Angelika Zahrnt und Valentin Zahrnt bemühen sich ihrem Beitrag Für einen nachhaltigen Liberalismus, liberale Denkformen angesichts der Zuspitzung der ökologischen Krisen grundsätzlich zu verteidigen. Ihr Angelpunkt ist das Argument, dass ein politischer Liberalismus nicht Wirtschaftswachstum um jeden Preis impliziere, und ein nachhaltiger und nicht auf Wachstum fixierter Liberalismus sowohl eine zeitgemäße ökologische als auch eine moderne liberale Position sei. Für die beiden Autoren ist die Kernforderung eines substanziellen Liberalismus, dass alle Menschen – weltweit und auch in Zukunft – "ihre Individualität ausleben können, insoweit sie das Leben anderer nicht wesentlich beeinträchtigen".

Wenn man ihnen folgt und Freiheit in diesem Sinne nicht als Floskel versteht, sondern als reale Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu gestalten, hat dies weitreichende Konsequenzen – viel weiterreichende, als Zahrnt und Zahrnt annehmen.

Denn die auf kontinuierlichem Wachstum und fossilen Ressourcen basierende Produktions- und Lebensweise widerspricht zutiefst liberalen Grundsätzen. Sie beeinträchtigt die Entfaltungsmöglichkeiten von Millionen Menschen – auf der südlichen Welthalbkugel und zunehmend auch hier. Studien zeigen, dass sich die Klimakrise in einer wachsenden Weltwirtschaft nicht lösen lässt. Und das Erreichen des Fördermaximums von Erdöl (Peak Oil) stellt die von fossilen Brennstoffen abhängigen Wachstumsökonomien vor ungeahnte Herausforderungen. Wer so lebt, dass eine Verallgemeinerung seines Lebensstils fünf oder zehn Planeten in Anspruch nehmen würde, der schränkt die Freiheit anderer Menschen massiv ein – bis hin zu ihrem physischen Überleben.

Es reicht nicht, den übermäßigen Drang nach Wirtschaftswachstum zu kritisieren oder die jährlichen Urlaubsflüge einzuschränken. Notwendig ist ein grundlegendes Umdenken – hin zu einer Gesellschaft, in der menschliche Bedürfnisse im Vordergrund stehen, und hin zu einer Ökonomie, die ohne Wachstum oder sogar mit einem abnehmenden Bruttosozialprodukt auskommt. Ein derart konsequent gedachter Liberalismus, der reale Freiheit und Entfaltungschancen für alle Menschen auf diesem Planeten im Blick hat, erfordert die Abkehr der reichen Industrieländer vom Wachstumsmodell.

Eine solche Postwachstumsökonomie ist jedoch mit wirtschaftsliberalen Instrumenten nicht erreichbar. Wirtschaftsliberale und öko-liberale Positionen argumentieren mit der Notwendigkeit, bisher externalisierte Kosten zu internalisieren. Durch eine ökologische Steuerreform, so auch Zahrnt und Zahrnt, sollen die ökologischen Grenzen zu den Leitplanken wirtschaftlicher Entwicklung werden.