Unter Umweltschützern und in globalisierungskritischen, alternativen Kreisen allgemein heißt (neo)liberal soviel wie naiv und gewissenlos. Als naiv gelten Liberale, weil sie glaubten, dass der Markt alles von sich aus effizient regle. Und da selbst Liberale erkennen müssten, dass der Markt bestenfalls Wirtschaftswachstum hervorbringe, dies jedoch auf Kosten der Umwelt, der sozial Schwachen und der Entwicklungsländer, seien sie zudem in ihrem materialistischen Wachstumswahn gewissenlos.

Die Parteipolitik reduziert den Wirtschaftsliberalismus auf Wahlkampfsprüche: Die einen fordern mehr Netto vom Brutto und Leistung muss sich wieder lohnen, die anderen kritisieren die inhumane Ellenbogengesellschaft. Die Unternehmensverbände wiederum berufen sich auf den Wirtschaftsliberalismus, um unliebsame Staatseingriffe abzuwehren, verlangen jedoch gleichzeitig staatliche Subventionen und Wettbewerbsbeschränkungen.

Weitgehend ignoriert wird die lange und vielseitige, intellektuelle und politische Tradition des Wirtschaftsliberalismus. Diese historische Perspektive ermöglicht es, Liberalismus und Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen. Der Liberalismus ist aus der Aufklärung hervorgegangen, in der die individuelle Freiheit als höchstes Gut galt: nach eigenem Ermessen zu denken, zu glauben, zu reden und zu handeln.

Entsprechend misst der Liberalismus auch der wirtschaftlichen Freiheit große Bedeutung bei – als Ausdrucksform der persönlichen Freiheit und zugleich als einer ihrer Voraussetzungen. Denn unterliegen die Bürger in ihrem wirtschaftlichen Handeln nicht dem Staat, können sie auch andere Bereiche ihres privaten und gesellschaftlichen Lebens leichter staatlicher Kontrolle entziehen. Um Freiheit zu erreichen, sind Abstriche an anderen Zielen hinzunehmen; ein Gewinn an Freiheit rechtfertigt auch eine Einbuße an wirtschaftlicher Effizienz.

Diese Charakterisierung macht deutlich, dass der Liberalismus nicht für alle mit wirtschaftlichen Argumenten begründeten Positionen herangezogen beziehungsweise verantwortlich gemacht werden darf. Das gilt am offensichtlichen dort, wo Unternehmen sich als Vertreter des Wirtschaftsstandorts Deutschland aufführen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Wenn der Verband der Stromproduzenten oder der Zementindustrie gegen den Handel mit Emissionszertifikaten wettern, vertritt sie keine liberalen, sondern eigennützige Positionen – und verdienen entsprechend nicht, anerkennend oder herabsetzend als (neo)liberal tituliert zu werden.

Grundsätzlicher noch darf selbst der übermäßige Drang nach Wirtschaftswachstum nicht als liberal bezeichnet werden. Der Liberalismus fordert, dass Menschen ihre Individualität ausleben können, insoweit sie das Leben anderer nicht wesentlich beeinträchtigen, und dass Einschränkungen maßvoll und gerecht vorzunehmen sind; ein Anspruch auf einen gehobenen Lebensstandard oder gar Luxus sind dem Liberalismus fremd.