Es gibt viele Wege, wie Nationen und Unternehmen im Namen des Klimaschutzes eine Menge Geld verdienen können. Derzeit sind es mindestens 2774.

So viele Projekte hat nämlich das Klimasekretariat der Vereinten Nationen in Entwicklungsländern zugelassen, für die diese ganz offiziell 2774 Kohlendioxid-Zertifikate ausgeben dürfen. Diese Zertifikate können von Staaten oder Firmen gekauft werden, die ihren Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) begrenzen müssen, denen der Klimaschutz im eigenen Land oder Unternehmen aber zu teuer ist. Das Ziel: Der CO2-Ausstoß wird insgesamt gesenkt, in den Industrieländer werden die Kosten des Klimaschutzes reduziert und den Entwicklungsländern wird eine ökologisch nachhaltige Wirtschaftsentwicklung ermöglicht. Dieser sogenannte Clean Development Mechanism (CDM) ist ein Teil des Kyoto-Protokolls. So weit die Theorie.

Im europäischen Handel mit Emissionsrechten – dem wichtigsten Instrument, um die Klimaschutzziele der EU zu erreichen – wird aus den CO2-Zertifikaten bares Geld. Das Erstaunliche: Nur 26 der 2774 CDM-Projekte produzieren etwa die Hälfte aller Zertifikate. In diesen Projekten geht es um die Vermeidung des Abfallstoffes HFC-23, der bei der Produktion eines besonders ozonschichtschädigenden Kühlmittels (HCFC-22) anfällt. Die Produktion des Kühlmittels ist in den Industrieländern bereits verboten, in den Schwellenländern muss sie bis spätestens 2040 beendet werden. Der ungewollte Abfallstoff HFC-23 schädigt die Ozonschicht, ist aber vor allem auch ein sehr gefährliches Treibhausgas. Es hat auf 100 Jahre bezogen eine um 11.700 Mal stärkere Treibhauswirkung als CO2.

Die Zerstörung des Abfallstoffes verursacht Kosten zwischen 50 Cent und einem Euro pro Zertifikat. Es kostet also fast nichts, das Zertifikat zu generieren. Selbst wenn das Zertifikat preiswert bei etwa 14 Euro gehandelt wird wie derzeit, tut sich eine beachtliche Gewinnspanne auf.

Deutschland, der größte Markt für solche Zertifikate, ist an 173 Projekten mit direkten Investitionen beteiligt. Darunter sind auch HFC-23-Projekte. Der Stromkonzern RWE zum Beispiel ist an zwei HFC-23-Projekten in China beteiligt und hat damit 4,42 Millionen Emissionsreduktionsgutschriften (CER = Certified Emission Reductions) erwirtschaftet – und das nur in den Jahren 2008 und 2009, wie das Ökoinstitut in einer Studie im Auftrag der Umweltstiftung WWF ermittelt hat. Vattenfall Europe hat im gleichen Zeitraum 3,96 Millionen HFC-23-CERs in seine Emissionsbilanz übernommen. Auch die Deutsche Bank kauft diese Zertifikate, um sie im europäischen Emissionshandel gewinnbringend weiterzuverkaufen. Ein Sprecher der Bank kommentierte das so: "Wir erbringen Dienstleistungen im Rahmen der Gesetze und Richtlinien." Auch RWE findet nichts dabei, anstrengungslos und letztlich ohne Klimanutzen Zertifikate zu erwerben.

Vattenfall hingegen hat als einziges deutsches Unternehmen in zwei CDM-Projekte investiert, die ein besonderes Gütesiegel tragen. Der sogenannte Gold Standard garantiert, dass die Projekte tatsächlich zu einer Emissionsminderung führen und zudem einen sozialen Nutzen im jeweiligen Land haben. Kauft Vattenfall von einem Projekt direkt Zertifikate an, "erwerben wir keine Zertifikate aus HFC-23-Projekten", sagte Vattenfall-Sprecher Stefan Müller dem Tagesspiegel. Und dennoch: Rund 60 Prozent der CERs bei Vattenfall stammen ebenfalls aus dem HFC-23-Geschäft. Das liege daran, dass "wir im sekundären Handelsmarkt derzeit keine Möglichkeit sehen, eine solche Richtlinie zu implementieren". Bei diesem Geschäft folge Vattenfall der Marktentwicklung, die beispielsweise von der Weltbank und großen Geldhäusern wie Goldman Sachs, Barclays oder der Deutschen Bank bestimmt würden.

Hinter dem starken Einfluss der Finanzunternehmen stehen milliardenschwere Interessen. Mehrere Studien und das Sekretariat des Montreal-Protokolls haben nachgewiesen, dass die Produktion des gefährlichen Kühlmittels HCFC-22 wieder deutlich angestiegen ist, seitdem aus der Vermeidung des Abfallstoffes HFC-23 Zertifikate gemacht und verkauft werden können. Eine Studie an der Stanford-Universität hat nachgewiesen, dass die betreffenden Firmen vor allem in China, Indien und Brasilien mit den CERs mehr als doppelt so viel verdienen wie mit dem Verkauf des Kühlmittels selbst. Nach Berechnungen der Organisation Environmental Investigation Agency hätte es etwa 490 Millionen Dollar gekostet, das HFC-23 zu zerstören. Doch der Wert der daraus generierten Zertifikate lag bei rund 2,6 Milliarden Dollar. Wenig überraschend, dass die Analysten der Deutschen Bank in einer fast 90-seitigen Studie darlegten, dass der Markt der CERs austrocknen würde, wenn die umstrittenen HFC-23-Projekte ausgeschlossen würden.

Doch das für die deutschen Konzerne so bequeme Geschäftsmodell könnte demnächst an seine Grenzen stoßen. Denn das Klimawandel-Komitee des Europäischen Rates, eine wichtige technische Arbeitsgruppe, hat am vergangenen Freitag entschieden, dass von Mai 2013 an CERs aus HFC-23-Projekten nicht mehr im europäischen Emissionshandel zugelassen werden dürfen. Begrüßt wird dies von Eva Filzmoser von der Nichtregierungsorganisation CDM-Watch, die seit einem guten Jahr beim UN-Klimasekretariat dafür kämpft, dass solche "Schwindelzertifikate" nicht mehr zugelassen werden. Nach Informationen der Klimachefin des WWF in Deutschland, Regine Günther, "haben vor allem die Deutsche Bank und BASF in Brüssel Druck gemacht, um die HFC-23-Projekte weiter nutzen zu können".

Eine ähnlich absurde Entwicklung ist bislang bei einem anderen Klimagift zu beobachten – einem Industriegas, dessen Zertifikate ebenfalls von 2013 an aus dem europäischen Emissionshandel verschwinden sollen. Dabei geht es um die Zerstörung von Lachgas, das als Abfallstoff bei der Produktion von Adipinsäure anfällt. Diese Chemikalie wurde früher überwiegend in Europa hergestellt, bis es Fabriken in China gab – die Emissionszertifikate ausgeben konnten. Heute haben die europäischen Hersteller kaum noch eine Chance gegen Fabriken, die die Säure für nahezu nichts oder sogar mit negativen Herstellungskosten erzeugen können – dank der Zertifikate, die sie gleichzeitig gewinnbringend vermarkten. Für das Weltklima ist das ein ziemlich schlechtes Geschäft. Unternehmen in Europa müssen die Produktion zwar einstellen, aber anderswo auf dem Globus entstehen gleichzeitig neue Fabriken.

Erschienen im Tagesspiegel