Am 12. Januar 2010, um 16:53 Uhr Ortszeit, bebte die Erde in Haiti. Wie viele Menschen durch die Katastrophe starben, weiß niemand genau; die Schätzungen schwanken zwischen 225.000 und 300.000 Toten. Haitis Hauptstadt Port-au-Prince wurde zu großen Teilen zerstört, ebenso umliegende Städte. Mehr als eine Million Menschen sind immer noch obdachlos. Der Wiederaufbau geht nur langsam voran. ZEIT ONLINE stellt drei Menschen vor, die für eine bessere Zukunft Haitis arbeiten.

Hugues Monice: "Die Menschen sollen wie Menschen leben können"

Dezentralisierungsexperte Hugues Monice © Alexandra Endres

Als die Erde in Haiti bebte, war Hugues Monice im nordhessischen Witzenhausen, wo er eine Weiterbildung in internationalem Projektmanagement besuchte. Da rief eine Freundin aus Cap Haïtien an und berichtete von der Katastrophe. Sie war in die benachbarte Dominikanische Republik gefahren, um mit Monice telefonieren zu können, denn in Haiti hatte das Beben sämtliche Telefonverbindungen gekappt. "Port-au-Prince ist zerstört – das war eine Woche lang die einzige Information, die ich hatte" erinnert sich Monice. Über Freunde und Verwandte in den USA versuchte er, an nähere Informationen zu kommen. Ohne Erfolg.

"In dieser Woche habe ich gemerkt, wie verbunden ich dem Land doch bin", sagt Monice. Der 52-jährige stammt aus Petit-Goâve, 60 Kilometer südwestlich von Port-au-Prince an der Küste Haitis gelegen. Aber er hatte Haiti schon lange verlassen. In Tübingen hat er Jura studiert, dort lebt auch seine Familie. "Ich dachte, ich bin Deutscher", sagt Monice.

Doch die Katastrophe ließ ihm keine Ruhe: "So viel Unsicherheit, so viel Geld für Telefonate." Vor Jahren hatte Monice in Petit-Goâve eine kostenlose Grundschule eröffnet, die er mit Hilfe eines deutschen Unterstützervereins finanziert. Was war aus den Kindern geworden? Am ersten Februar flog Monice selbst nach Haiti, um sich ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung zu machen. Was er sah, ließ die Idee wachsen, zurückzukehren. "Die Schäden waren so groß. Ich hoffte, jetzt würden sich alle entschließen, etwas zu tun, um dem Land zu helfen", sagt er.

Seit Mai 2010 ist Monice Büroleiter der Hilfsorganisation medico in Port-au-Prince. Medico engagiert sich in der Gesundheitsvorsorge, betreut Gesundheitszentren in Artibonite und Léogâne. Das wichtigste Projekt ist im Moment aber eine Brücke im Stadtteil Carrefour-Feuilles . Das alte Bauwerk, die einzige Verbindung zwischen der Elendssiedlung Cité 9 und ihren Nachbarquartieren, brach im Mai vergangenen Jahres zusammen. In vier Wochen soll die neue Brücke stehen, "und sie soll 30 Jahre lang bestehen bleiben", sagt Monice.

Sein großes Projekt ist aber die Dezentralisierung des Landes. In Haiti ist die Hauptstadt Port-au-Prince das Zentrum der wirtschaftlichen und politischen Macht. "Die Ressourcen müssen besser verteilt werden", sagt Monice. "Das ist auch gut für die Demokratie." Sein Ideal: Die Zentralregierung gibt Macht ab und stützt die Gemeinden zudem finanziell. Dadurch würde deren Selbstverwaltung gestärkt. "Die Menschen müssen selbst ihre Aktivitäten planen können. Es kann nicht sein, dass in Port-au-Prince entschieden wird, ob Ouanaminthe weit im Nordosten des Landes eine Brücke braucht."

Ein Pilotprojekt soll bald in Aquin beginnen, an der südwestlichen Küste des Landes. Dort will medico mit haitianischen Partnern einen kommunalen Entwicklungsplan entwerfen und umsetzen. "So etwas gibt es in Haiti noch nicht", sagt Monice. Experten aus Benin, wo er vorher gearbeitet hat, sollen bei der Umsetzung helfen.

Seine größte Hoffnung für Haiti: "Dass die Menschen wie Menschen leben können und nicht mehr auf der Straße, im Müll leben müssen. Das ist unwürdig. Ich rede nicht von einem großen Auto, darum geht es nicht. Aber sie sollen ein Haus haben und eine Wasserversorgung, sie sollen zum Arzt gehen können, wenn sie krank sind, die Kinder sollen eine Schule besuchen."