonen, die von den Eltern durch die Welt geschickt wurden und von sozialen Ungerechtigkeiten auf ihren Reisen durch Indien oder Brasilien erfuhren. "Ich komme aus bescheidenen Verhältnissen und bin nie viel gereist. Dennoch musste ich damals nicht extra nach Südafrika fahren, um zu begreifen, dass Apartheid grausam ist."
Vor zehn Jahren machte sich Holbrook selbstständig und prägte mit seiner Firma Sunlight das Gesicht einer ganzen Gemeinde im englischen Kent. Er beriet und vernetzte Menschen, die soziale Probleme unternehmerisch lösen wollten. Das Modell wurde zum Erfolg, zusätzlich unterstützt vom Big Lottery Fund, der staatlichen Lotterie, erzielte Sunlight Gewinne durch serviceorientierte Geschäftszweige. Darunter: eine Elterngruppe mit Franchise-Konzept sowie ein Catering-Service und Cafés, die Menschen ausbilden, die vom herkömmlichen Arbeitsmarkt aussortiert wurden. "Wir wuchsen unheimlich schnell, weil wir mit dem Potenzial der Menschen arbeiteten." Wenn eine alleinerziehende Mutter kam, die sich eine Kindergruppe wünschte, war Holbrooks Antwort nicht: Sorry, wir haben keine Kindergruppe. "Stattdessen sagten wir: Nein, wir haben keine, aber Sie sollten unbedingt eine bei uns aufbauen!"
Diese Strategie fiel auf. Die Premierminister Gordon Brown und nun David Cameron überboten sich mit Lobeshymnen. Sunlight wurde zum Vorzeigemodell für die sozial-unternehmerische Lösung verschiedener Probleme wie Armut, Arbeitslosigkeit, Gesundheit oder Gewalt innerhalb schwacher Gemeinden. "Ich hatte Sunlight gut positioniert, doch ich sehnte mich irgendwann nach neuen Herausforderungen. Aber natürlich wollte ich immer noch die Welt retten."
Was aus dem Mund eines deutschen Unternehmers klingen würde wie ein schlecht aufgekochter Werbeslogan, wirkt bei Holbrook ähnlich selbstverständlich wie er von "konvertierenden" Firmen redet. Und wahrscheinlich braucht ein soziales Unternehmen, das soziale Unternehmen vertritt, gerade das. Eine Person, die mit ihrem Optimismus immer ein wenig größenwahnsinnig denkt. Gerade ist er dabei, die Regierung zu überzeugen, einen Social-Enterprise-Strang zum britischen Gesundheitsapparat National Health Service (NHS) aufzubauen. Die Idee: Ehemalige, erfahrene NHS-Mitarbeiter sollen in den Gemeinden sehr viel persönlichere und sehr soziale Alternativen zum überlasteten Megaunternehmen NHS aufbauen. Um das zu erreichen, setzt er Politiker aller Parteien regelmäßig in Reisebusse und fährt sie zu sozialen Vorzeigeunternehmen. "Seeing is believing", sagt er dazu.
Doch oft genug ärgert sich Peter Holbrook noch. Dann, wenn Sozialunternehmen milde lächelnd ausgeklammert werden, sobald es um die großen Geschäfte geht. "England ist so weit vorn in diesem Bereich, doch selbst hier müssen wir noch dafür kämpfen, dass unsere Unternehmen eine Plattform bekommen, um professionelle, erfolgreiche Geschäfte zu machen. Wir sind unzählige Unternehmen, die jährlich Milliarden zur Ökonomie beitragen und alles in guter Mission."
In den Medien ist Holbrook ein Held, der Botschafter des sozialen Sektors. "Ich mag dieses Betonen einer Person nicht, denn es stellt mich dar, als habe ich allein diesen Wandel in der Hand. Dabei sind wir es alle gemeinsam."
Vor ihm auf dem Konferenztisch liegen Broschüren mit der Aufforderung "Join the business revolution". Der Plan dahinter: Social Enterprise soll ein Gütesiegel werden und als gelber, flirrender Kreis von Produkten und Services leuchten wie das Fairtrade-Zeichen. "Der Kunde ist einer der mächtigsten Teile der Ökonomie. Er wird zunehmend kritischer und will sichergehen, dass die Firma, deren Produkte er kauft, verantwortlich handelt."
Und Holbrook denkt schon gleich weiter. Sein Traum ist es, dass man das Gütesiegel irgendwann nicht mehr braucht. "In einer idealen, gerechten Zukunft wird jedes einzelne Unternehmen, das auf der Welt demnächst gegründet wird, ein Social Enterprise sein."
Mit freundlicher Genehmigung des Magazins: "enorm"
- Datum 25.01.2011 - 15:43 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle Enorm
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






