Dioxin-SkandalBillige Kritik an Aigner

Der Aktionsplan der Ministerin bringt nicht die oft geforderte Agrarwende. Aber er kann die schlimmsten Auswüchse nebulöser Geschäfte verhindern, kommentiert G. Lütge. von 

Agrar- und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner

Agrar- und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner  |  © Sean Gallup/Getty Images

Wie die aufgescheuchten Hühner fallen zurzeit die politischen Gegner über Verbraucherministerin Ilse Aigner her. Die Kritik an ihrer Reaktion auf den Dioxin-Skandal ist reflexhaft und billig. Vor allem, wenn die massiven Anwürfe aus den Reihen derer kommen, die wissen, wie schwer es ist, in diesem Land eine weitsichtige Agrar- und Verbraucherpolitik zu gestalten.

Vorneweg im Wahlkampf-Getöse posaunt Renate Künast mit ihrer Forderung nach einem Rücktritt von Ilse Aigner. Dabei hatte die Fraktionschefin der Grünen während ihrer Amtszeit als Verbraucherministerin selbst ausreichend Gelegenheit, jene Strukturen in der Futtermittelindustrie zu ändern, die sie jetzt beklagt und die vermutlich zum Dioxin-Skandal führten.

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Auch wenn die wiederkehrenden Skandale in der Lebensmittelbranche Wut und Ungeduld vieler Verbraucher nachvollziehbar machen, sollte sich eine Ministerin nicht zum populistischen Aktionismus hinreißen lassen. Es ist gut, dass Aigner dieser Versuchung widerstand. Zumal bis heute, das wollen viele offensichtlich nicht wahrhaben, die Hintergründe des aktuellen Futtermittelskandals noch im Dunkeln liegen . Der Fall dürfte noch so manche Überraschung bringen.

Das darf natürlich nicht zur Untätigkeit führen. Doch eine Ministerin derart niederzumachen, weil sie nach einem anstrengenden Tag im Fernsehen nicht mehr ganz so frisch und zupackend wirkt, wie es die medialen Experten gerne hätten, ist unfair und wird der Sache nicht gerecht.

Was ist Dioxin?

Dioxine sind Umweltgifte, die besonders langlebig sind. Der Begriff bezieht sich auf zwei Klassen von Kohlenwasserstoffverbindungen, die unterschiedlich stark mit Chlor versetzt sind. Insgesamt sind 210 solcher Verbindungen bekannt. Sie teilen sich in 75 polychlorierte Dibenzo-p-dioxine (PCDD) und in 135 polychlorierte Dibenzofurane (PCDF) auf.

Die Grundstruktur des Moleküls bilden häufig Benzolringe an beiden Enden, an denen Chlor-Atome hängen. Nur wenn die Benzolringe in einer Ebene liegen, kann das Molekül seine toxische Wirkung entfalten.

Das giftigste Dioxin ist das als Seveso-Gift bekannte 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin (TCDD), bei dem Sauerstoffatome die Benzolringe zusammenhalten.

Im italienischen Seveso ereignete sich am 10. Juli 1976 eine der größten Chemiekatastrophen. Dabei wurden große Mengen der toxischen Verbindung freigesetzt. Pflanzen und Tiere verendeten, Menschen erkrankten unter anderem an Eiterpusteln im Gesicht, der Chlorakne. Die Seveso-Katastrophe führte international zu schärferen Gesetzen und der Ächtung von Umweltgiften.

Neben den Dioxinen gibt es die zum Teil ebenfalls gesundheitsschädlichen, dioxinähnlichen Polychlorierten Biphenyle (PCB). Hiervon sind 209 Verbindungen bekannt.

Wie entsteht es?

Dioxin entsteht unerwünscht etwa bei Industrie- und Verbrennungsprozessen mit Chlor und organischem Kohlenstoff. Nach Informationen des Umweltbundesamtes wird das Umweltgift bei 300 Grad Celsius und mehr gebildet und ab Temperaturen von 900 Grad zerstört. Entsprechende Hitze entwickelt sich zum Beispiel in der Metall- und Stahlproduktion, in der Müllverbrennung oder bei Hausbränden. Allerdings müssen bestimmte Ausgangsmoleküle und chemische Katalysatoren vorhanden sein, damit sich Dioxon-Verbindungen bilden können.

Auch bei allen chemischen Produktionsverfahren, in denen Chlor verwendet wird, können die Stoffe entstehen.

In der Natur kommen Dioxine mitunter dort vor, wo Wälder verbrennen oder Vulkane ausbrechen. Im Laufe der Erdgeschichte haben sich viele Umweltgifte so in Ton und Erde angereichert.

Kiloweise Dioxine wurden in den 1980er Jahren in die Umwelt gebracht. In Pflanzenschutzmitteln und Chemikalien wie PCB fanden sich viele toxische Verbindungen. Mittlerweile gibt es Grenzwerte und scharfe Gesetze sowie PCB-Verbote, die diese Dioxinbelastung drastisch verringert haben.

Gesundheitsgefahr

Bereits geringe Mengen an Dioxinen können für den Menschen gefährlich sein. Allerdings kommt es durch belastete Lebensmittel nicht zu akuten Symptomen. Die giftigen Stoffe sind allerdings sehr langlebig und können jahrzehntelang im Körper verbleiben, ehe sie sich abgebaut haben. So gibt es chronische Effekte, wenn über lange Zeit hinweg auch niedrige Dioxin-Mengen in den Körper gelangen.

Die Folgen wurden in Tierversuchen beschrieben und reichen von Störungen des Immunsystems, schweren Haut- und Atemwegserkrankungen bis hin zu Schilddrüsen- und Darmschäden. Das giftigste Dioxin TCDD gilt als krebserregend, auch wenn bei dem Gift-Skandal in Seveso keine erhöhten Krebsraten nachgewiesen wurden. Bestehende Grenzwerte sind eine Vorsichtsmaßnahme. Sie sagen nichts über die tatsächliche Gesundheitsgefahr aus.

90 bis 95 Prozent des Dioxins, das in den menschlichen Stoffwechsel gelangt, wird über die Nahrung aufgenommen. Fast zwei Drittel davon steckt in Fleisch und Milchprodukten, weil sich die Umweltgifte im Fettgewebe anreichern. Fische sind, je nach Fettgehalt, zum Teil stärker belastet. Allerdings werden vergleichsweise weniger davon verzehrt.

Ein erwachsener Mensch nimmt jeden Tag in Deutschland im Durchschnitt zwischen 48 und 138 Pikogramm Dioxine auf (1 Pikogramm = 1 pg = 1 Billionstel Gramm). Diese Daten stammen aus den Jahren 2000 und 2003. Daher schätzt das Bundesumweltamt, dass die Belastung derzeit noch niedriger ist.

Wie das Bundesinstitut für Risikobewertung mitteilt, liegt der Dioxingehalt bei Proben aus dem Januar 2010 über dem von der EU festgelegten Höchstgehalt. Für Eier beträgt dieser drei Pikogramm pro Gramm Fett. Eine akute Gesundheitsgefahr ergibt sich darasu nicht. Wer ein Ei mit einem erhöhten Dioxingehalt gegessen hat, wird nichts merken.

Belastung

Obwohl Dioxine nie im industriellen Maßstab hergestellt worden sind, finden sie sich in der Umwelt und vor allem im Boden. Über die Luft oder den Einsatz von Düngern (z.B. aus Klärschlamm) gelangen sie in die Erde, wo sie sich anreichern. Die Giftstoffe gelangen meist über Erdpartikel, die an Gemüse, Gras oder Getreide haften in die Nahrungskette. In Gemüse selbst sind Dioxine kaum zu finden.

Ins Meer gelangten Dioxine jahrzehntelang in großen Mengen, weil sie sich in Industrie- und Deponie-Abwässern sammeln. Hier reichern sie sich bis heute im Fettgewebe von Fischen, Vögeln und Säugetieren an, weil sie so langlebig sind.

Seit Mitte der 1990er Jahre hat die Dioxin-Belastung in der Umwelt um mehr als 50 Prozent abgenommen. Dank verbesserter Umweltschutzmaßnahmen ist auch die Lebensmittelqualität gestiegen. Völlig unbelastete Nahrungsmittel sind allerdings kaum denkbar, da Dioxine auch natürlich entstehen können.

Um die eigene Dioxin-Belastung zu senken, sollten Verbraucher den häufigen Verzehr fettreicher tierischer Lebensmittel meiden. Tiere, die in Freiheit aufwachsen und ein höheres Alter erreichen, haben zudem tendenziell eine höhere Belastung in ihrem Fett. Dies gilt vor allem für wildgefangene Fische.

Links

Mehrere Ministerien und Verbraucherzentralen informieren im Internet über die vom aktuellen Dioxin-Skandal betroffenen Produkte. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat zudem Berichte über die Kontrollen bei Futtermittelherstellern ins Netz gestellt.

Zunächst einmal: Aigner sitzt zwischen Baum und Borke. Die Verantwortung für die Futtermittel- und Lebensmittelkontrolle liegt bei den Bundesländern. Und die Gesetze zur Sicherheit von Lebensmitteln werden zunehmend in Brüssel gemacht. Dort aber mahlen die Mühlen langsam. Ilse Aigner nutzt ihre Spielräume so gut es geht. Ihr Aktionsplan taugt durchaus dazu, die größten Lücken im Gesetz und bei den Kontrollen zu schließen.

So ist die Trennung der Produktionsstränge zwischen Rohstoffen für Futtermittel und jenen für die industrielle Verwendung sehr wichtig. Außerdem soll die Pflicht zu Kontrollen verschärft werden. Die Ergebnisse müssen – auch von den Laboratorien – gemeldet werden.

Dioxinskandal
Dioxin Lebensmittel Eier Fleisch Verbraucher Ratgeber

Die Antworten auf die wichtigsten Fragen zu Dioxin in Futter- und Lebensmitteln  |  © Sean Gallup/Getty Images

Aigner will außerdem mehr Transparenz für Verbraucher. Dazu soll das einschlägige Gesetz geändert werden. Die angekündigte Positivliste, in der alle erlaubten Zutaten für Futter festgeschrieben werden, ist überfällig. Um sie einzuführen, braucht Aigner eine Regelung der EU. Nur dort kann eine solche Liste verpflichtend verabschiedet werden. Alle anderen Forderungen könnten allein auf nationaler Ebene umgesetzt werden.

Der grobe Rahmen stimmt also. Aus leidvoller Erfahrung wissen Verbraucherschützer allerdings, dass es in der Praxis auf die – meist in kleinen Zirkeln – umkämpften Details ankommen wird. So klingt es zum Beispiel gut, Kontrollen vorzuschreiben. Entscheidend aber wird sein, wann und wie oft diese Kontrollen stattfinden müssen und wie sichergestellt wird, dass die Ergebnisse nicht nur in Ordnern und Papierkörben der Firmen landen, sondern an die zuständigen Ämter weitergeleitet werden.

Zugestanden: Die mehr und mehr geforderte Agrarwende weg von der industriellen Massenproduktion wird mit Aigners Aktionsplan nicht eingeleitet. Sie muss ein Ziel bleiben. Doch bis das große Ziel erreicht wird, kann es nicht schaden, die schlimmsten Auswüchse nebulöser Geschäfte mit unseren Lebensmitteln zu verhindern.

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Leserkommentare
  1. 65. zu 61

    Können Sie Ihre Behauptung bitte belegen ?

    Gibt es vielleicht ein anderes Gesetz als das in #64 zitierte ?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    den Vorsitzenden des Bauernverbandes Nordostniedersachsen (BVNON) Herrn Thorsten Riggert zitiert.
    Der sagte in dem Artikel: Schweinen geht`s saugut.
    "Da für Öko-Produkte sogar höhere Richtwerte gelten, hätten die entsorgten Eier in den Handel gedurft, wenn sie Öko gewesen wären."

    Interessierte können ja morgen beim Verband anrufen und nachfragen, wie er darauf kommt.

  2. den Vorsitzenden des Bauernverbandes Nordostniedersachsen (BVNON) Herrn Thorsten Riggert zitiert.
    Der sagte in dem Artikel: Schweinen geht`s saugut.
    "Da für Öko-Produkte sogar höhere Richtwerte gelten, hätten die entsorgten Eier in den Handel gedurft, wenn sie Öko gewesen wären."

    Interessierte können ja morgen beim Verband anrufen und nachfragen, wie er darauf kommt.

    Antwort auf "zu 61"
  3. Antwort auf: 4. Sehr geehrte Frau Lütge!
    Kulturpessimist , Sie haben meine volle Unterstützung! Jeder aufmerksame Beobachter merkt wie unterdurchschnittlich und mangelhaft wir in Deutschland kaputt-regiert werden.
    Die unsagbar stümperhafte Abwicklung der Finanzkrise seit 2008, die grosse Afghanistan-Lüge nach der Deutschlans Sicherheit angeblich von einer handvoll Dilettanten in Bundeswehr Uniform verteidigt werden soll (vgl. die TV-Dokumentationen von Peter Scholl-Latour ) etc. etc.

    In fast jedem Ressort sieht man nur Trickser und Täuscher am Werk, das erinnert mich an die Aussege von Lloyd Blankfein von Goldman Sachs , "er verrichtete das Werk Gottes."
    Ein Zeit Kommentator schrieb zu treffend :
    "Viele US-Amerikaner, die jetzt in einem Auto statt in einem Haus wohnen werden dies bestätigen können. Die Frage ist nur, wer bezahlt für die Schäden, die Goldman Sachs in vielen Volkswirtschaften angerichtet hat".

    Dieser scharfsinnigen entlarvenden Beobachtung
    fügte ich ergenzänd hinzu: An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen !aus dem Evangelium. Ich bin Bibel-Leser und lasse mich nicht für dumm verkaufen. Soll dies das Werk Gottes sein? In meiner Bibel steht nichts von Betrug als Werk Gottes! Lloyd Blankfein und auch einige der CDU /CSU -Politiker mussten demnach einer anderen Bibel-Übersetzung folgen. Aber welcher ?

  4. Endlich haben wir das Schwein und ich bin froh, dass ich mich bezügl. der wirklich Schuldigen so geirrt habe. Ich dachte schon ich hätte den Kern der Dinge insofern erkannt, als ich von anfang an glaubte die Futtermixer, also die, die den grössten Gewinn in der Kette hätten seien die wahren Schuldigen . Aber nein, die Aigner ists, tatsächlich! Einstecken, die ganze Bande und nicht mehr raus!
    Wie komme ich auf Bande? Na ja, so ganz allein wird sie es wohl nicht gewesen sein. Aber wer ist sonst noch beteiligt?
    Ein paar politische Beamte, aber die handeln in der Regel auf höhere Weisung. Oder eine Kommunikationsgesellschaft, für die Unterweisung von "greenhorns" in der Kontrollhierarchie, um ihnen die Wichtigkeit von Querverbindungen zwischen Politik und Wirtschaft zu erschliessen. Gut,bis jetzt wars nur Satire!

    Aber es gibt eine ganz andere Erklärung, und die geht so:

    Durch eine Vielzahl falscher Endscheidungen in der Agrarpolitik vergangener Jahre kommen Landwirte im Bereich der Nahrungsmittelproduktion in schwerste wirtschaftliche Bedrängniss. Davon ist nie die Rede bei Beginn der Fehlersuche. Die Höfe, immer stärker im Produktionsdruck für wenig Geld, weil die Kredite drücken und bedient werden müssen.Die Kreditwirtschaft macht den grösseren Stall zur Bedingung um den Laden am laufen zu halten usw. usw.

    Und so geht das immer weiter bis es so ist, wie es jetzt ist.
    Und ausserdem wurden die Preise für Schweinebraten vom Discounter nebenan gesenkt. Schnell hin!

  5. Es gibt einen Wert in der Welt der menschlichen Gesellschaft und ich glaube, dass dieser Wert vielen unserer Spezies nicht mehr bewusst ist, der da lautet:
    Mensch, bei allem was du tust, bedenke stets das Ende!

    Schönen Abend noch.

  6. mit Frau Aigner das falsche "Schwein" zu schlachten.
    Alle ihre Vorgänger und Vorgängerinnen hingen und hängen an der kurzen Leine des Herrn Sonnleitner, der bestimmt die Richtlinien der Politik.
    Ihm kann es nur recht sein, wenn die Minister Prügel beziehen, das stärkt seine Position.
    Er als Chef aller deutschen Bauern müßte die Macht haben diese Giftmischerei zu beenden.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Ilse Aigner | Grüne | Europäische Union | Renate Künast | Minister | Rohstoff
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