Stefan Mappus, 44, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, und Dirk Notheis, der zwei Jahre jüngere Deutschland-Chef der US-Bank Morgan Stanley, sind Freunde, auch Parteifreunde. Und christliche Glaubensbrüder sind sie auch. Am 23. September fuhr das schwäbische Duo gemeinsam nach Rom. Papst Benedikt XVI. empfing sie zu einer Audienz. Neuerdings machen die beiden auch Geschäfte miteinander, Geschäfte in Milliardenhöhe. Für Baden-Württemberg war es der Deal des Jahrzehnts.

Zehn Jahre nach der Privatisierung holte Baden-Württembergs Ministerpräsident Mappus Deutschlands drittgrößten Energieversorger EnBW wieder in Staatshand zurück. Einst hatte Vorvorgänger Erwin Teufel das Unternehmen privatisiert. Jetzt nahm das Land Baden-Württemberg dem französischen Energiekonzern EDF am Montag für 4,7 Milliarden Euro dessen rund 45-prozentigen Anteil an dem Karlsruher Unternehmen wieder ab. Der Kaufpreis lag um 18 Prozent über dem aktuellen Börsenkurs. Dieser Mehrpreis – in Summe rund 850 Millionen Euro – wurde als Prämie für den Erwerb der Kontrollrechte gezahlt. Morgan Stanley sagt: Solche Aufpreise sind üblich. Zwischen 2002 und 2009 seien sie in Deutschland mit rund 28 Prozent sogar deutlich höher ausgefallen als in diesem Fall.

Spektakulär ist der Deal, weil nach jahrzehntelanger Privatisierungswelle erstmals wieder ein deutscher Industriekonzern verstaatlicht wird. Umstritten ist er, weil viele sensible Fragen noch unbeantwortet sind. Fragen nach der wirtschaftlichen Vernunft eines solchen Megadeals in Zeiten knapper Kassen. Fragen nach den Perspektiven der EnBW – dem Konzern in Deutschland, der von der gerade beschlossenen Brennelementesteuer am stärksten belastet wird. Am dringendsten aber stellen sich zwei Fragen, die das Zustandekommen der Milliardenübernahme betreffen. Erstens: Warum wurde ausgerechnet dieses Geschäft ohne öffentliche Ausschreibung oder zumindest die vertrauliche Variante einer Ausschreibung, dem sogenannten Beauty Contest, abgewickelt? In Deutschland wird selbst der Bau einer Bushaltestelle in einem transparenten Verfahren vergeben.

Frage zwei betrifft die beteiligten Personen: Warum ging der Auftrag, der für gewöhnlich mit Honoraren im zweistelligen Millionenbereich vergütet wird, ausgerechnet an einen engen CDU-Freund? Bei Morgan Stanley heißt es, nicht die große Nähe der Chefs, sondern die große Expertise der Bank im Geschäft mit Frankreich sei ausschlaggebend gewesen. 2002 beriet Morgan Stanley die französische Regierung bei der Privatisierung der EDF. 2005 half sie, den Börsengang des Unternehmens zu organisieren.

Ein Geschmäckle bleibt. Die Nähe zur Wirtschaft hat in der baden-württembergischen Politik schon für so manche Turbulenz gesorgt. Lothar Späth, langjähriger Ministerpräsident des Landes, musste im Januar 1991 wegen der sogenannten Traumschiff-Affäre zurücktreten. Späth hatte sich von Helmut Lohr, damals Chef des Elektronikkonzerns SEL, zu einer Schiffsreise einladen lassen. Auch wenn es bei dem EnBW-Deal nicht um den Verdacht der persönlichen Vorteilnahme geht, muss sich Mappus wenige Monate vor einer Landtagswahl unbequemen Fragen stellen. Zum Beispiel die, ob seine politischen Instinkte richtig funktioniert haben.

Die Vorbereitungen zur Übernahme der EnBW verliefen in aller Stille. Voller Stolz berichten Beteiligte, dass es höchst ungewöhnlich sei, einen Deal dieser Größenordnung bis zur letzten Minute geheim zu halten. Dabei arbeitete Ministerpräsident Stefan Mappus schon seit Monaten an dem Verstaatlichungsplan.