Das Finanzviertel in Shanghai © Getty Images

Chen Jian atmet auf, als er die Zeitung aufschlägt. "Endlich", sagt er. Zum ersten Mal seit zwei Jahren sind die Preise für Immobilien in Shanghai leicht gefallen. Um bis zu zehn Prozent günstiger seien Neubauwohnungen am Stadtrand der chinesischen Hafenstadt im Vergleich zur Vorwoche, heißt es in dem Zeitungsbericht. Im Schnitt müssen nur noch 21.146 Renminbi für einen Quadratmeter bezahlt werden. Das sind rund 2370 Euro. Chen will die Gunst der Stunde nutzen und noch vor Jahresende zuschlagen. Bevor die Preise wieder anziehen. Und sie werden anziehen. Da ist er sich sicher.

So wie Chen geht es derzeit vielen Leuten in Shanghai. Seit Monaten durchforsten sie Morgen für Morgen die Lokalzeitungen und Internetangebote und hoffen darauf, dass die Preise fallen. "Irgendwann mussten die Maßnahmen der Regierung doch wirken", sagt Chen. Chinas Großstädte haben in den vergangenen zwei Jahren einen Immobilienboom ohnegleichen erlebt. In Großstädten wie Peking, Guangzhou oder Shenzhen haben sich die Quadratmeterpreise zwischen 2008 und 2010 mehr als verdoppelt. In keiner Stadt sind die Preise aber so in die Höhe geschossen, wie in der boomenden Hafenstadt Shanghai. So kosteten allein im dritten Quartal 2010 Immobilien um rund 70 Prozent mehr, als noch ein Jahr zuvor.

Diesen Boom hat die Regierung mitzuverantworten wenn auch ungewollt. Zur Bekämpfung der Weltwirtschaftskrise hatte sie im Laufe des Jahres 2009 ihrer Binnenwirtschaft eine gigantische Konjunkturspritze verpasst. Ein nicht unerheblicher Teil floss in den Immobilienmarkt, was die Bauwirtschaft angefeuert hat. Vor allem in Peking wurde ein Appartment-Hochhaus nach dem anderen hochgezogen. Viele der neu errichteten Gebäude stehen leer. Andere werden nicht einmal fertig gestellt. So ragen vor allem in Peking zahlreiche Baugerippe empor. In einigen Stadtteilen der Hauptstadt liegt der Leerstand bei 30 Prozent. Die Preise wollen aber dennoch nicht fallen.

Der Kauf einer Wohnung ist dadurch für große Teile von Chinas wachsendem Mittelstand unerschwinglich geworden. Während Durchschnittsverdiener in Deutschland etwa drei bis fünf Jahreseinkommen für den Kauf einer Immobilie aufwenden müssen, liegt der Wert in Peking und Shanghai aktuell bei mehr als dem Zwanzigfachen. "Der Shanghaier kann sich für sein Geld nur noch 0,1 Quadratmeter Wohnfläche leisten", rechnet der Politologe Zhou Yingan von der Pekinger Tsinghua Universität vor. In Blogs wird gewitzelt, dass ein Bauer, gemessen am derzeitigen Durchschnittseinkommen, bereits zur Tang-Dynasty im 8. Jahrhundert mit dem Sparen hätte anfangen müssen, um sich heutzutage eine Vierzimmerwohnung leisten zu können.

Innerhalb der chinesischen Regierung mehren sich die Stimmen, die vor einer gefährlichen Blase warnen. Dessen Platzen könnte Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft haben, heißt es aus Regierungskreisen. Andy Xie, ehemaliger Analyst der US-Investmentbank Morgan Stanley und nun unabhängiger Ökonom in Shanghai, schätzt, dass 60 Prozent der derzeitigen Wirtschaftstätigkeit direkt oder indirekt vom Immobiliensektor und der Bauindustrie abhängt. Erinnerungen an die Lehman-Pleite werden wach.

Die Regierung versucht seit dem Frühjahr gegenzusteuern, um den Preisauftrieb zu dämpfen. So hat sie etwa Kredite massiv verteuert. Während der Zinssatz für einen Baukredit bei der ersten Immobilie bereits bei stattlichen 13 Prozent liegt, wird bei der zweiten Immobilie bereits mehr als 30 Prozent verlangt. Investoren, die sich in Boom-Städten die dritte oder vierte Immobilie kaufen möchten, müssen mindestens 60 Prozent Eigenkapital mitbringen. Die Stadtregierung Shanghai hat die Kreditvergabe für Käufer von Drittwohnungen ganz eingestellt. Ausländer dürfen außer zur Eigennutzung gar keine Immobilie mehr kaufen. Zugleich wurde der Bau von Sozialwohnungen forciert, um den überhitzten Markt abzukühlen.