Angesichts der Unsicherheit über die weitere Entwicklung im Ölstaat Libyen kommen die Börsen zusehends unter Druck. So wurden die asiatischen Aktienmärkte ins Minus gedrückt und auch die Kurse am deutschen Aktienmarkt belastet. Investoren befürchteten, dass die Unruhen auf andere erdölexportierende Länder in Nordafrika und am Persischen Golf übergreifen könnte, die Ölpreise und die Inflationsrate weiter steigen könnte.

Mit der Ausnahme von Öl- und Gaswerten verkauften Anleger scharenweise ihre Anteile, um jetzt noch Gewinne mitnehmen zu können. Besonders betroffen sind die Aktienkurse der Fluggesellschaften. "Die Verteuerung des Rohöls spüren die Airlines natürlich als erstes. Deren Kosten steigen über den Ölpreis deutlich", sagte ein Händler. Mit einem Abschlag von 2,5 Prozent waren Lufthansa im Dax der größte Verlierer.

Am deutlichsten manifestiert sich derzeit die Sorge vor Lieferengpässen: Der Preis für den wichtigsten Rohstoff der Weltwirtschaft stieg auf den höchsten Stand seit knapp zweieinhalb Jahren. Ein Barrel der Nordsee-Ölsorte Brent kostete im frühen Handel 108,18 Dollar – das ist der höchste Stand seit September 2008.

"Ein Ende der Unruhen ist bislang nicht absehbar, und da Libyen ein Ölstaat ist, werden die Anleger immer nervöser", sagte ein Händler. Dabei ginge es nicht um das nordafrikanische Land allein, denn "Libyen allein produziert nicht soviel Öl, als dass es dadurch Engpässe geben könnte, selbst wenn das Land völlig kollabiert", sagte Rohstoffanalyst Carsten Fritsch von der Commerzbank. "Es geht also mehr um die Angst, dass die Unruhen auf Länder wie Algerien, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate überspringen."

Inzwischen kamen etwa sechs Prozent der Ölproduktion des nordafrikanischen Landes zum Erliegen. Viele Ölfirmen, darunter der britische Energiekonzern BP, zogen ihre Arbeiter ab. BP stellte zudem all seine Geschäfte vor Ort ein. Betroffen seien Vorbereitungsarbeiten für die Gas- und Ölproduktion im Westen des Landes, sagte ein Firmensprecher. Bislang produziert der Konzern in Libyen noch kein Öl oder Gas, bereitet sich aber auf eine Förderung in mehreren Jahren vor.

Diese Gefahr sieht auch die Internationale Energie-Agentur (IEA) und kündigte an, wegen der Libyen-Krise notfalls ihre Ölreserven von geschätzt 1,6 Milliarden Barrel anzuzapfen. "Wenn die Industriestaaten einen Bedarf dafür sehen, würden sie wohl darauf zurückgreifen", sagte IEA-Chefvolkswirt Fatih Birol. "Die Ölpreise sind eine ernste Gefahr für die weltweite Konjunkturerholung", sagte Birol, dessen Agentur ihre 28 Mitgliedsländer in Energiefragen berät. "Die globale Erholung bleibt sehr anfällig, besonders in den OECD-Ländern."

Auch China reagiert "sehr besorgt" auf die Entwicklung in Libyen. Einige chinesische Staatsbürger seien bei den Unruhen verletzt und chinesische Firmen "von Gangstern" geplündert worden, berichtete der Sprecher des Außenministeriums, Ma Zhaoxu. "China hofft, dass Libyen die soziale Stabilität und Normalität sobald wie möglich wiederherstellen kann." Auf Journalistenfragen, ob China wie andere Länder die Gewalt von Teilen der libyschen Streitkräfte gegen das eigene Volk verurteile, ging der Sprecher nicht ein.

Nach Einschätzung des deutschen Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV) gefährden die Unruhen in Libyen die hiesige Energieversorgung aber zunächst nicht. "Für die deutsche Ölversorgung besteht keine direkte Gefahr durch die politischen Unruhen in Nahost und Nordafrika", sagte eine Sprecherin des Verbandes in Berlin. "Der größte Teil des Öls kommt aus Russland und aus der britischen und norwegischen Nordsee."

Die Massenproteste gegen den libyschen Machthaber Muammar al-Gadhafi haben Menschenrechtlern zufolge inzwischen mehr als 200 Tote gefordert. Eine Beruhigung ist nicht in Sicht: Der selbsternannte Revolutionsführer und sein Sohn gaben sich unbeirrt.

Das nordafrikanische Land fördere rund 1,6 Millionen Barrel Öl am Tag, während die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) Reserven von sechs Millionen Barrel habe.