Jahrelang führte er Tausende Anleger hinters Licht, jahrelang betrog er sie um insgesamt 65 Milliarden Dollar, jahrelang narrte er mit seinem Schneeballsystem die Aufsichtsbehörden. Die Frage, wie ein einzelner Mann dies allein organisieren und verheimlichen kann, stellt sich die Finanzbranche schon länger. Nun gibt der Finanzjongleur Bernard Madoff selbst eine Antwort.

In seinem ersten Interview nach seiner Inhaftierung im Dezember 2008 beschuldigt er seine früheren Geschäftspartner der Komplizenschaft. Banken und Hedgefonds – Namen einzelner Institute nennt der 72-Jährige nicht – hätten "bewusst weggesehen" und Warnzeichen ignoriert. "Sie mussten es wissen", sagte er der New York Times. "Die Einstellung war aber nach der Art: Wenn Du was Falsches machst, wollen wir es nicht wissen."

Dem Treuhänder Irving Picard, der sich darum bemüht, den Geschädigten zumindest einen Teil ihres Geldes zurückzubringen, will er diesbezüglich "mehrfach nützliche Informationen" geliefert haben. Vier Tage lang habe er sich im vergangenen Sommer mit dem Team des Konkursverwalters getroffen. Dabei ging es vor allem um den Verdacht, dass Bankmitarbeiter schon vor Jahren Verdacht geschöpft, aber geschwiegen hätten, um ihr Geschäft nicht zu gefährden. "Ich lese nun mehr darüber, wie argwöhnisch sie waren", sagte Madoff. "Mehr als ich es damals jemals realisiert habe."

Picard hatte bereits vor wenigen Wochen Madoffs Hausbank JP Morgan Chase mitverantwortlich für den Milliardenbetrug gemacht und reichte eine Klage über 6,4 Milliarden Dollar Schadensersatz gegen die US-Großbank ein. Die US-Großbank stehe "mitten im Zentrum", ließ Picard verlauten. Zwar hätten zahlreiche Banken den Betrug erst möglich gemacht, doch JP Morgan sei ein "regelrechter Komplize" des Milliardenbetrügers gewesen.

In der Klageschrift wird aus einer E-Mail eines Angestellten der Risikoabteilung vom Juni 2007 zitiert: Ein anderer Mitarbeiter der Bank habe ihm gesagt, dass "eine dicke Wolke über dem Kopf von Madoff hängt und dass seine Gewinne wohl Teil eines Schneeballsystems sind". Picard-Anwältin Deborah Renner sagte, es sei "unglaublich": Die Top-Manager der Bank seien "unverblümt" auf den Betrugsverdacht hingewiesen worden, seien aber anscheinend nur darauf bedacht gewesen, ihr eigenes bei Madoff investiertes Gelder zu retten.

Noch vor wenigen Monaten hatte Madoff – auch gegenüber der Staatsanwaltschaft – behauptet, er allein habe die Finanzgemeinschaft hintergangen. Nun aber vollzieht er die Kehrtwende und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Investoren und Institutionen, mit denen er zusammengearbeitet hatte. Die vielen weniger gut betuchten Anleger, die durch sein System geschadet wurden, erwähnt Madoff dagegen mit keinem Wort.

Zwei Stunden lang stand der frühere Wall-Street-Manager der NYT-Reporterin Diana Henriques im Besuchsraum seiner Haftanstalt in North Carolina Rede und Antwort. Madoff habe deutlich dünner gewirkt als früher, schreibt diese. Und er habe einen "zerbrechlichen" und "aufgewühlten" Eindruck auf sie gemacht. Vielleicht, so mutmaßt die Journalistin, weil er im Dezember einen seiner beiden Söhne verloren habe: Mark Madoff hatte sich zum Jahrestag der Entdeckung des Betrugs in seinem New Yorker Appartement erhängt, weil er mit der Schmach, die sein Vater über die Familie gebracht hatte, nicht fertig wurde.

Seine Familie versuchte Madoff in Schutz zu nehmen: Sie habe nichts von seinen illegalen Machenschaften gewusst. Im Übrigen habe er sich nie vorstellen können, dass der Zusammenbruch seines Betrugssystems sich so zerstörerisch auf seine Familie auswirken könne, sagte er.

Nach Schätzungen soll Madoff über Jahrzehnte hinweg bei mehreren Tausend Investoren rund 20 Milliarden Dollar eingesammelt und in einer Art Schneeballsystem angelegt haben. Er bezahlte die vermeintlichen Traumprofite der Anleger einfach mit dem frischen Geld neuer Investoren. Es war der größte Wirtschaftsbetrug der Geschichte. 2009 wurde Madoff zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt.