ZEIT ONLINE:  Ein Jahr nach dem Erdbeben in Haiti leisten die Hilfsorganisationen immer noch Nothilfe. Wie frustrierend ist es, dass trotz aller Anstrengungen das Land kaum vorankommt? 

Frank Dörner: Sehr frustrierend, vor allem für die Menschen dort. Manchmal frage ich mich, wie sie das ertragen: Zuerst der Schock des Bebens, dann die Erleichterung, überlebt zu haben, zu sehen, dass Hilfe ankommt – und dann geht alles so langsam voran. Noch immer haben eine Million Menschen keine vernünftige Unterbringung. Die Basisversorgung ist sehr schlecht, gerade mit Trinkwasser und sanitären Anlagen.

ZEIT ONLINE:  Schlecht für den Kampf gegen die Cholera .

Dörner: Medizinisch ist die Cholera leicht zu behandeln. Die Patienten überleben, wenn man sie nach einfachen Standards versorgt, auch lässt sich die Ausbreitung der Krankheit bremsen. Dafür braucht es aber bessere sanitäre Verhältnisse und eine sichere Wasserversorgung. Gibt es sie nicht, und das ist in Haiti der Fall , laufen immer mehr Menschen Gefahr, sich anzustecken.

ZEIT ONLINE: Sie werfen den Hilfsorganisationen Versagen vor: Sie hätten Geld erhalten, um die Versorgung mit sanitären Anlagen und sauberem Wasser sicherzustellen, es aber nicht eingesetzt.

Frank Dörner, Geschäftsführer Deutschland der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen © Barbara Sigge

Dörner: Nicht nur das. Man hätte die Cholera auch nach ihrem Ausbruch schnell unter Kontrolle bekommen können. Die Probleme, die sich dann stellen, sind eigentlich Standard: Wie baue ich Behandlungszentren auf, wie isoliere ich Patienten? Darauf hätte man besser vorbereitet sein können. Genügend Geld war da. Gemessen an den Kapazitäten der Organisationen im UN-Cluster Wasser und Sanitärversorgung, hätte das Ausmaß der Epidemie lange nicht so groß sein dürfen.

ZEIT ONLINE:  Was ist schiefgelaufen?

Dörner: Gleich mehrere Dinge. Wenn die Cholera ausbricht, muss man schnell reagieren. Stattdessen hat man sich zu lange mit der Koordinierung von Plänen befasst. So dauerte es zu lange, bis die richtigen Leute am richtigen Platz waren. Wir fragen uns auch, ob die möglichen Ausbruchsursachen ausreichend analysiert worden sind. Zudem fehlte es an Erfahrung: Viele Organisationen haben ihre Möglichkeiten und den Bedarf an Hilfe falsch eingeschätzt. Anfangs waren die Fallzahlen recht bescheiden. Man wusste lange nicht, ob die Cholera nach Port-au-Prince kommen würde, und wie stark sie sich dort ausbreiten würde. Trotzdem habe man sich viel zu stark auf die Hauptstadt konzentriert, obwohl die Cholera sich in ländlichen Gebieten schnell verbreitete und unerfahrene Gesundheitsarbeiter dort kaum Unterstützung erhielten.

ZEIT ONLINE: Die Konzentration auf Port-au-Prince ist nachvollziehbar. Man fürchtete, dass die Cholera im Ballungsraum kaum zu kontrollieren sein würde.

Dörner:  Dennoch: Hätten die Helfer mehr für die Orte getan, in denen die Epidemie begann, hätten sie die Ausbreitung der Krankheit besser eindämmen können. Aber ich glaube, viele Organisationen hatten gar nicht die nötigen Erfahrungen und qualifizierten Mitarbeiter, um angemessen zu reagieren.

ZEIT ONLINE: Die Lage in Haiti ist kompliziert. Das Land ist arm, die Infrastruktur war vor dem Beben schon schlecht, vieles ist immer noch zerstört. Die Not ist groß. Vielleicht ist schnelle, effiziente Hilfe unter diesen Umständen gar nicht möglich.