Diese Krise geht so bald nicht weg. Europas Politiker stecken in der Klemme. Kaum haben sie sich mühevoll geeinigt, dass und wie ein Mitgliedsland aus wirtschaftlichen Turbulenzen zu retten sei, nehmen die launischen Märkte den nächsten Staat ins Visier, und die Krise flammt wieder auf, nur heftiger.

Es ist das immer gleiche Schauspiel: Die Regierungen beschwören die Wirksamkeit des Rettungsschirms. Die Märkte beruhigen sich für kurze Zeit, bis die Nervosität wieder steigt, woraufhin die Regierungen betonen, dass mehr Hilfe nicht nötig sei, woraufhin die Unsicherheit weiter zunimmt, und so fort. Bis die Politik sich wieder zum Handeln gezwungen sieht.

Auf lange Sicht kann das nicht gut gehen. Wenn Europas Politiker nicht zu mehr Offensive fähig sind, die Deutschen als größter Zahler ebenso wie die Südeuropäer, die Hilfe brauchen, werden wir stetig tiefer in die Krise rutschen.

Das zu verlangen, mag wohlfeil erscheinen. Tatsächlich ist Europapolitik in diesen unsicheren Tagen ein schwieriger Balanceakt . Es gibt keine Vorbilder, nach denen Minister und Regierungschefs sich richten könnten. Jedes Mal, wenn Angela Merkel bisher Gestaltungsmacht beanspruchte und ihre Forderungen laut aussprach – eine Beteiligung der Gläubiger an den Schulden Griechenlands, eine Insolvenzordnung für Staaten, ein Europäischer Währungsfonds –, reagierten die Märkte panisch. Die Lage wurde schlimmer.

Doch je länger Europa sich so durchlaviert, umso schwieriger wird die Befreiung aus dem Dilemma . Die Politik hat diese Krise schon zu lange unterschätzt.

Ein Ausstieg aus der Währungsunion , wiewohl oft gefordert, ist keine Option, denn er führte noch tiefer in Turbulenzen. So bleibt nur die Flucht nach vorne. Wenn wir an die europäische Integration als wichtigstes außenpolitisches Projekt der Nachkriegszeit glauben, müssen wir auch finanzielle Verantwortung dafür übernehmen. Deutschland muss zahlen und sich klar dazu bekennen. Im Gegenzug müssen wir aber auch mitbestimmen dürfen, was mit unserem Geld geschieht – und dieses Recht sollte nicht allein die Regierung erhalten, sondern vor allem der Wähler, um dessen Steuergeld es ja letztlich geht.

Mehr Geld für Europa bedeutet deshalb: Mehr Mitbestimmung für Europa, weniger Souveränität für die Mitgliedsstaaten – und zugleich eine bessere demokratische Legitimation europäischer Institutionen durch das Volk. Die bisherigen Rettungspakete gingen im Hauruckverfahren durch den Bundestag. Wir zahlen für etwas, worüber wir nur bedingt entscheiden können. Echte Demokratie ist das nicht.

Langfristig muss Europa die Krise zum Anlass nehmen, sich zu stärken. Zwar gibt es kein Vorbild für das, was geschaffen werden muss. Die EU wurde schon oft dafür gescholten, mit zu vielen Stimmen zu reden und kein klares Ziel vor Augen zu haben. Gerade in dieser Uneindeutigkeit könnte jetzt ihre große Chance liegen: Sie verleiht Europa den Freiraum, sich selbst eine neue, bessere Struktur zu entwerfen.

Bisher ist Europa immer organisch gewachsen. Wenn alles gut geht, könnte die tiefe Krise der Gemeinschaft einen neuen Schub verleihen.