AnlagebetrugMadoff bezichtigt Banken der Komplizenschaft

Ex-Finanzmakler Madoff hat das erste Interview seit seiner Inhaftierung gegeben. Darin wirft er Banken und Hedgefonds vor, ihm bewusst blind vertraut zu haben. von dpa und Reuters

Der Finanzmakler und verurteilte Anlagebetrüger Bernard Madoff

Der Finanzmakler und verurteilte Anlagebetrüger Bernard Madoff  |  © Stephen Chernin/Getty Images

Jahrelang führte er Tausende Anleger hinters Licht, jahrelang betrog er sie um insgesamt 65 Milliarden Dollar, jahrelang narrte er mit seinem Schneeballsystem die Aufsichtsbehörden. Die Frage, wie ein einzelner Mann dies allein organisieren und verheimlichen kann, stellt sich die Finanzbranche schon länger. Nun gibt der Finanzjongleur Bernard Madoff selbst eine Antwort.

In seinem ersten Interview nach seiner Inhaftierung im Dezember 2008 beschuldigt er seine früheren Geschäftspartner der Komplizenschaft. Banken und Hedgefonds – Namen einzelner Institute nennt der 72-Jährige nicht – hätten "bewusst weggesehen" und Warnzeichen ignoriert. "Sie mussten es wissen", sagte er der New York Times. "Die Einstellung war aber nach der Art: Wenn Du was Falsches machst, wollen wir es nicht wissen."

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Dem Treuhänder Irving Picard, der sich darum bemüht, den Geschädigten zumindest einen Teil ihres Geldes zurückzubringen, will er diesbezüglich "mehrfach nützliche Informationen" geliefert haben. Vier Tage lang habe er sich im vergangenen Sommer mit dem Team des Konkursverwalters getroffen. Dabei ging es vor allem um den Verdacht, dass Bankmitarbeiter schon vor Jahren Verdacht geschöpft, aber geschwiegen hätten, um ihr Geschäft nicht zu gefährden. "Ich lese nun mehr darüber, wie argwöhnisch sie waren", sagte Madoff. "Mehr als ich es damals jemals realisiert habe."

Picard hatte bereits vor wenigen Wochen Madoffs Hausbank JP Morgan Chase mitverantwortlich für den Milliardenbetrug gemacht und reichte eine Klage über 6,4 Milliarden Dollar Schadensersatz gegen die US-Großbank ein. Die US-Großbank stehe "mitten im Zentrum", ließ Picard verlauten. Zwar hätten zahlreiche Banken den Betrug erst möglich gemacht, doch JP Morgan sei ein "regelrechter Komplize" des Milliardenbetrügers gewesen.

In der Klageschrift wird aus einer E-Mail eines Angestellten der Risikoabteilung vom Juni 2007 zitiert: Ein anderer Mitarbeiter der Bank habe ihm gesagt, dass "eine dicke Wolke über dem Kopf von Madoff hängt und dass seine Gewinne wohl Teil eines Schneeballsystems sind". Picard-Anwältin Deborah Renner sagte, es sei "unglaublich": Die Top-Manager der Bank seien "unverblümt" auf den Betrugsverdacht hingewiesen worden, seien aber anscheinend nur darauf bedacht gewesen, ihr eigenes bei Madoff investiertes Gelder zu retten.

Noch vor wenigen Monaten hatte Madoff – auch gegenüber der Staatsanwaltschaft – behauptet, er allein habe die Finanzgemeinschaft hintergangen. Nun aber vollzieht er die Kehrtwende und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Investoren und Institutionen, mit denen er zusammengearbeitet hatte. Die vielen weniger gut betuchten Anleger, die durch sein System geschadet wurden, erwähnt Madoff dagegen mit keinem Wort.

Zwei Stunden lang stand der frühere Wall-Street-Manager der NYT-Reporterin Diana Henriques im Besuchsraum seiner Haftanstalt in North Carolina Rede und Antwort. Madoff habe deutlich dünner gewirkt als früher, schreibt diese. Und er habe einen "zerbrechlichen" und "aufgewühlten" Eindruck auf sie gemacht. Vielleicht, so mutmaßt die Journalistin, weil er im Dezember einen seiner beiden Söhne verloren habe: Mark Madoff hatte sich zum Jahrestag der Entdeckung des Betrugs in seinem New Yorker Appartement erhängt, weil er mit der Schmach, die sein Vater über die Familie gebracht hatte, nicht fertig wurde.

Seine Familie versuchte Madoff in Schutz zu nehmen: Sie habe nichts von seinen illegalen Machenschaften gewusst. Im Übrigen habe er sich nie vorstellen können, dass der Zusammenbruch seines Betrugssystems sich so zerstörerisch auf seine Familie auswirken könne, sagte er.

Nach Schätzungen soll Madoff über Jahrzehnte hinweg bei mehreren Tausend Investoren rund 20 Milliarden Dollar eingesammelt und in einer Art Schneeballsystem angelegt haben. Er bezahlte die vermeintlichen Traumprofite der Anleger einfach mit dem frischen Geld neuer Investoren. Es war der größte Wirtschaftsbetrug der Geschichte. 2009 wurde Madoff zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt.

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Leserkommentare
  1. Zitat mit anmerkenden Erweiterungen (.):

    "Die Frage, wie ein einzelner Mann (!) dies allein organisieren und verheimlichen kann, stellt sich die (völlig "ahnungslos" übertölpelte) Finanzbranche (scheinheilig) schon länger. Nun gibt der Finanzjongleur Bernard Madoff selbst eine (peinlich einleuchtende) Antwort."
    Die klingt allerdings wie aus dem Buddelkasten:
    "Alle Mitspieler wollten mich so, haben profitabel mitgemacht - aber nur ICH allein wurde für eure Gier bestraft - und meine Familientragödie habt ihr auch zu verantworten. Die Leichtgläubigkeit der Anleger hat MICH zum Opfer werden lassen!"

    Einer kritischen Beobachterin zeigt sich an diesem Beispiel recht klar, dass hinter der Finanzkrise die egomane und gierige Korruptheit vieler Männer steht. Sie zeichnen sich durch einen erschreckenden Mangel an kritischer Distanz zu ihren eigenen Unternehmungen ebenso aus wie durch eine totale Gleichgültigkeit so wohl dem Einzelnen wie auch dem globalen Wohlergehen gegenüber.

    Der von Madoff derart übel beleumdeten Finanzwelt ist daher dringend zu empfehlen:
    "Gebt den Frauen das Geld! - und sie werden die Welt verändern."
    Die Autorin, das "Dschungelkind" Sabine Kuegler, die 2008 dieses Buch auf den Markt brachte, zeigt darin genau jene oben beschriebenen Strukturen auf.
    Während Unsummen Entwicklungsgelder in den Kanälen der Mächtigen verschwinden, ist festzustellen, dass mit geringsten Summen Großartiges bewirkt werden kann - vorausgesetzt, das Geld gelangt in weibliche Hände.

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    Die Gebt-den-Frauen-das-Geld-These ist aus meiner evolutionstheoretischen Sicht genau richtig.

    Der oben benannte KREATIV-Lohn, ein energie- und sachkapitalsteuer-finanziertes Grundeinkommen für Jedermann wird mit der weiblichen Komponente realisiert werden.

    Zu Madoff -
    Das 2%Wachstumszwang-Regime der KAPITALSTOCK-Maximierer herrscht in allen Industriestaaten - nach dem Madoff-Modell. Alle Systemdenker wissen, dass das 2%Regime nach dem Schneeballsystem funktioniert, d.h. früher oder später zusammenbrechen muß. Doch solange die MÄCHTIGEN es aufrechterhalten können, tun sie alles, um weiterzuexistieren, d.h. sie lügen alle Nicht-Durchblicker an und fordern von diesen ihre Wachstumsbeiträge. Stuttgart 21 ist ein solcher Wachstumsbeitrag v. rd. 10 Mrd €.

    Tröstlich ist, dass wir in den letzten Zügen der vorrevolutionären Phase des 2%Madoff-Machtsystems leben.

    Erst wenn diese einfache 2%Schneeballsystem-Wahrheit die Medienmauer durchbricht, und die evolutionäre Folgeordnung öffentlich bekannt werden wird, werden wir frei sein.

    Die Banken und Hedgefonds wußten sehr wohl was Madoff macht und die Damen und Herren duldeten es, solange sie profitieren durften.
    Die Wall Street Aufsicht versagte wie wir wissen, weil sie in der Dienstzeit lieber Pornos ansah, anstatt Aufsicht zu führen.
    Böse Zungen behaupten, die Geldsäcke der Hedgefonds sind so riesig, wer da einmal reinsehen durfte, verfällt in einer immerwährenden Ohnmacht.
    Das Pattex Fraktion der Wall Street besteht aus Männern und Frauen.

    • leon1
    • 17. Februar 2011 4:30 Uhr

    veraendern. Das haben viele geglaubt und dann kam Frau Thatcher und bei uns Frau Merkel.
    Wo war den Frau Madoff als ihr Mann die Millionen nach hause brachte?
    Verstehe schon - sie hat einfach nichts gewusst, gut gelebt,
    und sitzt nicht im Gefaengnis.

  2. Antisemitische Äußerungen sowie Gewaltandrohungen werden hier nicht toleriert. Die Redaktion/fk.

  3. einen neuen facbook gruppe für alle die sich für die jetzigen finanziellen situation interressieren und sich ein andere politik erwunschen.. [...]

    Bitte verzichten Sie auf unsachliche Bemerkungen. Danke. Die Redaktion/sh

    • tabe
    • 17. Februar 2011 13:40 Uhr

    Der Betrug ist gigantisch. Das heisst doch auch, dass es einer ordnungspolitischen Wende bedarf. Ein einzelner darf nie die Macht haben, so viel Schaden anzurichten.

  4. Die Gebt-den-Frauen-das-Geld-These ist aus meiner evolutionstheoretischen Sicht genau richtig.

    Der oben benannte KREATIV-Lohn, ein energie- und sachkapitalsteuer-finanziertes Grundeinkommen für Jedermann wird mit der weiblichen Komponente realisiert werden.

    Zu Madoff -
    Das 2%Wachstumszwang-Regime der KAPITALSTOCK-Maximierer herrscht in allen Industriestaaten - nach dem Madoff-Modell. Alle Systemdenker wissen, dass das 2%Regime nach dem Schneeballsystem funktioniert, d.h. früher oder später zusammenbrechen muß. Doch solange die MÄCHTIGEN es aufrechterhalten können, tun sie alles, um weiterzuexistieren, d.h. sie lügen alle Nicht-Durchblicker an und fordern von diesen ihre Wachstumsbeiträge. Stuttgart 21 ist ein solcher Wachstumsbeitrag v. rd. 10 Mrd €.

    Tröstlich ist, dass wir in den letzten Zügen der vorrevolutionären Phase des 2%Madoff-Machtsystems leben.

    Erst wenn diese einfache 2%Schneeballsystem-Wahrheit die Medienmauer durchbricht, und die evolutionäre Folgeordnung öffentlich bekannt werden wird, werden wir frei sein.

    Antwort auf "Die falschen Komplizen"
  5. nicht mehr zu begründen.
    Jedem Bürger, der seinen Verpflichtungen nicht nachkommt, wird von den Banken alles weggenommen, ohne wenn und aber.
    Die Bänker verpulvern Hunderte von Milliarden und lassen den Staat bezahlen ohne dafür ZS entrichten zu wollen, aber vervielfachen ihre Gagen und Boni und begründen das mit der Einzigartigkeit ihrer Arbeit.
    Ist es denn nicht möglich dem Einhalt zu Gebieten, oder ist alles so ineinander verwoben, dass ein Zurück zu Recht und Ordnung im langläufigen Sinn nicht mehr möglich ist?
    In Amerika sind eindeutig Mafia Strukturen auf dem Vormarsch, wenn man Madoff glauben kann und ich glaube ihm, der hat nichts mehr zu verlieren.
    Die Einzigen, die die Wahrheit auf den Tisch bringen könnten, wären die Medien.
    Allerdings würden die Heuschrecken dann wahrscheinlich die Medien einfach erwerben, um sie Mundtot zu machen.

  6. Die Banken und Hedgefonds wußten sehr wohl was Madoff macht und die Damen und Herren duldeten es, solange sie profitieren durften.
    Die Wall Street Aufsicht versagte wie wir wissen, weil sie in der Dienstzeit lieber Pornos ansah, anstatt Aufsicht zu führen.
    Böse Zungen behaupten, die Geldsäcke der Hedgefonds sind so riesig, wer da einmal reinsehen durfte, verfällt in einer immerwährenden Ohnmacht.
    Das Pattex Fraktion der Wall Street besteht aus Männern und Frauen.

    Antwort auf "Die falschen Komplizen"

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Reuters
  • Schlagworte Bernard Madoff | USA | Anlagebetrug | Banken | New York | Wall Street
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