BangladeschDer Aufstand der Weber

In Bangladesch protestieren die Textilarbeiter, weil ihnen der gesetzliche Mindestlohn vorenthalten wird. Die Ausbeutung beschränkt sich aber nicht allein auf den Lohn. von Jahel Mielke

Die Bilanz des Streiks ist erschreckend. Vier Arbeiter wurden getötet, als sie in der Hafenstadt Chittagong im Südosten von Bangladesch auf die Straße gingen, um für den Mindestlohn zu demonstrieren. Dutzende sollen verletzt worden sein, als die Polizei auf die Demonstranten schoss.

Dabei klagen die Textilarbeiter in Bangladesch etwas ein, was ihnen per Gesetz längst zusteht. Der Mindestlohn für die Näher wurde nach massiven Protesten im Sommer von 1660 auf 3000 Taka (rund 34 Euro) im Monat erhöht. Die Lohnerhöhung sollte im November in Kraft treten, Anfang Dezember hätten die Arbeiter das Geld ausbezahlt bekommen sollen. Weil viele Fabrikbesitzer den höheren Lohn nicht zahlen, sind die Proteste aufgeflammt. In Gazipur im Norden von Bangladesch blockierten rund 5000 Arbeiter die Hauptstraße in die Hauptstadt Dhaka. Im Fabrikbezirk Ashulia nahe Dahka streikten weitere 5000 Arbeiter. In der Hauptstadt selbst demonstrierten insgesamt rund 4000 Arbeiter – vor allem Frauen – und zündeten Autos an.

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Bangladesch gilt als das Land mit den niedrigsten Löhnen für die Textilarbeiter weltweit. 2,5 Millionen Menschen arbeiten dort in 3500 Fabriken, um unter anderem Kleider für H&M und Gap, für die Discounter Kik und Lidl, aber auch so teure Markenhersteller wie Levi Strauss zu nähen. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Textilien im Wert von 47,6 Millionen Euro aus Bangladesch nach Deutschland importiert. Das ist nur ein Bruchteil der Gesamtsumme.2009 führte die Bundesrepublik Textilien im Wert von acht Milliarden Euro ein. China und die Türkei gehören dabei zu den Hauptlieferanten für Deutschland.

Die großen Textilketten geloben, sich für den Mindestlohn in Bangladesch einzusetzen. Der Discounter Kik, der wegen skandalöser Arbeitsbedingungen in seinen Fabriken schon mehrfach in die Kritik geriet, teilte auf Anfrage mit, dass er seine Lieferanten in Bangladesch dazu auffordere, "seit dem 1. November die Lohnerhöhungen ausnahmslos umzusetzen. Dies gilt ebenso für Sublieferanten, mit denen unsere Partner vor Ort gegebenenfalls zusammenarbeiten." Zudem kontrolliere man vor Ort die Umsetzung.

Auch H&M erklärte, dass das Unternehmen in allen 20 Lieferländern die Einhaltung der Mindestlöhne selbst kontrolliere. "Falls Fabriken sich langfristig weigern, Mindestlöhne zu zahlen, können die Lieferverhältnisse auch beendet werden", sagt ein Sprecher der schwedischen Bekleidungskette. Anfang des Jahres wandte sich H&M zudem gemeinsam mit anderen Ketten wie Tchibo und Gap an die Regierung des Landes mit der Forderung, den Mindestlohn anzuheben und regelmäßig an die veränderten Lebenskosten anzupassen. Von den aktuellen Unruhen waren nach Unternehmensangaben vier H&M-Lieferanten betroffen, zwei Fabriken seien mittlerweile wieder geöffnet. Warum H&M nicht unabhängig vom Mindestlohn die Arbeiter besser bezahlt, begründet H & M damit, dass das zu schwer zu kontrollieren sei. "Die Fabriken arbeiten für viele verschiedene Unternehmen unter einem Dach", erklärte der Sprecher.

Das will die "Kampagne für Saubere Kleidung" (CCC) nicht gelten lassen. "Wenn die Unternehmen wollten, könnten sie mehr zahlen und das auch vertraglich festlegen", sagt Gisela Burckhardt von der CCC. Dass das nicht zu kontrollieren sei, hält Burckhardt für eine Ausrede. "Die Einkäufer drücken noch immer die Preise." Die Lohnerhöhung, für die die Arbeiter in Bangladesch gerade kämpfen, fällt nach Berechnungen des CCC immer noch viel zu gering aus. "Ein Lohn, mit dem eine vierköpfige Familie die Lebenshaltungskosten decken könnte, läge bei einer Wochenarbeitszeit von 48 Stunden bei 10000 Taka, umgerechnet 100 Euro im Monat", sagt Burckhardt. Die Gewerkschaften in Bangladesch hatten in ihren Verhandlungen 5000 Taka gefordert.

Die niedrigen Löhne sind nach Meinung vieler Hilfsorganisationen aber nur eines von viele Problemen in der Textilindustrie. Die Arbeiter, meist Frauen, müssen teils bis zu 100 Stunden pro Woche arbeiten und bekommen häufig im Krankheitsfall keinen Lohn. "Die Situation ist dramatisch", sagt Burckhardt.

(Erschienen im Tagesspiegel)

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Leserkommentare
    • Afa81
    • 14. Dezember 2010 10:52 Uhr

    Der Name der Homepage täuscht etwas, denn der Text ist echt fair geschrieben und zeigt nur genau das, was ich vermutet habe:

    http://www.scharf-links.d...

  1. Der Titel ist mehr als unpassend. Es ist ein Aufstand der Unterdrückten und Ausgebeuteten. "Aufstand der Weiber" klingt mehr als respektlos und wertet das Leiden dieser Menschen ab.

    Auch, wenn friedliche Proteste besser wären, so hoffe ich, dass die Öffenlichtkeit durch die Aufstände endlich auf die Machenschafften der großen billig Ketten aufmerksam wird und diese nicht mehr unterstützt.

    Ich schäme mich wirklich zu tiefst für die Kleidung die ich bei diesen Läden gekauft habe als ich jünger war...

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    • johaupt
    • 14. Dezember 2010 11:39 Uhr

    "Aufstand der Weiber"

    ... ein freudscher Verschreiber?
    :-)

    "klingt mehr als respektlos und wertet das Leiden dieser Menschen ab."

    Finde ich nicht unbedingt, es erinnert an den deutschen Weberaufstand von 1844:
    http://www.newsatelier.de...

    Der Kapitalismus hat sich seidem nicht wesentlich geändert, nur wurden (bei uns) in der Zwischenzeit jede Menge Rechte erkämpft (die man dank dem Freihandelswahn bereits wieder schleift).

    "Auch, wenn friedliche Proteste besser wären"

    Immer schön brav bleiben, selbst wenn die AG mit Duldung der Regierung die Gesetze bewusst brechen. In welcher Welt lebst du? Den Leuten geht es um die nackte Existenz und sie werden wie Vieh behandelt. Schon bei uns werden friedliche Demos von den Herrschenden nicht ernst genommen.

    "so hoffe ich, dass die Öffenlichtkeit durch die Aufstände endlich auf die Machenschafften der großen billig Ketten aufmerksam wird und diese nicht mehr unterstützt."

    Ja, weil vor allem jeder sich das teurere Zeug leisten kann und gutes Aussehen kein Kriterium ist und weil natürlich voll transparent ist, welcher Hersteller was zu welchen Bedingungen herstellt.

    Oder willst du auch auf Computer verzichten (chinesische Arbeitssklaven) oder Kakao und Schokolade (Kindersklaven: http://www.welthungerhilf...) oder Südfrüchte oder oder oder?

    In dieser perversen unmoralischen Freihandelswelt bohrt man ständig in der Schei**e, wenn man anfängt nachzufragen.

    • iawdw
    • 14. Dezember 2010 13:02 Uhr

    Den Arbeitern in Bangladesch, China und Indien wird auf lange Sicht nur eine starke Arbeiterbewegung helfen.
    Die deutschen Gewerkschaften sollten sie ideell und finanziell unterstuetzen - gerechte Loehne in der "Dritten Welt" sind schliesslich auch gut fuer deutsche Arbeitnehmer!
    Auch gegen Kinderarbeit werden Boykottaktionen weitgehend wirkungslos bleiben, die Industrienationen koennen jedoch von aussen Entwicklungen anstossen, die in Deutschland im 19. Jhdt die Kinderarbeit beendeten.
    Die deutsche Arbeiterbewegung bekaempfte diese mit grossem Nachdruck - schliesslich nahmen Kinder Erwachsenen die Jobs weg und drueckten unfreiwillig die Loehne.

    • ArvoS
    • 14. Dezember 2010 11:08 Uhr
    3. Dhaka

    Die Hauptstadt von Bangladesch heißt weder Dakar noch Dahka, sondern Dhaka.

  2. Bitte Korrektur bei der Bildunterschrift vornehmen.
    Wenn mich nicht alles täuscht ist Dakar die Hauptstadt des Senegal. Bangladesch wird von Dhaka aus regiert.

  3. Ich bitte um Entschuldigung, ich habe mich beim Titel verlesen. Leider kann ich meinen Beitrag nicht editieren.

  4. In einem Lande wo die meisten Menschen gerade soviel haben um nicht verhungern zu müssen ist diese Lohnentwicklung mehr als menschenunwürdig. Unsere Warenabnehmer können wohl mehr Löhne durchsetzen.
    Doch die Profitgier, und mir ist sowieso wurscht was die da treiben, fördert Hungerlöhne.

  5. Aber könnten Sie bitte immer Dhaka schreiben, Dakar ist die Hauptstadt des Senegal, und Dahka ist auch nicht richtig.

  6. Gibt es eigentlich irgendwo eine Informationsseite wo man herausfinden kann bei welchen Läden man noch einkaufen kann?

    Sowas wie fair trade für Klamotten.

    Danke für Infos.

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    • c.kühn
    • 14. Dezember 2010 11:53 Uhr

    Ich mag es eigentlich nicht Links zu posten, aber in diesem Falle:

    http://www.google.de/sear...

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  • Schlagworte Bangladesch | Statistisches Bundesamt | Discounter | Euro | Fabrik | Hauptstadt
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