Agrar- und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner © Sean Gallup/Getty Images

Wie die aufgescheuchten Hühner fallen zurzeit die politischen Gegner über Verbraucherministerin Ilse Aigner her. Die Kritik an ihrer Reaktion auf den Dioxin-Skandal ist reflexhaft und billig. Vor allem, wenn die massiven Anwürfe aus den Reihen derer kommen, die wissen, wie schwer es ist, in diesem Land eine weitsichtige Agrar- und Verbraucherpolitik zu gestalten.

Vorneweg im Wahlkampf-Getöse posaunt Renate Künast mit ihrer Forderung nach einem Rücktritt von Ilse Aigner. Dabei hatte die Fraktionschefin der Grünen während ihrer Amtszeit als Verbraucherministerin selbst ausreichend Gelegenheit, jene Strukturen in der Futtermittelindustrie zu ändern, die sie jetzt beklagt und die vermutlich zum Dioxin-Skandal führten.

Auch wenn die wiederkehrenden Skandale in der Lebensmittelbranche Wut und Ungeduld vieler Verbraucher nachvollziehbar machen, sollte sich eine Ministerin nicht zum populistischen Aktionismus hinreißen lassen. Es ist gut, dass Aigner dieser Versuchung widerstand. Zumal bis heute, das wollen viele offensichtlich nicht wahrhaben, die Hintergründe des aktuellen Futtermittelskandals noch im Dunkeln liegen . Der Fall dürfte noch so manche Überraschung bringen.

Das darf natürlich nicht zur Untätigkeit führen. Doch eine Ministerin derart niederzumachen, weil sie nach einem anstrengenden Tag im Fernsehen nicht mehr ganz so frisch und zupackend wirkt, wie es die medialen Experten gerne hätten, ist unfair und wird der Sache nicht gerecht.

Zunächst einmal: Aigner sitzt zwischen Baum und Borke. Die Verantwortung für die Futtermittel- und Lebensmittelkontrolle liegt bei den Bundesländern. Und die Gesetze zur Sicherheit von Lebensmitteln werden zunehmend in Brüssel gemacht. Dort aber mahlen die Mühlen langsam. Ilse Aigner nutzt ihre Spielräume so gut es geht. Ihr Aktionsplan taugt durchaus dazu, die größten Lücken im Gesetz und bei den Kontrollen zu schließen.

So ist die Trennung der Produktionsstränge zwischen Rohstoffen für Futtermittel und jenen für die industrielle Verwendung sehr wichtig. Außerdem soll die Pflicht zu Kontrollen verschärft werden. Die Ergebnisse müssen – auch von den Laboratorien – gemeldet werden.

Die Antworten auf die wichtigsten Fragen zu Dioxin in Futter- und Lebensmitteln © Sean Gallup/Getty Images

Aigner will außerdem mehr Transparenz für Verbraucher. Dazu soll das einschlägige Gesetz geändert werden. Die angekündigte Positivliste, in der alle erlaubten Zutaten für Futter festgeschrieben werden, ist überfällig. Um sie einzuführen, braucht Aigner eine Regelung der EU. Nur dort kann eine solche Liste verpflichtend verabschiedet werden. Alle anderen Forderungen könnten allein auf nationaler Ebene umgesetzt werden.

Der grobe Rahmen stimmt also. Aus leidvoller Erfahrung wissen Verbraucherschützer allerdings, dass es in der Praxis auf die – meist in kleinen Zirkeln – umkämpften Details ankommen wird. So klingt es zum Beispiel gut, Kontrollen vorzuschreiben. Entscheidend aber wird sein, wann und wie oft diese Kontrollen stattfinden müssen und wie sichergestellt wird, dass die Ergebnisse nicht nur in Ordnern und Papierkörben der Firmen landen, sondern an die zuständigen Ämter weitergeleitet werden.

Zugestanden: Die mehr und mehr geforderte Agrarwende weg von der industriellen Massenproduktion wird mit Aigners Aktionsplan nicht eingeleitet. Sie muss ein Ziel bleiben. Doch bis das große Ziel erreicht wird, kann es nicht schaden, die schlimmsten Auswüchse nebulöser Geschäfte mit unseren Lebensmitteln zu verhindern.