Helmut Schmidt "Im Herzen sind die Bundesbanker Reaktionäre"

Die Bundesbank setzt die europäische Integration aufs Spiel, sagt Alt-Kanzler Schmidt. Auch mit Angela Merkel und Wolfgang Schäuble geht er hart ins Gericht.

Frage: Viele Jahre lang verfolgte Deutschland zwei parallele politische Ziele: einerseits die Verpflichtung zu finanzieller und monetärer Stabilität, andererseits das Bekenntnis zur europäischen Integration. Denken Sie, dass angesichts der Krise der Währungsunion diese beiden Politiken nicht mehr vereinbar sind?

Helmut Schmidt: Lassen Sie mich erst mit Blick auf das politische Umfeld antworten. Die Briten will ich von meiner Antwort ausschließen, weil die Regierung noch relativ neu im Amt ist und ich die führenden Personen nicht persönlich kenne. Generell würde ich sagen, dass Europa Führungspersönlichkeiten fehlen, Personen in hohen Ämtern in den Nationalstaaten oder den europäischen Institutionen mit genügendem Überblick über nationale wie internationale Fragen und ausreichender Urteilskraft.

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Es gibt wenige Ausnahmen wie Jean-Claude Juncker, den Premierminister von Luxemburg, aber sein Land ist zu klein, um eine substanzielle Rolle zu spielen. Ich denke nicht, dass die Deutschen oder ihre politische Klasse das Stabilitätsziel aufgegeben haben. Seit 2008 haben die Umstände sie dazu gezwungen - wie auch fast den gesamten Rest der Welt -, ihre Stabilitätsideale zu verletzen, aber das geschah nicht aus freiem Willen, sondern als Folge der Wirtschaftskrise.

Frage: Es lag also nicht an der politischen Führung?

Schmidt: Es kommt hinzu, dass die deutsche Regierung aus Leuten besteht, die erst im Amt ihren Job lernen. Sie können nicht auf frühere Erfahrungen in der Weltpolitik oder der Weltwirtschaft zurückgreifen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ist ein Mann, den ich schätze und vor dem ich großen persönlichen Respekt habe. Haushalts- und Steuerprobleme versteht er gut. Doch die internationalen Geld- und Kapitalmärkte, das Bankensystem oder die Aufsicht über die Banken und Schattenbanken sind neu für ihn. Dasselbe gilt für Angela Merkel. Das ist keine Kritik an Schäuble oder Merkel, aber wir brauchen Personen in den Spitzenämtern, die ein Verständnis von der heutigen Wirtschaft haben.

Frage: Manche Leute sagen, das Problem liege tiefer: Der Geburtsfehler der Währungsunion bestehe darin, dass die Politische Union fehlte.

Schmidt: Das wiederholt die Bundesbank seit 30 Jahren. Im tiefsten Herzen sind die Bundesbanker Reaktionäre. Sie sind gegen die europäische Integration.

Frage: Wen genau meinen Sie? Persönlichkeiten wie der frühere Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer spielen doch keine führende Rolle mehr.

Schmidt: Aber seine Nachfolger sind - mit einer Ausnahme - Reaktionäre im Hinblick auf die europäische Integration. Sie denken nicht wirklich liberal. Sie neigen dazu, zu sehr nach nationalen Interessen zu agieren und zu reagieren, und haben die strategische Notwendigkeit der europäischen Integration nicht verstanden.

Frage: Es gibt die Redensart "Beim Geld hört die Freundschaft auf." Man hat den Eindruck, dass die Deutschen jetzt als Kollektiv aufgefordert sind, den ärmeren Staaten zu helfen - und dass das den Deutschen sehr schwerfällt.

Schmidt: Der Fehler wurde mit Maastricht gemacht, 1991/92. Zu dieser Zeit waren wir zwölf Mitgliedstaaten der EU. Nicht nur, dass alle europäischen Staaten eingeladen wurden, Mitglieder der EU zu werden - sie wurden auch aufgefordert, Teil des Euros zu werden. Und das, ohne vorher die Regeln zu ändern oder klarzustellen. Das waren die großen Fehler. Unter den Folgen dieser Unterlassung leiden wir jetzt.

Frage: Hätte die EU den Euro nur in einer kleinen Gruppe von Ländern einführen sollen?

Schmidt: Das ist meine Ansicht - und man hätte striktere Regeln für das wirtschaftliche Verhalten der Mitglieder festlegen müssen. Der sogenannte Stabilitäts- und Wachstumspakt hat keinen Gesetzescharakter, sondern ist lediglich eine Vereinbarung zwischen Regierungen. Und es war nicht hilfreich, dass Frankreich und Deutschland die Vorschriften des Pakts verletzt haben. Merkel würde diese Fehler gerne korrigieren, aber ihre Erfolgsaussichten sind recht gering, und sie agiert nicht sehr geschickt.

Frage: Hans Tietmeyer wollte im Grunde genommen nicht, dass Italien Mitglied der Währungsunion wurde. Sie haben ihn Mitte der 1990er-Jahre kritisiert: Er sei ein deutscher Nationalist, weil er sich damals für einen harten Kern aussprach. Stützen Sie jetzt nicht genau diesen Ansatz?

Schmidt: In der Zwischenzeit ist viel geschehen, die globale Spekulation, die Globalisierung der Geld- und Kapitalmärkte, der Finanzinstrumente. Der Entwurf der europäischen Verfassung scheiterte. Nun haben wir den komplexen Vertrag von Lissabon, und zugleich gibt es nur wenige Persönlichkeiten, die führen könnten. Eine sehr wichtige Figur war der Präsident der EU-Kommission, Jacques Delors. Seine Nachfolger waren Leute, deren Namen man kaum kennt. Dasselbe gilt für die Vorsitzenden diverser Ausschüsse und für Premierminister.

Wie heißt der Präsident des Europäischen Rates? Van Rompuy? Er hat eine sogenannte Außenministerin, eine britische Dame, deren Namen man nicht wirklich kennen muss. Ähnliches gilt für das Europäische Parlament. Die einzige Figur, die hervorragt, ist der Präsident der Europäischen Zentralbank Jean-Claude Trichet. Ich bin nicht sicher, wie stark er innerhalb der EZB ist, aber soweit ich es überblicke, hat er bislang keinen größeren Fehler gemacht. 

Leser-Kommentare
  1. sind sie doch bei klrem Verstande, Her Schmitt. Was heuzutage ein hohes gut ist. Dennoch haben wir das schlimmste der politischen Nachkriegszeit überstanden. Jetzt muss das Deutsche Volk noch zeigen, das es eine Regierung ohne Hilfe stürzen kann und was besseres dabei herauskommt. Das dauert nicht mehr lange. Die Franzosen konnten es doch auch. Europa ist stark genug um gegen Amerikanische Interessen zu agieren und nicht zu allem Ja und Amen zu sagen. Das Problem unserer Zeit liegt in der umdefinierung von Begriffen und der Popularisierung schlechter Entscheidungen. Sie kommen aus einer Zeit, als wir versuchten, das beste aus einem Verlorenen Krieg zu machen, sie mussten so sein wie sie waren, und sie machten ihre Sache gut. Die heutigen sind korrupt, von Amerikas young Leaders ausgebildet und haben keinen Bezug zum Volk.

  2. fehlen, Personen in hohen Ämtern in den Nationalstaaten oder den europäischen Institutionen mit genügendem Überblick über nationale wie internationale Fragen und ausreichender Urteilskraft. Es gibt wenige Ausnahmen ...": Dank an Helmut Schmidt und David Marsh für das Interview. Auf der politischen Ebene in vielen europäischen Staaten (Deutschland eingeschlossen) spielt sich jedoch ein sarkastisches Possenspiel ab, so daß ich es potentiellen Personen auch nicht verdenken kann, sich nicht auf diese Bretter zu stellen. - Alle politischen Parteien sind gefordert, intern auf die unerträglichen Konkurrenzspielchen zu verzichten und wieder zu wissen, wofür man eigentlich antritt. Mit einem solchen Schulterschluß gewinnt man auch Führungspersönlichkeiten. -

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  3. und noch weitere unsinnige Äußerungen von Helmut Schmidt waren enttäuschend.

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    • cvnde
    • 07.12.2010 um 22:15 Uhr

    Das mit der Atombombe hat Schmidt nicht gesagt.
    Er hat eine Möglichkeit einer späteren US-Administration angesporchen und wie sich die EU dann verhalten könnte.

    • cvnde
    • 07.12.2010 um 22:15 Uhr

    Das mit der Atombombe hat Schmidt nicht gesagt.
    Er hat eine Möglichkeit einer späteren US-Administration angesporchen und wie sich die EU dann verhalten könnte.

    • Chilly
    • 07.12.2010 um 18:24 Uhr

    der ZEIT nun auch hier auf ZEIT-Online zu finden ist. Ich hatte schon an anderer Stelle darauf hingewiesen.

    Es erstaunt mich, dass Helmut Schmidt so kurz nach seinem persönlichen Schicksalsschlag schon wieder eine so klare Analyse der gegenwärtigen ökonomischen und politischen Lage abgeben kann. Wenn man seine Trauer und Erschütterung bei der Trauerfeier für Loki gesehen hat, ist dies schon fast ein Wunder. Aber es scheint sich - wiedereinmal - zu bestätigen, dass neben einem brillianten Verstand diesen Mann noch etwas anderes auszeichnet: Haltung.

    Hiermit wäre wohl auch ein Element für die erste Gruppe seiner Dreiteilung der Menschheit genannt.

    CHILLY

  4. Eine Eventualität, dass Großbritannien jemals der Währungsunion beitreten könnte, hat sicher nie ernstlich bestanden. Die Währungshoheit, das verbriefte Recht, eine unabhängige nationale Geldpolitik zu betreiben, gilt als das kostbarste Gut der Nation. Briten würden sich niemals mit der Idee abfinden, ihre Geldpolitik aus Frankfurt diktieren zu lassen.

    So erklärt sich auch die jetzige ohnmächtige Wut gegen die Fed, die wie jedes normale unabhängige Land ihre Geldpolitik im Interesse der eigenen Nation verfolgt. Man hat bei uns offensichtlich nie bedacht, welche Rechte wir zugunsten Brüssels achtlos verspielt haben.

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    Eine Eventualität, dass Großbritannien jemals der Währungsunion beitreten könnte, hat sicher nie ernstlich bestanden. Die Währungshoheit, das verbriefte Recht, eine unabhängige nationale Geldpolitik zu betreiben, gilt als das kostbarste Gut der Nation. Briten würden sich niemals mit der Idee abfinden, ihre Geldpolitik aus Frankfurt diktieren zu lassen.

    Das war oder ist aber weniger eine Frage der Briten (schon gar nicht der Europäer) an sich sondern eher einer Frage der "Bank of England" und deren Hintermännern.

    Mit George Soros als Frontmann im Kampf gegen das britische Pfund führte seinerzeit eine Finanzdynastie der USA einen Mehrfrontenkrieg gegen eine andere Finanzdynastie, die hinter der "Bank of England" steht. Zwischendurch ging es auch mal gemeinsam gegen andere Finanzdynastien, dann wieder gegeneinander, wie gerade aktuell im asiatischen Raum.

    Aber sehr schön, wie Helmut Schmidt noch bei klarem Bewusstsein ist und messerscharf analysieren kann - auch wenn er uns wohlweislich auch einiges verschweigt.

    Schlußendlich hat Nigel Farage mit seinen Anklagen vollkommen recht - auch und gerade bzgl. des äußerst schwachen wie abhängigen Führungspersonals - was auch Helmut Schmidt nachdrücklich anspricht - wenn auch auf andere Weise.

    schauble will jetzt das komplette kontrolle uber die deutschen finanzen an brussel abgeben...

    wie nennt man sowas?..landesverat?

    Eine Eventualität, dass Großbritannien jemals der Währungsunion beitreten könnte, hat sicher nie ernstlich bestanden. Die Währungshoheit, das verbriefte Recht, eine unabhängige nationale Geldpolitik zu betreiben, gilt als das kostbarste Gut der Nation. Briten würden sich niemals mit der Idee abfinden, ihre Geldpolitik aus Frankfurt diktieren zu lassen.

    Das war oder ist aber weniger eine Frage der Briten (schon gar nicht der Europäer) an sich sondern eher einer Frage der "Bank of England" und deren Hintermännern.

    Mit George Soros als Frontmann im Kampf gegen das britische Pfund führte seinerzeit eine Finanzdynastie der USA einen Mehrfrontenkrieg gegen eine andere Finanzdynastie, die hinter der "Bank of England" steht. Zwischendurch ging es auch mal gemeinsam gegen andere Finanzdynastien, dann wieder gegeneinander, wie gerade aktuell im asiatischen Raum.

    Aber sehr schön, wie Helmut Schmidt noch bei klarem Bewusstsein ist und messerscharf analysieren kann - auch wenn er uns wohlweislich auch einiges verschweigt.

    Schlußendlich hat Nigel Farage mit seinen Anklagen vollkommen recht - auch und gerade bzgl. des äußerst schwachen wie abhängigen Führungspersonals - was auch Helmut Schmidt nachdrücklich anspricht - wenn auch auf andere Weise.

    schauble will jetzt das komplette kontrolle uber die deutschen finanzen an brussel abgeben...

    wie nennt man sowas?..landesverat?

    • WIHE
    • 07.12.2010 um 18:36 Uhr

    Bundesbankpräsident Tietmeyer war damals einer der wenigen Weitsichtigen in Deutschland. Er wurde mal im jahre 1997 von der Wochenzeitung DIEWOCHE befragt.
    Damals meinte er, der Himmel würde nicht einstürzen, wenn die Einführung des Euro verschoben würde.

    Ich bin mir fast sicher, in Wirklichkeit meinte er, der Himmel könnte einstürzen, wenn die Einführung des Euro nicht verschoben würde. Die Situation war nämlich damals die, dass diverse Staaten ihre Daten dahin trimmten, dass die Maastrichter Kriterien passgenau für das Jahr 1997 eingehalten wurden.
    Auch in der EU-Führung wusste oder ahnte man dies, weshalb man meinte, wenn der Euro nicht 1998 käme, dann käme er nie,
    eben weil die Kriterien dann schon nicht mehr eingehalten würden.
    Frankreich griff damals in die Rentenkasse der France Telekom, entnahm umgerechnet 12 Milliarden DM, steckte sie in seinen Haushalt und übernahm dafür entsprechende Pensionverpflichtungen.
    Auch Frankreich, von Wiedereinigung völlig unbelastet, konnte das 60 % Ziel bezüglich der maximalen Staatsverschudlung nicht einhalten und ist heute höher verschuldet als Deutschland, obwohl es bessere Startbedingungen, sprich geringere Staatsverschuldung hatte.
    Im Übrigen meine ich,Deutschland hat mit immensem Landverlust für den zweiten Weltkrieg bezahlt und hunderte Milliarden Euro netto an die EG (EU) überwiesen.
    Ich meine, wir sind quitt. Wenn uns die Europäer nicht mögen, sollten wir uns an die USA anhängen, die hier übrigens noch Atombomben lagern.

  5. kann ich Helmut Schmidts Ausführungen nachvollziehen. Seine Urteilskraft und Sachkompetenz hat mich , Jahrgang 1950, mein Leben lang, zwar nicht wesentlich klüger aber schon gar nicht dümmer werden lassen. Dafür tausend Dank an Helmut Schmnidt!
    Einer meiner Vorkommentatoren bescheinigt ihm klaren Verstand, gut erkannt..! Mich würde aber doch interessieren, welche Personen ihm, wenn möglich namentlich, vorschweben, die die von ihm beschriebenen Unzulänglichkeiten nicht aufweisen bzw. für die Probleme lösen könnten.

    • knuham
    • 07.12.2010 um 18:52 Uhr

    messen lassen, die da lauteten :

    """wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen..."""

    Realisten als Reaktionäre zu verschreien, kann ich nicht gerade als Altersweisheit bezeichnen.

    Wie Kohl Mitterand für einen Philosoph gehalten zu haben scheint, so ist Herr Schmidt mit Giscard wohl etwas zu sehr ins Schwärmen bezüglich Europa geraten.

    Europa ein Monolit, das wäre die Voraussetzung einer funktionalen Wirtschafts- und Währungsunion, ist nicht das Europa, von denen Demokraten sich eine Zukunft versprechen können.

    Das ist hart aber wahr. Lebenslügen helfen da einfach nicht weiter.

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    ...denselben Gedanken hatte ich auch, als ich las "und haben die strategische Notwendigkeit der europäischen Integration nicht verstanden."

    Nichts anderes als TINA will uns der Herr Schmidt hier vorsetzen. Ich mag seine klaren Worte, aber widerspruchsfrei sind seine Positionen selten.

    Deutschland als Monolith ist auch ein Deutschland, von dem sich z.B. sächsische Demokraten keine Zukunft versprechen können.
    Es geht darum, die "Checks and Balances" vernünftig zu gestalten und die ganze Kiste demokratischer zu gestalten.
    Und bedaure - aber wirtschaftlich kann sich Deutschland langfristig nunmal nicht mit Rußland, China, USA, Brasilien anlegen.

    ...denselben Gedanken hatte ich auch, als ich las "und haben die strategische Notwendigkeit der europäischen Integration nicht verstanden."

    Nichts anderes als TINA will uns der Herr Schmidt hier vorsetzen. Ich mag seine klaren Worte, aber widerspruchsfrei sind seine Positionen selten.

    Deutschland als Monolith ist auch ein Deutschland, von dem sich z.B. sächsische Demokraten keine Zukunft versprechen können.
    Es geht darum, die "Checks and Balances" vernünftig zu gestalten und die ganze Kiste demokratischer zu gestalten.
    Und bedaure - aber wirtschaftlich kann sich Deutschland langfristig nunmal nicht mit Rußland, China, USA, Brasilien anlegen.

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