OECD-Vize de Geus "Vollbeschäftigung in Deutschland ist möglich"

Die Spaltung des deutschen Arbeitsmarkts wird zum Problem, sagt OECD-Vize Aart de Geus. Im Interview erklärt er, warum ein geringerer Kündigungsschutz helfen kann.

ZEIT ONLINE: Herr de Geus, der hiesige Wirtschaftsminister Rainer Brüderle wähnt Deutschland auf dem Weg zur Vollbeschäftigung. Teilen Sie seinen Optimismus?

Aart de Geus: Eindeutig, ja. Allerdings muss man unterscheiden zwischen kurzfristigen, konjunkturellen und längerfristigen, strukturellen Tendenzen. Der deutsche Arbeitsmarkt entwickelt sich im Moment weit besser als in anderen Ländern Europas. Die Entwicklung wird sich langfristig fortsetzen, entscheidend getrieben durch die Alterung der Gesellschaft, die sich in Deutschland schneller als in anderen Industriestaaten vollzieht. Ich halte deshalb Vollbeschäftigung, also eine Arbeitslosenquote von drei bis vier Prozent, in den kommenden zehn Jahren für erreichbar – zumindest in der Mehrzahl der Bundesländer. Ich sage aber auch: Die Deutschen sollten glücklich sein, wenn es bis dahin noch etwas dauert.

ZEIT ONLINE : Warum?

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De Geus: Weil Vollbeschäftigung im deutschen Fall eine Kehrseite hat. Es bedeutet auch, dass der Mangel an Arbeitskräften akut wird. Dann fehlen Menschen, die in die Sozialkassen einzahlen, aus der die wachsende Zahl der Rentner finanziert werden muss. Wir sollten hoffen, dass mit der besseren Lage am Arbeitsmarkt auch die Angst der deutschen Arbeitnehmer verschwindet, eine Familie zu gründen und Kinder zu zeugen. Für Deutschland wäre eine höhere Geburtenrate und eine leicht höhere Arbeitslosigkeit besser, als nur noch drei oder vier Prozent Arbeitslosigkeit.

ZEIT ONLINE: Angenommen, ihre Prognose stimmt: Warum sollten sich die deutschen Arbeitnehmer darüber freuen?

Aart de Geus
Aart de Geus

ist stellvertretender Generalsekretär der Industriestaaten-Organisation OECD in Paris. Er verantwortet unter anderem die Arbeit der Organisation zu Sozialsystemen und Arbeitsmärkten. Von 2002 bis 2007 war er Arbeits- und Sozialminister in den Niederlanden.

De Geus: Die Machtverhältnisse zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern werden sich zugunsten der Lohnempfänger verschieben. Das hilft vor allem den jungen und gut ausgebildeten. Sie werden künftig höhere Löhne und bessere Verträge verhandeln können. Aber natürlich werden nicht alle gleichermaßen profitieren.

ZEIT ONLINE: Wo verläuft die Trennlinie?

De Geus: Deutschland hat, ähnlich wie andere Industrieländer, den Arbeitsmarkt flexibilisiert – aber nur teilweise. Dadurch ist eine schmerzhafte Zweiteilung entstanden. Einerseits gibt es die Kernbelegschaft, meist ausgestattet mit unbefristeten Verträgen und bestens geschützt. Dieser Gruppe konnte auch die Krise weitgehend nichts anhaben. Deshalb waren auch Bilder von protestierenden Arbeitern, die ihren Job verloren haben, in den vergangenen Monaten kaum zu sehen. Andererseits gibt es einen wachsenden Teil der Beschäftigten, die im flexiblen Teil des Arbeitsmarkts beschäftigt sind: Zeitarbeiter, Teilzeitkräfte, Arbeitnehmer mit befristeten Verträgen. Sie haben in der Krise verloren, weil sie als erste arbeitslos wurden. Das Problem ist nicht die Zweiteilung als solche, sondern die fehlende Fluktuation zwischen diesen Welten. Das betrifft nicht nur Deutschland, sondern auch andere Industriestaaten.

Leser-Kommentare
    • Chali
    • 15.12.2010 um 10:59 Uhr

    Wenn wir alle gaaaanz gaaanz fest glauben, dann kommt der Messias und alles wird gut. Wenn es nicht gut geht, habt ihr eben nicht fest genug geglaubt uns seit folglich selber Schuld.

    Und zur Sicherheit werden wir bis dahin die Statistik ein wenig gefälliger aufbereiten.

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    Wer braucht einen Messias, wenn Karl-Theodor von und zu Guttenberg mit der säulenheiligen Stephanie nur noch ernannt werden müssen?
    Dann wird die Vollbeschäftigung ganz von allein kommen. Sie werden sehen: Milch und Honig werden fließen und ganz Deutschland wird zu dem, was Bayern jetzt schon ist;
    ein Hort der Glückseligkeit ...

    ist keine Lösung für das geschilderte Problem. Arbeitnehmer sind u.a. auch ein unternehmerisches Risiko. Je weniger flexibel desto vorsichtiger wird neues Personal eingestellt.
    Durch Zeitarbeit und geringfügige Beschäftigungsverhältnisse wurde das kompensiert. Unternehmen schaffen nun weniger klassische Arbeitsverhältnisse und könne sich so in den Krise und wenn nötig auch leicht wieder von Ihnen trennen. Der Nachteil liegt darin das diese Arbeitnehmer deutlich weniger verdienen.
    Sie sehen es schon richtig, Sicherheit gibt es keine. Für ihrne Zynismus aber auch keinen Grund, denn wenn er generell wirklich angebracht wäre, dann hätte die deutsche Industrie in der Krise ganz anders reagiert.
    Im Gegenteil werden schlechte Arbeitgeber ebenfalls geschützt, weil die Abstimmung mit den Füssen im Boom ebenfalls ausbleibt.

    H.

    Wenn er sich schon darauf berufen muss, dass ihm die Geschichte recht geben wird ist das ganz schwach! Denn nur so kann ihm niemand wiedersprechen. Wenn er nicht in der Lage ist, seine Forderungen aus einer anderen Begründung heraus darzustellen ist das nicht besonders kompetent.

    Es glaubt doch nicht ernsthaft jemand, dass wir die Misere, die erst dadurch entstanden ist, weil wir den Unternehmen entgegengekommen sind dadurch lösen, indem wir ihnen noch mehr entgegenkommen. Wann kommen die Unternehmen uns endlich mal entgegen?! Die Wirtschaft ist für den Menschen da nicht umgekehrt. Und kommt mir bitte nicht mit den Produkten, die die Unternehmen herstellen, die sich keiner leisten kann und die Hälfte nicht hält was es verspricht, weil es aus China kommt, vom Support mal ganz abgesehen.

    So richtig er die Konflikte darstellt so bizarr ist doch sein Lösungsansatz. Ich bin vom Menschen- und Gesellschaftsbild der OECD doch sehr enttäuscht.

    Wer braucht einen Messias, wenn Karl-Theodor von und zu Guttenberg mit der säulenheiligen Stephanie nur noch ernannt werden müssen?
    Dann wird die Vollbeschäftigung ganz von allein kommen. Sie werden sehen: Milch und Honig werden fließen und ganz Deutschland wird zu dem, was Bayern jetzt schon ist;
    ein Hort der Glückseligkeit ...

    ist keine Lösung für das geschilderte Problem. Arbeitnehmer sind u.a. auch ein unternehmerisches Risiko. Je weniger flexibel desto vorsichtiger wird neues Personal eingestellt.
    Durch Zeitarbeit und geringfügige Beschäftigungsverhältnisse wurde das kompensiert. Unternehmen schaffen nun weniger klassische Arbeitsverhältnisse und könne sich so in den Krise und wenn nötig auch leicht wieder von Ihnen trennen. Der Nachteil liegt darin das diese Arbeitnehmer deutlich weniger verdienen.
    Sie sehen es schon richtig, Sicherheit gibt es keine. Für ihrne Zynismus aber auch keinen Grund, denn wenn er generell wirklich angebracht wäre, dann hätte die deutsche Industrie in der Krise ganz anders reagiert.
    Im Gegenteil werden schlechte Arbeitgeber ebenfalls geschützt, weil die Abstimmung mit den Füssen im Boom ebenfalls ausbleibt.

    H.

    Wenn er sich schon darauf berufen muss, dass ihm die Geschichte recht geben wird ist das ganz schwach! Denn nur so kann ihm niemand wiedersprechen. Wenn er nicht in der Lage ist, seine Forderungen aus einer anderen Begründung heraus darzustellen ist das nicht besonders kompetent.

    Es glaubt doch nicht ernsthaft jemand, dass wir die Misere, die erst dadurch entstanden ist, weil wir den Unternehmen entgegengekommen sind dadurch lösen, indem wir ihnen noch mehr entgegenkommen. Wann kommen die Unternehmen uns endlich mal entgegen?! Die Wirtschaft ist für den Menschen da nicht umgekehrt. Und kommt mir bitte nicht mit den Produkten, die die Unternehmen herstellen, die sich keiner leisten kann und die Hälfte nicht hält was es verspricht, weil es aus China kommt, vom Support mal ganz abgesehen.

    So richtig er die Konflikte darstellt so bizarr ist doch sein Lösungsansatz. Ich bin vom Menschen- und Gesellschaftsbild der OECD doch sehr enttäuscht.

    • jop
    • 15.12.2010 um 11:00 Uhr

    Problem: für Arbeitnehmer ist es schwierig, langfristig sichere Jobs zu bekommen.
    Lösung: wir schaffen langfristig sichere Jobs einfach prinzipiell ab.

    Das kann nur von einem Wirtschaftsexperten kommen :-)

    10 Leser-Empfehlungen
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    • ludna
    • 15.12.2010 um 11:54 Uhr

    Passiert ja gerade. Die Kernbelegschaften gehen bald in Rente, dann bleiben nur noch die, dann nicht mehr so jungen, Zeitarbeitnehmer.

    • ludna
    • 15.12.2010 um 11:54 Uhr

    Passiert ja gerade. Die Kernbelegschaften gehen bald in Rente, dann bleiben nur noch die, dann nicht mehr so jungen, Zeitarbeitnehmer.

    • Chali
    • 15.12.2010 um 11:04 Uhr

    Wenn wir mit dem Posten des stellvertretenden Generalsekretärs der Industriestaaten-Organisation OECD anfangen? Kein Kündigungsschutz, keine Altersversorgung, kein Übergangsgeld, dafür aber HartzIV bis zum Lebensende?

    Wenn der Herr bei sich selbst den Anfang machen würde, ja dannn ...

  1. erweitert den Horizont.
    "Das geht nur, wenn wir den Schutz für diese Gruppe der Beschäftigten senken."
    Der Herr hätte sich erst mal kundig machen sollen, bevor er hier mit vermeintlichen Verbesserungsvorschlägen auftritt.

    • deva
    • 15.12.2010 um 11:07 Uhr

    der Anhänger der neoliberalen Ideologie wird vorübergehen - notfalls muss dieser mit einem a la Robespierres beendet werden

  2. Ja, haben wir denn nun einen Fachkräftemangel oder nicht? Wenn ja, kann das, was wir oben lasen, wohl kein Thema sein. Dann reißen sich die Firmen um die gut ausgebildeten Leute.
    Andererseits gibt es eine ganz einfache Lösung: Zeitarbeitsfirmen müßten gezwungen werden, ihre Mitarbeiter besser zu bezahlen als die Stammarbeiter, die sie ergänzen. Der Zeitarbeiter bekäme dann für seine Flexibilität einen Ausgleich. Und die Flexibilität von Zeitarbeitern könnte auch noch erhöht werden, indem z.B. ein Industrie-Zeitarbeiter auch zum Schneeräumen eingesetzt wird, bei guter Bezahlung versteht sich, wenn gerade nichts anderes zu tun ist.
    "Vollbeschäftigung" ist natürlich ein Witz, solange unser Bildungssystem es zuläßt, daß eine sehr hohe Quote an Menschen ohne hinreichende Grundbildung die Schule verläßt. Die wenigsten dieser Menschen werden Jobs finden, mit denen sie ihre Familie ernähren können. Und die wenigsten werden es schaffen, später doch noch eine Facharbeiter-Ausbildung zu beenden und so dem "wirklichen" Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen.

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    • Chali
    • 15.12.2010 um 11:23 Uhr

    Wenn ein Neoliberaler von "Arbeit" redet, dann meint er einfach, dass der Betreffende keine Freizeit hat. Unter "Arbeit" wird aber niemals verstanden, dass Sie sich - geschweige denn: einer Familie - ein eigenständiges Leben ermöglichen können.

    Insofern gibt es in der Tat einen Fachkräftemangel, weil die Leute, die was können, Republikflucht begehen und im Ausland richtig Geld verdienen. Es gibt lediglich einen Mangel an Facharbeitern, die für den von christlichen Gewerkschaften ausgehandelten Lohn mal so richtig anpacken!

    Unglücklicherweise ist Republikflucht als Straftatbestand ja abgeschafft worden - voreiliog, wie sich jetzt herausstellt.

    • Chali
    • 15.12.2010 um 11:23 Uhr

    Wenn ein Neoliberaler von "Arbeit" redet, dann meint er einfach, dass der Betreffende keine Freizeit hat. Unter "Arbeit" wird aber niemals verstanden, dass Sie sich - geschweige denn: einer Familie - ein eigenständiges Leben ermöglichen können.

    Insofern gibt es in der Tat einen Fachkräftemangel, weil die Leute, die was können, Republikflucht begehen und im Ausland richtig Geld verdienen. Es gibt lediglich einen Mangel an Facharbeitern, die für den von christlichen Gewerkschaften ausgehandelten Lohn mal so richtig anpacken!

    Unglücklicherweise ist Republikflucht als Straftatbestand ja abgeschafft worden - voreiliog, wie sich jetzt herausstellt.

  3. Sehr geehrter Herr De Geus,

    Ihre Prognose überzeugt mich nicht!
    Selbst falls Ihre vorrausgesagte Arbeitslosenquote, welche sich mit Weiterbildungsmaßnahmen, Ein-Euro-Jobs und anderen Kniffen der statistischen Trickkiste einfach schönfärben läßt, zutreffen sollte, haben wir doch trotzdem die von Ihnen angesprochenen Probleme einer alternden Gesellschaft.

    "Kinder bekommen die Leute immer" hat Adenauer mal gesagt, als die bundesdeutschen Sozialsysteme installiert wurden.
    Leider hat er sich getäuscht.

    Daher ist eine lohnabgabenfinanzierte Rente mittelfristig in Deutschland nicht mehr bezahlbar!

    Anstatt diesen Sachverhalt totzuschweigen, sollten wir eine offene Diskussion über die Konsequzen führen.

    Ideen gibt es genügend, beispielsweise ein "Bedingungsloses Grundeinkommen"
    http://www.unternimm-die-...

    http://www.youtube.com/wa...

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Bei weniger Arbeitslosen fehlen Leute die in die Sozialkassen einzahlen, also paradoxer geht es nicht.

    Widersprüche über Widersprüche. Der Kündigungsschutz war gut, aber....ich kann dieses Neoliberale Gewäsch nicht mehr ertragen.

    Gerade wird meiner Generation die Zukunft gestohlen. Ein schlecht bezahlter job ist selbst für Akademiker ein Lottogewinn. Familienplanung, Hauskauf, das Ansparen von Kapital, leider mittlerweile Dinge der Unmöglichkeit für meine Generation.

    Wir haben 8 Mio. Unterbeschäftigte und würde ich meines gleichen hinzuzählen sind es wohl eher 15 Mio.

    Hoffentlich kommt bald der Große Knall mit dem finanziellen Game Over der westlichen Staaten. Nur ein Neuanfang kann uns noch retten.

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    Das hat doch mit neoliberal nichts zu tun.
    Hier geht es um simple Logik.

    Wenn sie ein Unternehmen haben mit schwankenden Umsätzen, so werden auch sie nur Leute zu teuren und wenig flexiblen Konditionen nur einstellen um den erfahrungsgemäßen Mindestumsatz abzüglich Sicherheitsabschlag bedienen zu können. Alles andere wäre doch Harakiri.
    Darüber hinaus versorgen Sie sich dann mit Zeitarbeitern und geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen, die Sie schnell wieder los, oder ohne gewerkschaftlichen Krawall anderswo einsetzen können.

    Das sind Fakten deren Ignoranz das Problenm nicht löst.

    H.

    Das hat doch mit neoliberal nichts zu tun.
    Hier geht es um simple Logik.

    Wenn sie ein Unternehmen haben mit schwankenden Umsätzen, so werden auch sie nur Leute zu teuren und wenig flexiblen Konditionen nur einstellen um den erfahrungsgemäßen Mindestumsatz abzüglich Sicherheitsabschlag bedienen zu können. Alles andere wäre doch Harakiri.
    Darüber hinaus versorgen Sie sich dann mit Zeitarbeitern und geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen, die Sie schnell wieder los, oder ohne gewerkschaftlichen Krawall anderswo einsetzen können.

    Das sind Fakten deren Ignoranz das Problenm nicht löst.

    H.

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