Geldpolitik "Wir sind wie ein Alkoholkranker"

Die Geldschwemme der Notenbanken führt zu immer neuen Krisen, warnt der Schweizer Ökonom Hans Christoph Binswanger im Interview und fordert radikale Reformen.

Händler an der New Yorker Börse

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ZEIT ONLINE: Herr Binswanger, hat man es als Wachstumskritiker in einer Zeit, in der die Welt nur knapp einer Depression entkommen ist, leichter oder schwerer als sonst?

Hans Christoph Binswanger: Ich fürchte schlicht, dass es noch ein, zwei Krisen braucht, bis wir erkannt haben, dass wir auf ernste Probleme zusteuern.

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Hans Christoph Binswanger
Hans Christoph Binswanger

Hans Christoph Binswanger, 81, ist ein Schweizer Wirtschaftswissenschaftler. Berühmt wurde seine Habilitation zur Geldtheorie, die 1969 erschien. Danach lehrte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1994 als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen. Der Doktorvater von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann entwickelte die Idee der Ökosteuer und ist ein bekannter Wachstumskritiker.

Binswanger: Der moderne Kapitalismus basiert in immer stärkerem Maße auf dem Prinzip der Geldschöpfung. Durch die Abkehr von jeglicher Goldbindung Ende der siebziger Jahre wurde der Geldvermehrung freier Lauf gelassen. Die Banken können fast unbegrenzt Kredite in die Welt setzen und damit Buchgeld schaffen, also Guthaben auf den Girokonten, über die heute jeder verfügt. Die Geldmenge ist dadurch rapide gewachsen. Gegenwärtig sind nur noch rund fünf Prozent des Geldes Banknoten der Zentralbank, rund 95 Prozent ist Buchgeld der Banken. Das Geld wandert um den Globus und führt zu Spekulation, Rivalität und Krisen...

ZEIT ONLINE: ... und es dient dazu, Unternehmen zu finanzieren, die mit ihrer Idee an den Markt wollen.

Binswanger: Teilweise. Ein immer größerer Teil fließt heute in die Finanzwirtschaft. Deshalb entstehen die spekulativen Blasen, die, wenn sie platzen, Wirtschaftskrisen zur Folge haben. In der Finanzwirtschaft sitzen auch die Profiteure. Noch im Jahr 1980 lag das Verhältnis der Einkommen eines Arbeiters zu den höchsten Einkommen in den USA bei 1:41. Heute beträgt es 1:560. Die uferlose Geldschöpfung hat vor allem jenen genutzt, die im Finanzsektor engagiert waren.

ZEIT ONLINE: Die Zentralbanken erschaffen seit der Krise noch mehr Geld, um die Wirtschaft zu stützen.

Binswanger: Ja. Eine gefährliche Entwicklung. Es mag uns kurzfristig vor dem Absturz bewahren, langfristig aber bringt es uns immer größere Probleme.

ZEIT ONLINE: Warum?

Binswanger: Weil unsere Abhängigkeit vom Geld weiter wächst. Wir sind wie ein Alkoholkranker. Der bekommt qualvolle Entzugserscheinungen, wenn man ihm den Alkohol entzieht. Würden die Zentralbanken die Zinsen stark erhöhen und die Geldschöpfung plötzlich bremsen, würde es uns ähnlich ergehen. Das System würde kollabieren. Deshalb sieht sich die Zentralbank gezwungen, immer mehr Geld bereitzustellen. Das aber macht das System noch krisenanfälliger. Ein Teufelskreis. Es werden sich weitere Blasen bilden, die irgendwann platzen und großen Schaden anrichten.

ZEIT ONLINE: Nicht jede Blase ist schlecht. Manche führen dazu, dass sich Branchen erst entwickeln können – etwa die Internetbranche in den USA am Ende des vergangenen Jahrhunderts.

Binswanger: Man darf den Schaden nicht übersehen. Die Folge der Krisen der Vergangenheit sind doch bekannt: steigende Arbeitslosigkeit, eine höhere Staatsverschuldung und ein Absturz der Wirtschaftsleistung. Die Niedrigzinspolitik der Notenbanken ist übrigens auch einer der Gründe für die Schuldenkrise, die wir erleben: Weil die Zinsen jahrelang niedrig waren, konnten sich die Staaten billig verschulden. Wir müssen aus diesem Kreislauf aussteigen.

ZEIT ONLINE: Warum ist es nicht möglich, das Geld einfach wieder abzuziehen?

Binswanger: Würden die Zentralbanken das tun, bräche alles zusammen. Das einzige, was am Ende helfen wird, ist eine Entschuldung, bei der die Gläubiger ein Teil ihrer Ansprüche verlieren. Das wäre der erste Schritt, um die Fiktionen am Finanzmarkt kleiner werden zu lassen. Uns muss klar sein, dass viele Werte am Finanzmarkt fiktiv sind. Es sind Luftbuchungen, die an den Märkten gehandelt werden, die aber keinen realen Gegenwert besitzen. Wenn das Geld plötzlich weg ist, staunen die Leute: Wer hat denn jetzt mein Geld? Die Antwort ist: niemand. Es war ja nie wirklich da.

ZEIT ONLINE: Wie können wir langfristig aus dem Kreislauf aussteigen, den Sie beschreiben?

Binswanger: Ich schlage vor, auf eine alte Idee des amerikanischen Ökonomen Irving Fisher zurückzugreifen. Er schlug vor, dass jeder Kredit, den eine Bank vergibt, zu 100 Prozent mit Zentralbankgeld gedeckt sein muss. Das würde den Geschäftsbanken die Möglichkeit zur unendlichen Geldschöpfung nach reinen Renditegesichtspunkten nehmen. Wir würden einen weniger labilen und anfälligen Kapitalismus erleben.

ZEIT ONLINE: Ihr Vorschlag scheint politisch kaum durchsetzbar.

Binswanger: Doch, es ist möglich. Die Geldmenge würde bei der Umstellung nicht sinken. Die Zentralbanken müssten die bisherigen Guthaben mit Zentralbankgeld hinterlegen. Für die Banken wäre das ein Vorteil: Die Zentralbanken würden die Risiken für die Kredite übernehmen. Danach aber könnten die Banken nur noch so viel Kredite vergeben, wie sie über Spargelder verfügen oder wie sie zusätzliches Geld von der Zentralbank erhalten haben.

ZEIT ONLINE: Warum sollte die Zentralbank besser entscheiden können, welche Kreditmenge gut ist?

Binswanger: Das muss sie nicht entscheiden. Das bleibt weiterhin Aufgabe der Banken. Die Zentralbank hat nur zu entscheiden, wie die Geldmenge im Ganzen expandieren darf oder expandieren soll. Sie kann dabei gesamtwirtschaftliche Ziele verfolgen.

ZEIT ONLINE: Warum reicht es nicht, den Banken strenge Eigenkapitalvorschriften zu machen, wie sie derzeit in Planung sind?

Binswanger: Das würde nur vorübergehend helfen. Es sind palliative Maßnahmen. Solche Vorschriften wurden auch in der Vergangenheit leicht umgangen, indem die Banken ihr Kapital einfach umgewidmet haben.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Hoffnung, dass wir in zehn Jahren einen anderen Kapitalismus erleben werden?

Binswanger: Es wäre schon viel gewonnen, wenn mehr Ökonomen erkennen würden, welche entscheidende Rolle das Geld für unsere Wirtschaft mittlerweile spielt. Die meisten Ökonomen glauben immer noch, Geld sei neutral. Man müsse nur den Geldschleier wegziehen, um zu erkennen, dass die reale Wirtschaft wie eine Tauschwirtschaft funktioniere. Das ist falsch. Tatsächlich ist der eigentliche Treiber in der modernen Wirtschaft das Geld. Das ist offensichtlich. Wenn die Ökonomen dies erkennen, können sie wesentlich dazu beitragen, einen anderen, weniger irritierenden Kapitalismus zu schaffen.

 
Leser-Kommentare
  1. Geld ist neutral. Und zwar allem und jedem gegenüber. Aber was anderes. Auf diesen "weniger irritierenden Kapitalimus" freu ich mich. … Ich seh’ mich schon in der ersten Reihe stehen.

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    Das ZinseszinsSparMonopolProblem liese sich leicht beheben wenn es die wirklich Mächtigen wollten.

    Das ZinseszinsSparMonopolProblem liese sich leicht beheben wenn es die wirklich Mächtigen wollten.

  2. sag das zu eine der 40 jahre geararbeitet hat und seine rente verliert...'

    ach...die geld die du die versicherung monat für monat...40 jahre lang...geschickt haben...ist..leider...weg...nein..nicht weg..es war nie da...es hat nie existiert..also....es ist egal'..

    es stimmt ja....das geld war fiktiv...aber die arbeit die diese man geleistet hat war echt...sehr echt...und....seine hass und verzweifelung wird genau so echt sein..

    die money lenders haben immer gewusst was irgentwann passieren wird....die aber haben ihre position voll ausgenutz..ihre familien..kinder und kinders kinder...können 10..20...30 generationen von dem leben was die 'gestohlen' haben...alle andere haben ein echt harten zeit vor sich..

    wenn man es so sieht könnte man wirklich von ein kommenden revolution sprechen...ähnlich die französischen mit alle der gewalt..hass und grausamkeiten..

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  3. da sie dazu beitragen koennte den Finanzhype und die damit einhergehenden Blasenbildungen, die in immer kuerzeren Intevallen auftreten, eine Art Kanal vorgeben koennte, der Verwerfungen goesseren Ausmasses, wie wir sie erleben mussten, limitieren wuerden. Vielleicht auch ein erster Schritt hin zu einem Mechanismus der Banken wieder zurueck ins Kerngeschaeft zwingt, naemlich als Dienstleister der Realwirtschaft ihr Geschaeft zu betreiben. Aber dagegen werden sich die Herren im Nadelstreifen mit Haenden und Fussen wehren, denn die fetten Bonis verdient man ja im Kasino, wie einige short seller uns selbst in der groessten Krise gezeigt haben..

    • AylaR
    • 07.01.2011 um 16:16 Uhr

    Herr Binswanger erkennt genau, dass unser Gemeinwesen zu schwach ist, sich gegen die Verselbständigung des Kapitals zu wehren. Dies ist leider nur zwischen den Zeilen zu lesen.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Da hat es sich ja wieder gelohnt, Die Zeit anzuklicken! Nur wird so eine einsame Schwalbe in Deutschland leider keinen Sommer machen. Denn die einen sind zufrieden damit, dass sie den Wertzuwachs der Gesellschaft - den heutigen und den künftigen - in diesem System absaugen und in Segeljachten und Drittwohnsitzen in der Karibik abzweigen können. Und die anderen sind nach Jahrzehnten mit privater Fernsehverblödung (und zunehmend öffentlich rechtlicher dito) zu dämlich, um etwas gegen dieses System zu unternehmen.

    • Eclair
    • 07.01.2011 um 16:30 Uhr
  5. Geld, das von seiner realen Bedeutung nützt, wird für die Befriedigung der Wünsche nichts beitragen, die sich die Geld-Sammler davon erhoffen und so kommt ein mit der Alkoholabhängigkeit vergleichbarer Strudel in Gang, wo das mehr nicht mehr befriedigt sondern nur die Angst vor dem Verlust vermehrt. Was man nicht bekommt, wird zu einem nicht mehr tragbaren Verlust, ohne dass es zu einer Überprüfung der realen Konditionen kommt.
    Die Jags nach Geld zeigt in den internationalen Börsen vor allem Phänomene, die wir aus psychopathischen Konstellationen kennen.
    Geld gibt keine Macht, nur weil sich Helfer jeglicher Art damit bezahlen lassen. Geld befrieigt nicht, weil es weder Nährwert hat noch die Sehnsucht nach Bedeutung wirklich befriedigen kann.
    Was ich kaufen kann, gehört mir ist eine Vorgabe, die von der Duldung derjeniger lebt, die nicht kaufen können.
    Reichtum ist immer auf die Akzeptanz der Armut angewiesen und hat so von vornerherein eine assoziale Wertekonstellation.
    Besitz heisst immer auch anderen vorenthalten und verhindert vor allem dort Gemeinsamkeiten, wo sie existentielle Bedingung für das Überleben sind.
    Die Philosophie der Bereicherung hat auch für sie existentiell gefährliche Lücken in der Verifikation, dass die Begüterten gerne auf Regeln zurückgreifen, die sie verteidigen, weil sie ihnen nützen und dabei oft in Versuchung geraten, ihre Selbstherrlichkeit mit einer generellen Gerechtigkeit gleich zu setzen.

    • Ploetz
    • 07.01.2011 um 16:48 Uhr

    Was ist entscheidender: Das Geld - oder die in jedweder Situation zur Problemlösung, oder -verhinderung notwendigen Fähigkeiten und Materialien?

    http://community.zeit.de/...

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