EU-Binnenmarkt Ungarn verärgert Großkonzerne mit Sondersteuer

Ungarn droht nach der Schelte wegen seines Mediengesetzes weiterer Ärger. Die Kommission in Brüssel prüft bereits, ob eine geplante Steuer zulässig ist.

Die europaweite Kritik über die neue ungarische Medienbehörde ist noch nicht abgeklungen, da löst die Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán mit einem weiteren umstrittenen Gesetz Unruhe aus. Dieses Mal geht es um eine Sondersteuer, die Ungarn 1,3 Milliarden Euro einbringen soll und offenbar vorrangig auf ausländische Großunternehmen abzielt.

Mehr als ein Dutzend europäischer Konzernchefs – unter anderem von Allianz, E.on, RWE, EnBW und Telekom – hatten in einem Schreiben an die EU-Kommission Sanktionen gegen Ungarn verlangt. Die Steuer betreffe fast ausschließlich die Sektoren Energie, Telekom, Handel und Finanzdienstleistung; diese werden von ausländischen Konzernen dominiert. Dagegen seien einheimische Firmen von den Steuern teilweise ausdrücklich ausgenommen, etwa im Einzelhandel.

Anzeige

Die unterzeichnenden Stromkonzerne erwarteten durch die Krisensteuer Belastungen von knapp 100 Millionen Euro, berichtet die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf Firmenkreise. Die Telekom-Branche fürchte eine Belastung von 220 Millionen, der Finanzsektor von 735 Millionen Euro. "In den jüngsten Entscheidungen der ungarischen Regierung sehen wir einen Trend, ausgewählte Branchen und insbesondere ausländische Unternehmen zu benutzen, um den Haushalt zu sanieren", zitiert das Blatt.

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) kritisierte die ungarische Regierung und kündigte an, das Thema bei einem Treffen mit seinem ungarischen Amtskollegen Tamás Fellegi im Januar anzusprechen. Brüderle mahnte, Abgaben, die vorrangig ausländische Unternehmen betreffen, seien für den europäischen Binnenmarkt "grundsätzlich problematisch". Die Bundesregierung verfolge aufmerksam die Prüfung der Steuer durch die Europäische Kommission.

Die EU-Kommission wertet die Beschwerden der Unternehmen gegenwärtig aus. Eine Sprecherin sagte, wenn sich herausstelle, dass die Regierung in Budapest gegen europäische Regeln verstoße, werde ein "formelles Verfahren" eingeleitet, an dessen Ende ein Vertragsverletzungsverfahren stehen könnte.

 
Leser-Kommentare
    • hthswa
    • 03.01.2011 um 9:39 Uhr

    Sie sollten den Finanzsektor noch etwas schärfer besteuern.

    Wir, hier in Deutschland machen das geneu umgekehrt herum. Wir, wir schmeissen dem Finanzsektor das Geld hinterher, ermuntern ihn im Ausdland, offensichtlich nun auch in Ungarn, zu räubern. Dafür stehen wir dann gerade.

    Die ungarische Regierung versucht uns zu helfen, belastet die Abzocker und nun protestieren wir bei der EU?

    Gruß
    hthswa

  1. Die Sondersteuer wurde deshalb eingeführt, um die ungarischen Unternehmen stärker unter die Arme zu greifen, denn bisher haben leider nur die westlichen Großkonzerne im Land das Sagen. Von daher: Was kann daran falsch sein????

    Ausserdem sind Steuererhebungen Sache des jeweiligen Mitgliedslandes und nicht der jeweiligen Vormächte wie Deutschland oder Frankreich!

    • fanta4
    • 03.01.2011 um 9:53 Uhr

    "Brüderle mahnte, Abgaben, die vorrangig ausländische Unternehmen betreffen, seien für den europäischen Binnenmarkt "grundsätzlich problematisch"."

    Inhalt? Kein Ton in dem Artikel, wie diese Steuer exakt gestaltet ist.

    Wenn Irland ausländische Unternehmen mit extremen Niedrig-Steuern anlockt, dann ist das was für die EU, Herr Brüderle?

    Wenn Deutschland sich mit Lohndumping gesund stößt, dann ist das was für die EU, Herr Brüderle?

    Keine Vereinigten Staaten von Europa, kein lockerer Staatenbund.
    Die EU ist nicht Fisch, sie ist nicht Fleisch.
    Das kann auf Dauer nicht funktionieren.

  2. Die Konzerne zahlen in Ungarn noch Steuern?
    Da muss die EU natürlich eingreifen und wird das auch.
    Dafür lässt man den Ungarn die Zensur durchgehen.
    Das ist die EU!

  3. ...... aber jedes mal wenn der Finanzsektor (gerne auch objektiv unfair) belangt wird, erfüllt das einen doch mit Zufriedenheit......komisch ;)

    • hannam
    • 03.01.2011 um 10:02 Uhr

    Warum sieht der Westen nicht mehr klarß
    Warum tut er so, als wäre alles schön und uns wohlgesonnen?
    Was sollen Versicherungen und Finanzistitute in anderen Ländern verbessern.
    Warum steht hier nicht, daß es nur um unsere eigenen Brieftaschen geht?
    Wäre ich Ungar und dürfte entscheiden so würde ich diese westlichen Instrumente auch verbieten.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Ich finde es unsagbar traurig und empörend, dass der Aufschrei wegen zu erwartender Gewinnausfälle für diverse Konzerne aller Wahrscheinlichkeit nach mehr negative Folgen für die ungarische Regierung haben wird, als die Einführung der Zensurbehörde.

    Nicht wirklich überraschend, aber deswegen nicht weniger widerlich: Geld ist mal wieder wichtiger als Freiheit...

    Und nun weiter mit den Gebeten:

    Mammon unser auf den Konten,
    geheiligt werde Dein Name.
    Dein Reich komme.
    Dein Wille geschehe...

    • chamsi
    • 03.01.2011 um 10:12 Uhr

    zum einen...
    zum anderen wird hier nicht die Finanzwirtschaft
    zur Kasse gebeten, sondern die Realwirtschaft.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/cs

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • chamsi
    • 03.01.2011 um 12:17 Uhr

    Die Bewohner des Landes sind teilweise sehr arm...
    Die Strukturen des Landes sind veraltet und durch
    Korruption geschwächt....
    Es herrscht ein emotionalisierender Nationalismus
    und rassistische Strömungen, die sich gegen Juden
    und gegen Roma richten....
    Im Vergleich zu anderen Ostblockstaaten wie Polen, Tschechien und Rumänien haben die Ungarn weniger
    unternehmerisches Geschick gezeigt..
    Was fehlt sind Antikorruptionsgesetze die greifen
    und eine kritische Presse, die dies überwacht !
    Andere EUStaaten mögen ihre eigenen Mißstände
    haben, die Ungarns sind nicht mehr marginal, sondern
    grundsätzlicher Art und nicht mit EUStandards vereinbar !

    • chamsi
    • 03.01.2011 um 12:17 Uhr

    Die Bewohner des Landes sind teilweise sehr arm...
    Die Strukturen des Landes sind veraltet und durch
    Korruption geschwächt....
    Es herrscht ein emotionalisierender Nationalismus
    und rassistische Strömungen, die sich gegen Juden
    und gegen Roma richten....
    Im Vergleich zu anderen Ostblockstaaten wie Polen, Tschechien und Rumänien haben die Ungarn weniger
    unternehmerisches Geschick gezeigt..
    Was fehlt sind Antikorruptionsgesetze die greifen
    und eine kritische Presse, die dies überwacht !
    Andere EUStaaten mögen ihre eigenen Mißstände
    haben, die Ungarns sind nicht mehr marginal, sondern
    grundsätzlicher Art und nicht mit EUStandards vereinbar !

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service