ZEIT ONLINE: Nahrungsmittel sind so teuer wie seit Langem nicht: Soeben veröffentlichten Daten der Welternährungsorganisation FAO zufolge erreichten die Preise im Januar ein neues Hoch. Zugleich zirkulieren an den globalen Finanzmärkten riesige Summen, die möglichst profitabel angelegt werden sollen. Treibt Spekulation die Preise?

Ralf Südhoff: Daran besteht kein Zweifel mehr. Dass mit Nahrungsmitteln spekuliert wird, zeigen Daten der Rohstoffbörse von Chicago: Die Summen, die dort in Getreide investiert werden, übersteigen den Wert der Ware, die gegenwärtig real auf dem Markt ist, um ein Vielfaches.

ZEIT ONLINE: An Börsen werden auch Terminkontrakte über künftige Ernten abgeschlossen. Muss die investierte Summe deshalb nicht höher sein als die real verfügbare Menge?

Südhoff: Natürlich, aber der gegenwärtige Unterschied ist damit nicht zu erklären. Termingeschäfte gibt es ja schon lange, sie sind auch sinnvoll. Auch das World Food Programme als größte humanitäre Organisation der Welt könnte ohne solche Verträge gar nicht arbeiten. Die Explosion des Kapitals auf den Märkten lässt sich nicht auf Terminkontrakte zurückführen. Das Grundproblem liegt derweil auf den realen Märkten: Spekulation lohnt sich, weil die Ära der Nahrungsmittelüberschüsse vorbei ist.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das?

Südhoff: In acht der vergangenen zehn Jahre waren die Ernten zu gering, um die weltweite Nachfrage zu decken. Der Trend ist langfristig: Die Weltbevölkerung wächst, der Bedarf an Bioenergie steigt, die Schwellenländer konsumieren mehr Milch und Fleisch. Laut UN-Prognose müssen wir bis zum Jahr 2030 unsere Nahrungsmittelproduktion um die Hälfte erhöhen, um alle Menschen satt zu bekommen.

ZEIT ONLINE: Kann das klappen?

Südhoff: Nur, wenn wir die heutigen Probleme endlich ernsthaft angehen: In den Industriestaaten sind viele Böden ausgelaugt, große Produktionssteigerungen sind kaum noch ohne massive Umweltschäden möglich. Hinzu kommen Wetterextreme in einem nie dagewesenen Ausmaß – und, dass Industrie- und Entwicklungsländer die Landwirtschaft jahrelang vernachlässigt haben.

ZEIT ONLINE: Was ist jetzt zu tun?

Südhoff: Wir brauchen eine radikale Agrarwende. Zuallererst müssen Kleinbauern in Entwicklungsländern mehr Möglichkeiten erhalten und besser gefördert werden. Der Weltagrarrat der Vereinten Nationen schätzt, dass sich die dortigen Ernten vervierfachen könnten, wenn wir die Wende zu einer effizienteren und zugleich nachhaltigen Bewirtschaftung ermöglichten. Damit würde man zugleich den Hungernden direkt helfen, den drei von vier Hungernden weltweit sind Viehzüchter , Landarbeiter und Subsistenzbauern, die sich heute vom Ertrag ihrer Felder nicht ernähren können und auch kein Geld haben, um Nahrung zu kaufen.

ZEIT ONLINE: Aber die Kleinbauern alleine können die globale Nahrungsmittelproduktion wohl kaum bis 2030 um die Hälfte erhöhen.

Südhoff: Auf ihnen muss der Fokus liegen. Aber es stimmt: Wenn wir schnell genug sein wollen, dürfen wir die mechanisierte Landwirtschaft nicht verteufeln. Das Beispiel Brasilien zeigt, was sie leisten kann – wenngleich ihr Ausbau nicht auf Kosten des Regenwaldes gehen müsste, wie es derzeit der Fall ist. Der Agrarboom des Landes basiert vor allem auf mechanisierter Landwirtschaft, und viele Menschen haben durch den Aufschwung Arbeit und Einkommen erhalten. Heute hat Brasilien praktisch den Hunger besiegt und kann sogar uns vom World Food Programme fördern, um Hungernde in anderen Ländern zu helfen.

ZEIT ONLINE: Die Nahrungspreise sind höher als im Krisenjahr 2008 , aber im Gegensatz zu damals gab es bislang kaum Hungerunruhen. Warum?