Schon auf dem Flughafen in Zürich rührt Indien kräftig die Werbetrommel. Auch auf dem Weg ins verschneite Davos macht der Subkontinent mit bunten Plakaten in der weißen Winterwelt auf sich aufmerksam. Von wegen armes Schwellenland. Mitten im Herzen des alten Europa zeigt die frühere Kolonie den etablierten Führern der erschütterten Nach-Krisen-Welt deutlich sichtbar ihr neues Selbstbewusstsein.

Mit weniger Außenwerbung, aber dafür mit unverkennbarem Muskelspiel tritt der zweite Star-Gast des diesjährigen Weltwirtschaftsforums in den Schweizer Alpen auf: Seit China die Finanzkrise nahezu unbeschadet überstanden hat, ist der stille Stolz Pekings in Triumph, ja Arroganz umgeschlagen. Mit 2,7 Billionen Dollar Währungsreserven, einer Einwohnerschaft von einem Fünftel der Weltbevölkerung und mit ungebremstem Wirtschaftswachstum führt in der neuen globalen Hackordnung kein Weg mehr an China vorbei.

Das Titelthema des Weltwirtschaftsforums 2011 lautet nicht ohne Grund Shared Norms for the New Reality. Mit dieser Überschrift wird zugleich das hehre Ziel beschrieben, nicht nur gemeinsame Regeln für die neue Wirklichkeit nach der Krise zu vereinbaren, sondern diese Regeln auch für alle verbindlich zu machen. Was nutzen die schönsten Beschlüsse der vielen G-20-Gipfel, wenn sich nur die Staaten mit demokratischer Rechtsstaatstradition daran halten, nicht aber die künftige Supermacht China?

Die Neuvermessung der Welt, an der sich in Davos erneut Hunderte Top-Manager und Spitzenpolitiker versuchen, wird nur funktionieren, wenn die Verschiebung der Achsen auf globale Akzeptanz stößt. Ohne China und Indien, aber auch ohne die anderen großen Schwellenländer Brasilien und Indonesien ist künftig keine Einigung in relevanten Fragen mehr denkbar. Die gescheiterten Klimaverhandlungen in Kopenhagen und die provozierende Verweigerung Chinas sind den westlichen Regierungschefs der alten G-7-Runde noch in allzu deutlicher Erinnerung. Vor laufenden Kameras zeigten die Machthaber aus Peking den Staatschefs der EU und Amerikas die neuen, engeren Grenzen ihrer Macht auf.

In Zukunft, so lauten in Davos Appell und Hoffnung zugleich, sollen sich auch die wichtigen Schwellenländer an die Spielregeln halten, die sie gemeinsam mit dem alten Führungsklub der westlichen Industriestaaten in der neuen Weltregierung der G-20 aufstellen.

Vor allem am ersten Tag des WEF, wie das Elite-Treffen im Schweizer Skiort kurz genannt wird, dreht sich deshalb alles um China und Indien. Man will möglichst viel von den beiden wichtigsten Spielern, von ihren Plänen und Unternehmen wissen. Nach welchen Regeln funktionieren die künftigen chinesischen Weltkonzerne? Was sind die Konsequenzen und Kollateralschäden des enormen Wachstums? Entwickelt sich die neue Supermacht unter Wahrung oder Missachtung nationalen und internationalen Rechts? Nicht zuletzt: Welche Rolle spielen, nach der Kapitulation von Google in China, künftig die Medien, vor allem das Internet? Und wie sieht es mit der Werthaltigkeit der Immobilien aus, wo nach Einschätzung vieler Experten im Reich der Mitte die größte Gefahr für die nächste gefährliche Blase lauert?

Auch die Themen, die auf den zahlreichen Indien-Podien zur Diskussion stehen, deuten auf kritische, zumindest sensible Bereiche hin: Stehen die indische Regierung und die schwerfällige Verwaltung des Landes der schnell wachsenden Wirtschaft im Weg? Kann die katastrophale Infrastruktur des Subkontinents überhaupt Schritt halten mit der explosionsartigen Zunahme der Bevölkerung und dem stürmischen Wirtschaftswachstum? Oder stößt das auf den bunten Werbeplakaten gepriesene Erfolgsmodell Indien schon sehr bald an seine Grenzen, weil Straßen und schnelle Bahnverbindungen ebenso fehlen wie moderne Häfen und Flugplätze?