Währungsunion Warum ein Amerikaner die EZB führen sollte

Die Währungsunion braucht föderative Strukturen, sonst wird sie nicht überleben. Der nächste EZB-Präsident muss deshalb neue Wege gehen.

Der Vorschlag liest sich vielleicht zynisch, doch versteht er sich als Hilferuf. Ich glaube, dass der beste Kandidat für die Nachfolge Jean-Claude Trichets ein Amerikaner wäre. Zweifellos gibt es in Europa hochbegabte Köpfe, die die nötige Kompetenz besitzen. Allerdings verlangen die Herausforderungen, die auf den künftigen Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) zukommen, ein grundsätzliches Umdenken in Bezug auf die Kernidee einer Währungsunion. Europäische Ökonomen verkennen diese Notwendigkeit, ihre US-Kollegen haben sie dagegen längst erkannt.

Wir dürfen nicht vor der wirtschaftlichen und politischen Realität in der Euro-Zone die Augen verschließen. Die Probleme Griechenlands, Spaniens und Irlands sind keinesfalls gelöst, wir haben lediglich Zeit gewonnen. Die Krisenstaaten haben nicht nur einen Liquiditätsengpass, den die EZB mit unkonventionellen Mitteln bekämpft. Sie sind schlicht überschuldet. Daran ist nicht viel zu ändern, auch nicht mit eiserner Fiskaldisziplin. Die Volkswirtschaften dieser Länder werden unter dem Strich defizitär bleiben, weil sie dem Ausland keine Industriegüter mehr zu verkaufen haben. 

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Sylvain Broyer
Sylvain Broyer

ist Chefvolkswirt der französischen Investmentbank Natixis in Frankfurt am Main.


Der gewerbliche Sektor ist dort seit dem Start der Währungsunion so stark geschrumpft, dass er nur noch knapp zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht. Eine solche Deindustrialisierung lässt sich nicht umkehren. Sie ist eine schlichte Konsequenz des Euros. In einer Währungsunion, in der die Tauschfunktion des Geldes optimal genutzt wird, findet ein natürlicher Prozess zunehmender regionaler Spezialisierung statt. Die Industrie wandert dorthin, wo sie komparative Vorteile findet – zum Beispiel nach Deutschland.

Griechenland ist nie eine Industrienation gewesen, und die Währungsunion wird erst recht nicht dazu führen. Im Gegenteil: Der Wohlstand einer europäischen Familie ist einfach höher, wenn sie in einem deutschen Auto in den Urlaub nach Griechenland fährt. Das Leid eines spanischen Bauarbeiters ist geringer, wenn er seine Rentenpunkte ganz legal auf einer deutschen Baustelle sammeln kann. Verlangen wir von Spanien, Irland und Griechenland, dass sie mit Lohnkürzungen ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken, dann sind zwei Konsequenzen für Deutschland wahrscheinlich: Erstens wird die deutsche Industrie in diesen Ländern keinen Absatz mehr finden, und zweitens wird sie sogar dorthin auswandern.

Wenn wir Frieden und Wohlstand in Europa wollen, müssen wir akzeptieren, in einer echten Währungsunion zu leben und nicht in den wirtschaftspolitischen Strukturen der Vergangenheit. In einer funktionalen Integration Europas, wie es einst die Väter der römischen Verträge nannten, ist der Euro nie Zweck, sondern nur ein Vehikel gewesen, um Europa politisch zu vereinen. Und der Euro hat sich als ein äußerst effizientes Vehikel erwiesen.

Leser-Kommentare
  1. Tolle Sache. Aber Unfug. Die USA haben so viel Erfahrung mit ihrer tollen Geldpolitik daß sie den Karren noch vor uns an die Wand fahren werden.

    Der Euro ist tot, die neue D.Mark ist längst gedruckt und lagert in irgendeinem Bergstollen. Wir schmeißen immer mehr gutes Geld in den EU-Abgrund, anstatt bei uns die Schotten dicht zu machen (deutsches Sparguthaben sichern) und in Ruhe den Sturm um uns auszusitzen.

    Das ganze Verschuldungssystem wird ohnehin untergehen. Besser eine Ende mit schrecken als Schrecken ohne Ende!

  2. Ich glaube kaum, daß sich Europa zwecks Aufwärtsentwicklung an den abwärtszeigenden Finanzstrategien der USA orientieren und einen "Amerikaner" zum EZB-Präsidenten berufen sollte.

    Da erscheint es doch erfolgversprechender einen Chinesen hierzu einzuladen. Die zeigen wie's geht.

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    • Thom78
    • 16.02.2011 um 14:55 Uhr

    Also das Pro-Kopf BIP der Chinesen liegt knapp hinter Namibia ( http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Länder_nach_Bruttoinlandsprodukt_pro_Kopf ) und die Inflation ist trotz Preiskontrollen recht hoch. Was also spricht nun für einen Chinesen?

    Passend dazu auch:

    www.ftd.de/wirtschaftswun...

    • Thom78
    • 16.02.2011 um 14:55 Uhr

    Also das Pro-Kopf BIP der Chinesen liegt knapp hinter Namibia ( http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Länder_nach_Bruttoinlandsprodukt_pro_Kopf ) und die Inflation ist trotz Preiskontrollen recht hoch. Was also spricht nun für einen Chinesen?

    Passend dazu auch:

    www.ftd.de/wirtschaftswun...

  3. … anderswo hätte man ihn längst hinausgeschmissen.

    … Der gewerbliche Sektor ist dort seit dem Start der Währungsunion so stark geschrumpft, dass er nur noch knapp zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht. Eine solche Deindustrialisierung lässt sich nicht umkehren. Sie ist eine schlichte Konsequenz des Euros … Dann stimmt wohl am System etwas nicht.
    … Die Industrie wandert dorthin, wo sie komparative Vorteile findet – zum Beispiel nach Deutschland … Dummes Geschwätz. Kapital wandert seit der Währungsunion aus Dt. ab und mit ihm auch das verarbeitende Gewerbe – Stichwort Investionsqoute.
    … spanisches Bauwunder … Der Mann braucht Hilfe von kompetenter Stelle. Eine riesige Blase mit horrender Massenarbeitslosigkeit ist die Folge.
    … Die europäische Peripherie ist nach knapp zehn Jahren Währungsunion zum Kerngeschäft für deutsche und französische Banken geworden … Kerngeschäft ist also das deindustrialisierte Randgebiet geworden. Banken sind kernfaul. Ja, dies wussten wir bereits.
    … Die Finanzmarktintegration fördert die Risikostreuung … Na da hat sich der Herr Mundell wohl total verschätzt – Berufskrankheit bei amerikanischen Ökonomen.

    Gegenvorschlag: Wir denken über Berufsverbote nach und belegen diesmal nicht Lehrer, die in der DKP sind.

  4. Seltener Blödsinn:

    "Eine solche Deindustrialisierung lässt sich nicht umkehren. Sie ist eine schlichte Konsequenz des Euros."

    und USA als Vorbild.

    Spanien und Deutschland (nach der Wiedervereinigung) hatten ein Leistungsbilanzdefizit von ca. 5%. Heute nach dem Euro liegt Deutschland bei +5% und Griechenland bei -14%. Dieses hat nichts mit dem Euro zu tun. Sondern Deutschland hat den Gürtel enger geschnallt und ist produktiver geworden, während Griechenland und USA (in den Besten Zeiten über 700Mrd Leistungsbilanzdefizit) sich zurückgelehnt haben. Den USA zahlt das Finanzkasino das Leistungsbilanzdefizit (Deutsch hat in 2007 und 2008 über 400Mrd. am internationalen Finanzmarkt verloren). Den Griechen hilft kein Finanzkasino, da schöpfen schon die USA und UK die Sahne ab. Der Westdeutsche Arbeitnehmer hat seit 20 Jahren keine Reallohnsteigerung. Währendessen hat der Arbeitnehmer in Griechenland, Spanien, UK und USA ca. 30% dazu gewonnen. Ich hoffe der westdeutsche Arbeitnehmer würde hoffentlich endlich einmal auf die Barrikaden gehen, wenn er nach der Deutschen Einheit und der Finanzkrise auch noch für die notleidenden Euroländer zahlen sollte. Irgendwann ist Schluss mit lustig.

  5. scheint mir aktuell nach sehr eigenen Auswahlkriterien zu erfolgen. Hier wird Chefvolkswirt der französischen Investmentbank Natixis in Frankfurt am Main bemüht. Nun ist die Investmentbank Natixis alles andere als ein Global Player, sei scheint mir noch nicht einmal europaweite Bedeutung zu haben. Aus diesem Blickwinkel sehe ich die "An alyse" des Herrn Broyer und für entsprechend kompetent halte ich diese. Ich hoffe, die "ZEIT" bemüht in dieser wichtigen Frage demnächst nicht die "Chefvolkswirte" der Kreissparkasse und der Volksbank Hintertupfingen. Obwohl da weniger "Spökenkiekerei" herauskommen könnte, als bei Herrn Broyer.

  6. Herr Broyer sollte diesen Artikel in einer französischen Zeitung veröffentlichen, z. B. in "Le Monde". Wäre sicherlich interessant, dann die Kommentare seiner Landsleute zu lesen.

  7. dass die Forderung, der nächste EZB-Chef solle ein Amerikaner sein, ziemlich albern ist (und auch natürlich rechtlich unmöglich) übersieht dieser Beitrag beim Vergleich Europas mit den USA doch etwas wesentliches.

    Die USA sind nicht nur eine Wirtschafts- und Waährungsunion, sondern ein Bundesstaat - was die EU nicht ist und nicht sein will.

    Das weist natürlich auch der Zentralbank in beiden Systemen eine fundamental verschiedene Rolle zu, mal von historischen, rechtlichen und institutionellen Unterschieden abgesehen, die bei Herrn Broyer alle unter den Tisch fallen.

    Auch sonst erscheinen mir grosse Teile seiner Analyse doch sehr von der Realität zu abstrahieren, um es freundlich zu sagen.

    Ich kann seinen Kommentar daher auch nicht wirklich ernst nehmen.

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    nicht sein will?

    wer will das nicht...das volk....da haben sie recht..aber die bürokraten...die wollen GENAU das...
    Anm: Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten an der Artikeldiskussion. Danke. Die Redaktion/lv

    nicht sein will?

    wer will das nicht...das volk....da haben sie recht..aber die bürokraten...die wollen GENAU das...
    Anm: Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten an der Artikeldiskussion. Danke. Die Redaktion/lv

  8. Na dieser Artikel passt ja super zu dem der gerade auf den Riesenschuldenberg der USA aufmerksam macht.
    Da steigt mein Vertrauen in die Künste eines Amerikaners als Chef der EZB ungemein.

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    • Thom78
    • 16.02.2011 um 15:00 Uhr

    Also die Staatsschulden der USA liegen bei rund 95% des BIPs, d.h. bei knapp einer Jahresproduktion. Auf dem Niveau waren die USA 1950 schon einmal und es folgte ein beispielloser Aufschwung, der zu einer massiven Erhöhung des Lebensstandars breiter Schichten und einem Rückgang der Schuldenquote auf 30% Anfang der 1980er Jahe führte. Hört sich für mich nun nicht soo tragisch an.

    • Thom78
    • 16.02.2011 um 15:00 Uhr

    Also die Staatsschulden der USA liegen bei rund 95% des BIPs, d.h. bei knapp einer Jahresproduktion. Auf dem Niveau waren die USA 1950 schon einmal und es folgte ein beispielloser Aufschwung, der zu einer massiven Erhöhung des Lebensstandars breiter Schichten und einem Rückgang der Schuldenquote auf 30% Anfang der 1980er Jahe führte. Hört sich für mich nun nicht soo tragisch an.

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