Kaum war der tunesische Diktator Ben Ali aus seiner Heimat ins saudi-arabische Exil geflohen, klingelte im Büro einer deutschen Handelskammer auf dem Balkan das Telefon: "Mir wurde sofort mitgeteilt, dass deutsche Unternehmen, die ihre Produktion in Kürze vom Balkan in Maghreb-Staaten verlagern wollten, doch erst einmal hier ansässig bleiben", sagt der Geschäftsführer der dortigen Außenhandelskammer, der weder seinen Namen noch sein Gastland öffentlich machen will. Die aktuelle politische Lage habe die Umzugspläne erst einmal gestoppt.Da momentan vor allem sehr investitionsintensive Projekte im Energiebereich in arabischen Ländern anstünden, haben viele deutsche Firmen ihre Entscheidungen bis auf weiteres vertagt.

Dabei geht es nach Informationen des Handelsblatts neben der laufenden Öl- und Gasförderung in Ländern der Region sowie dem Desertec-Projekt für Strom aus der Wüste auch um weitere große Vorhaben im Bereich erneuerbarer Energien, über deren Realisierung in Kürze entschieden werden sollte. Nun lautet die Devise erst einmal: Abwarten. Die politischen Unruhen "werden gravierende Einschnitte in der Wirtschaft zur Folge haben, vor allem in vom Tourismus abhängigen Ländern wie Ägypten", sagt Helene Rang vom Nah- und Mittelost-Verein in Berlin voraus. Für Konzerne wie die Rüstungsfirma MAN Ferrostaal, den Energieversorger RWE und die Autoindustrie haben der ägyptische und andere arabisch-muslimische Märkte an Bedeutung gewonnen. Das Handelsvolumen belief sich 2010 schon auf gut elf Milliarden Euro.

Experten erwarten allerdings, dass die Zurückhaltung der deutschen Unternehmen nicht von Dauer sein wird. "Nordafrika ist von wachsender Bedeutung für die deutsche Industrie, vor allem für die Energiewirtschaft, die Textil- und Kfz-Produktion", sagt Felix Neugart, Nahostexperte des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Daher schieben viele deutsche Firmen derzeit zwar geplante weitere Aktivitäten in der Region auf, abgeschrieben hat die deutsche Wirtschaft die Region aber nicht.

Deutsche Firmen bewerteten den politischen Übergangsprozess im arabischen Raum positiv, sagt DIHK-Experte Neugart. Schließlich benötigten Engagements deutscher Firmen "langfristige Stabilität und Rechtssicherheit". Daher mischt sich in die Sorge wegen der politischen Unruhen auch Erleichterung über erste Anzeichen von Normalisierung zumindest in Tunesien. Dort habe sich die Lage für produzierende deutsche Unternehmen wieder weitgehend beruhigt, heißt es. Auf dem Höhepunkt des gewalttätigen Aufeinandertreffens von Demonstranten und Polizei waren viele Beschäftigte nicht zur Arbeit erschienen.

Jetzt kommen sie wieder. "Öffentliche Sicherheitskräfte sind im Einsatz, die für Sicherheit und die Aufrechterhaltung normaler Abläufe sorgen sollen", sagte eine Sprecherin von Dräxlmaier. Der bayerische Kfz-Zulieferer hat seit 1974 eine Fabrik im tunesischen Sousse, eineinhalb Autostunden von der Hauptstadt Tunis entfernt, sowie weitere in anderen Industriestädten des Landes. Insgesamt beschäftigt Dräxlmaier in Tunesien 7000 Mitarbeiter. Auch im ägyptischen Gizeh hat das Unternehmen einen Standort. Auch der Nürnberger Rivale Leoni beschäftigt Fabrikarbeiter in Tunesien und Ägypten.