Klaus Bode hat sich kleine Ziele gesetzt. Eigentlich will er nur nach Krefeld. Vom Kölner Hauptbahnhof dauert das planmäßig keine Dreiviertelstunde. Ein Katzensprung. Der Student steht in der Eingangshalle und reckt den Kopf nach oben zur blauen Anzeigetafel. Seine Faust ist geballt, doch dann erschlafft die Hand und der Blick geht zu Boden. 100 Minuten muss Bode noch auf seinen Zug warten. Der Katzensprung droht zur Odyssee zu werden.

Hoffnung, Anspannung, Resignation – eine Abfolge von Gefühlen, die wahrscheinlich jeder der etwa 50 Reisenden durchlebt hat, die sich in der Eingangshalle des Kölner Hauptbahnhofs versammeln. Fast alle Züge haben heute Verspätung. Meist nicht unter einer halben Stunde. Im Rest des Landes sieht es nicht besser aus. Die Bahn spricht von einer "Extremsituation". Wie ernst sie das meint, zeigte sie am Sonntag. Da riet sie Reisenden öffentlich davon ab, mit dem Zug zu fahren. Zu überfüllt seien die einzelnen Abteile.

Es ist kein gewaltiges Naturereignis, keine sibirische Kälte und kein Sturm. Es ist ein normaler und vergleichsweise milder Winter, der die Deutsche Bahn in die Knie zwingt. "Die Probleme sind hausgemacht", urteilt deshalb auch der Berliner Verkehrsökonom Christian Böttger. "Wenn es demnächst noch kälter wird, könnte es sogar noch schlimmer werden."

Dabei ist es für viele Passagiere schon jetzt schlimm genug. Eine lange Schlange hat sich vor dem Service-Point gebildet. Der Zug nach Berlin ist bisher nicht wie angekündigt am Bahnhof eingetroffen. Alle Hoffnung richtet sich jetzt auf die Frau in blauer Uniform. Vielleicht hat sie ja einen Plan, vielleicht kennt sie einen Ausweg, der dem Normalsterblichen beim Blick auf die Anzeigetafel verwehrt bleibt. Doch dann die Ernüchterung. Über die Lautsprecherdurchsage verkündet eine Sprecherin in professionellem Ton, dass der Zug nach Berlin heute nicht in Köln, sondern in Hamm beginne. 124 Kilometer weiter nördlich. "Bitte nehmen Sie bis Hamm den Intercity-Express von Gleis drei", klingt es aus den Lautsprechern, doch das sorgt nur für Gelächter unter den Passagieren. "Die haben wohl nicht mitbekommen, dass dieser Zug auch 50 Minuten Verspätung hat", sagt ein Mann mit schwarzer Wollmütze.

Umstürzende Bäume, gefrierende Weichen – das sind die Hauptgründe für die Unregelmäßigkeiten im Fahrplan. "Die Bäume neben der Strecke müsste man eigentlich fällen, die Weichen besser warten und beheizen, aber dafür fehlt das Geld", sagt Anton Hofreiter, Verkehrsexperte der Grünen-Bundestagsfraktion. "Seit Hartmut Mehdorn die Bahn an die Börse bringen wollte, unterliegt das Unternehmen einem enormen Kosten- und Spardruck. Daran hat sich auch bis heute nichts geändert." Eine Milliarde Euro fehle jedes Jahr.

Und auch Züge fehlen. Zum Beispiel einer, mit dem Klaus Bode über Neuss und Dormagen nach Krefeld fahren kann. Ein Blick auf die Anzeigetafel verrät nichts Gutes: Wo sonst die Zwischenhalte eingeblendet werden, steht nun nur noch nüchtern, dass der Zug ab Köln nicht weiterfahren wird. "Heute ist echt nicht mein Glückstag", sagt Bode.