Nach Überwindung der Wirtschaftskrise folgt die Einkommensverteilung hierzulande wieder ihrem langjährigen Muster: Die Schere zwischen den Einkommen aus Löhnen einerseits sowie aus Gewinnen und Kapitalerträgen andererseits geht in Deutschland laut einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung weiter auseinander. Bruttolöhne aus Erwerbsarbeit machten demnach 2010 im ersten Halbjahr 65,5 Prozent aus und damit 2,9 Prozentpunkte weniger als 2009. Bruttogewinne hingegen hatten im ersten Halbjahr einen Anteil von 34,5 Prozent am Volkseinkommen – 2,9 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr.

In der Krise hatte sich die Einkommensverteilung im vergangenen Jahr erstmals seit Jahren zugunsten der Arbeitnehmer geändert. Das lag aber vor allem am starken Einbruch der Unternehmensgewinne. Die Bruttolöhne stagnierten derweil. Nun setze sich der langjährige Verteilungstrend in Deutschland aber wieder fort, erklärte Studienautor Claus Schäfer vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Stiftung. Das aktuelle Sparpaket der Regierung und die geplante Gesundheitsreform verschärften die ungleiche Verteilung noch weiter, kritisierte er.

Das gesunkene Kaufkraftpotenzial der Arbeitseinkommen lasse sich auch an der sogenannten Bruttolohnquote ablesen, die auf 65,5 Prozent zurückgegangen sei. 2009 lag die Quote, die das Verhältnis der Entgelte zum Volkseinkommen angibt, noch bei gut 68 Prozent. Auch wenn das Weihnachtsgeld in diesen Zahlen noch nicht berücksichtigt sei, spreche der Trend für sich. Schäfer: "Wir sehen das alte Muster: Die Gewinn- und Kapitaleinkommen, die einer überwiegend relativ kleinen Bevölkerungsgruppe zufließen, wachsen deutlich schneller als die Lohneinkommen."

Im ersten Halbjahr 2010 wuchsen die Einkommen aus Vermögen "wie gewohnt" deutlich schneller als die Lohneinkommen: Sie legten um 19,5 Prozent zu, die Lohneinkommen dagegen nur um 1,9 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2009, wie es in der Studie heißt. Grund seien bescheidene effektive Lohnzuwächse und die Tatsache, dass eine zunehmende Zahl von Beschäftigten einen unsicheren Job mit schlechter Bezahlung habe.

Insgesamt betrug das Volkseinkommen laut Studie in der ersten Jahreshälfte 912,6 Milliarden Euro brutto. Im vergangenen Jahr hatte diese Summe in den ersten sechs Monaten nur 856 Milliarden Euro betragen. Am Jahresende stand sie bei knapp 1792 Milliarden – deutlich weniger als die 1871 Milliarden Volkseinkommen im Jahr 2008.