World Food Programme"Wir brauchen eine radikale Agrarwende"

Die Zeit des Überflusses ist vorbei, Nahrung teuer wie nie. Wer den Hunger bekämpfen will, muss die kleinen Bauern in Entwicklungsländern stärken, sagt Ralf Südhoff. von 

Ein Arbeiter trägt einen Sack voller Kartoffeln über einen Markt in Mumbai.

Ein Arbeiter trägt einen Sack voller Kartoffeln über einen Markt in Mumbai.  |  © Sajjad Hussain/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Nahrungsmittel sind so teuer wie seit Langem nicht: Soeben veröffentlichten Daten der Welternährungsorganisation FAO zufolge erreichten die Preise im Januar ein neues Hoch. Zugleich zirkulieren an den globalen Finanzmärkten riesige Summen, die möglichst profitabel angelegt werden sollen. Treibt Spekulation die Preise?

Ralf Südhoff: Daran besteht kein Zweifel mehr. Dass mit Nahrungsmitteln spekuliert wird, zeigen Daten der Rohstoffbörse von Chicago: Die Summen, die dort in Getreide investiert werden, übersteigen den Wert der Ware, die gegenwärtig real auf dem Markt ist, um ein Vielfaches.

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ZEIT ONLINE: An Börsen werden auch Terminkontrakte über künftige Ernten abgeschlossen. Muss die investierte Summe deshalb nicht höher sein als die real verfügbare Menge?

Ralf Südhoff
Ralf Südhoff

Das UN World Food Programme (WFP) ist die größte humanitäre Organisation der Welt. Ralf Südhoff ist WFP-Chef für Deutschland, Österreich und die deutschsprachige Schweiz.

Südhoff: Natürlich, aber der gegenwärtige Unterschied ist damit nicht zu erklären. Termingeschäfte gibt es ja schon lange, sie sind auch sinnvoll. Auch das World Food Programme als größte humanitäre Organisation der Welt könnte ohne solche Verträge gar nicht arbeiten. Die Explosion des Kapitals auf den Märkten lässt sich nicht auf Terminkontrakte zurückführen. Das Grundproblem liegt derweil auf den realen Märkten: Spekulation lohnt sich, weil die Ära der Nahrungsmittelüberschüsse vorbei ist.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das?

Südhoff: In acht der vergangenen zehn Jahre waren die Ernten zu gering, um die weltweite Nachfrage zu decken. Der Trend ist langfristig: Die Weltbevölkerung wächst, der Bedarf an Bioenergie steigt, die Schwellenländer konsumieren mehr Milch und Fleisch. Laut UN-Prognose müssen wir bis zum Jahr 2030 unsere Nahrungsmittelproduktion um die Hälfte erhöhen, um alle Menschen satt zu bekommen.

ZEIT ONLINE: Kann das klappen?

Südhoff: Nur, wenn wir die heutigen Probleme endlich ernsthaft angehen: In den Industriestaaten sind viele Böden ausgelaugt, große Produktionssteigerungen sind kaum noch ohne massive Umweltschäden möglich. Hinzu kommen Wetterextreme in einem nie dagewesenen Ausmaß – und, dass Industrie- und Entwicklungsländer die Landwirtschaft jahrelang vernachlässigt haben.

ZEIT ONLINE: Was ist jetzt zu tun?

Südhoff: Wir brauchen eine radikale Agrarwende. Zuallererst müssen Kleinbauern in Entwicklungsländern mehr Möglichkeiten erhalten und besser gefördert werden. Der Weltagrarrat der Vereinten Nationen schätzt, dass sich die dortigen Ernten vervierfachen könnten, wenn wir die Wende zu einer effizienteren und zugleich nachhaltigen Bewirtschaftung ermöglichten. Damit würde man zugleich den Hungernden direkt helfen, den drei von vier Hungernden weltweit sind Viehzüchter , Landarbeiter und Subsistenzbauern, die sich heute vom Ertrag ihrer Felder nicht ernähren können und auch kein Geld haben, um Nahrung zu kaufen.

ZEIT ONLINE: Aber die Kleinbauern alleine können die globale Nahrungsmittelproduktion wohl kaum bis 2030 um die Hälfte erhöhen.

Südhoff: Auf ihnen muss der Fokus liegen. Aber es stimmt: Wenn wir schnell genug sein wollen, dürfen wir die mechanisierte Landwirtschaft nicht verteufeln. Das Beispiel Brasilien zeigt, was sie leisten kann – wenngleich ihr Ausbau nicht auf Kosten des Regenwaldes gehen müsste, wie es derzeit der Fall ist. Der Agrarboom des Landes basiert vor allem auf mechanisierter Landwirtschaft, und viele Menschen haben durch den Aufschwung Arbeit und Einkommen erhalten. Heute hat Brasilien praktisch den Hunger besiegt und kann sogar uns vom World Food Programme fördern, um Hungernde in anderen Ländern zu helfen.

ZEIT ONLINE: Die Nahrungspreise sind höher als im Krisenjahr 2008 , aber im Gegensatz zu damals gab es bislang kaum Hungerunruhen. Warum?

Leserkommentare
  1. sind die Schuldigen an der Nahrungsmittelkriese! Die einen spekulieren die Preise hoch. Die anderen verknappen durch ineffektiven Ökolandbau und Energieproduktion aus Nahrungsmitteln die Nahrungsmittelproduktion!
    http://www.politik-poker....

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    würde gerne Ihren Ausführungen jemand entgegenstellen, der mit ökologischer Landwirtschaft seine Erträge gesteigert hat:

    Der Bauer mit den Regenwürmern

    Sepp Braun ist seit 1984 Biobauer. Auf seinem Hof in der Nähe von Freising betreibt er neben biologischem Ackerbau auch biologische Viehzucht. Für ihn und seine Frau geht es um mehr als nachhaltige Landwirtschaft.

    Der Ökolandbau ist für die beiden eine Antwort auf die Frage des Klimawandels.

    Während sich auf konventionell bewirtschafteten Äckern durchschnittlich 16 Regenwürmer pro qm finden lassen, tummelt sich bei Sepp Braun ungefähr die 25-fache Menge.
    Dass er die Lebensbedingungen der fleißigen Helfer berücksichtigt, versteht sich von selbst:
    Ihre "Wohnungen" werden nicht durch schwere Maschinen platt gewalzt und eine eigens gesäte Kleekräutermischung dient als Winterfutter für die kleinen Tiere.
    Regenwurmkot liefert wertvollen Humus und der Boden mit den bis zu 2 Meter tiefen Regenwurmröhren kann pro Stunde bis zu 150 Liter Wasser aufnehmen und im Boden speichern.
    Diese fantasievolle vielfältige Art der Ökolandwirtschaft erhöht seine Bodenfruchtbarkeit weit über die der auf chemische Düngung setzenden Nachbarn.

    Beachten Sie den letzten Satz!

    Schauen Sie sich den Film an, von einem der nicht ( wie wir) redet sondern der durch Praxis Beweise erbringt.

  2. 2. FAKTEN

    würde gerne Ihren Ausführungen jemand entgegenstellen, der mit ökologischer Landwirtschaft seine Erträge gesteigert hat:

    Der Bauer mit den Regenwürmern

    Sepp Braun ist seit 1984 Biobauer. Auf seinem Hof in der Nähe von Freising betreibt er neben biologischem Ackerbau auch biologische Viehzucht. Für ihn und seine Frau geht es um mehr als nachhaltige Landwirtschaft.

    Der Ökolandbau ist für die beiden eine Antwort auf die Frage des Klimawandels.

    Während sich auf konventionell bewirtschafteten Äckern durchschnittlich 16 Regenwürmer pro qm finden lassen, tummelt sich bei Sepp Braun ungefähr die 25-fache Menge.
    Dass er die Lebensbedingungen der fleißigen Helfer berücksichtigt, versteht sich von selbst:
    Ihre "Wohnungen" werden nicht durch schwere Maschinen platt gewalzt und eine eigens gesäte Kleekräutermischung dient als Winterfutter für die kleinen Tiere.
    Regenwurmkot liefert wertvollen Humus und der Boden mit den bis zu 2 Meter tiefen Regenwurmröhren kann pro Stunde bis zu 150 Liter Wasser aufnehmen und im Boden speichern.
    Diese fantasievolle vielfältige Art der Ökolandwirtschaft erhöht seine Bodenfruchtbarkeit weit über die der auf chemische Düngung setzenden Nachbarn.

    Beachten Sie den letzten Satz!

    Schauen Sie sich den Film an, von einem der nicht ( wie wir) redet sondern der durch Praxis Beweise erbringt.

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    Vergleichen wir mal die Fakten:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Ökologische_Landwirtschaft#Umweltwirkungen

    Daraus zitieren wir z.B. bzgl. des Treibhauseffekts:
    "Sie ergab für die untersuchten Feldfrüchte, dass bei ökologischer Produktion das Treibhauspotenzial nur wenig unter dem konventioneller Produktion liegt."

    Interessanter sind allerdings die Landnutzungszahlen, die durchgängig im Bereich von 1,5 bis 3 liegen. Also für 1kg Ertrag braucht man im Öko-Landbau die anderthalb bis dreifache Fläche.

    Es ist schade um die Regenwürmer welche durch konventionellen Landbau verloren gehen, allerdings kriegen wir nur damit die Menschheit satt.

    Interessant ist auch, dass im ökologischen Landbau die Böden ähnlich schnell bis sogar noch schneller versauern als im konventionellen Landbau.

    Der Düngemitteleintrag beim Öko-Landbau ist dagegen ein vielfaches höher was sich leicht erklärt weil man neben dem gewünschten Getreide ja auch noch alle Ungräser durchfüttert.

    Der Kollege mfgreinhard hat durchaus recht mit seiner Aussage, dass der Ökologische Landbau das Hungerproblem auf dieser Welt verschärft.

    Aha,-
    Wikipedia weiß also mehr als ein Landwirt der wirklichen ökologischen Landbau praktiziert.

    Wenn Sie das so hinstellen als wären Regenwürmer putzige Tierchen,
    die halt dran glauben müssen,
    dann haben Sie bei allem Respekt- entweder noch nie im Garten gearbeitet ,
    oder überhaupt gar nichts verstanden.

    Ich gebe aber auch zu, dass es in meinen Augen "ökologischen" Landbau gibt der den Namen nicht verdient , weil dort nicht ein gesundes Bodensystem im Vordergrund steht, sondern lediglich Kunstdünger mit Mineraldünger getauscht wird, aber nichts wesentlich für ein gesundes Bodenökosystem.

    [...]Wenn man es genau nimmt, geht aus dem Text lediglich hervor, dass er mehr Regenwürmer erzeugt. Da freuen sich die Angler bestimmt. Die Aussage, dass "seine Bodenfruchtbarkeit stärker erhöht wird als bei seinen Nachbarn die chemischen Dünger benutzen", bleibt etwas vage. Fährt er nun bessere Ernten ein oder nicht, und wenn ja, muss der Unterschied auch meßbar sein und ich würde gern die Zahlen sehen. Ausserdem ist es sicherlich nicht ausgeschloßen, dass der eine oder andere Biobauer mal einne bessere Ernte einfährt als sein konventioneller Nachbar. Wie heisst es doch so schön: Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Polemik und bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

  3. Und bei uns in Deutschland wird ein großer Teil der Lebensmittel (bis zu 50 Prozent) täglich auf den Müll geworfen. Es ist einfach nicht zu fassen.

    • Morg
    • 03. Februar 2011 11:48 Uhr

    "In acht der vergangenen zehn Jahre waren die Ernten zu gering, um die weltweite Nachfrage zu decken. [...] die Schwellenländer konsumieren mehr Milch und Fleisch."

    Die Ernten sind zu gering? Sie reichen doch aus, um Abermilliarden von Tieren zu füttern, deren Fleisch und andere Produkte dann konsumiert werden. Was nicht in die Tierproduktion geht, bleibt für die Menschen übrig. Und ja, diese Reste reichen nicht aus, um alle Menschen satt zu bekommen.

    Herr Südhoff setzt anscheinend stillschweigend voraus, dass dieses System nicht hinterfragt werden muss.
    Hat er schon mal darüber nachgedacht, wieviel ein Tier fressen muss, damit ein Schnitzel draus wird? Abhängig von der Tierart, werden fünf bis dreißig pflanzliche Kalorien verfüttert. Beim Rind bleiben deutlich über 90 Prozent der Nahrungsenergie auf der Strecke. Mehrfach so viele Menschen können daher mit der gleichen Getreidemenge ernährt werden.
    Quelle: http://vebu.de/umwelt/pro...

    Hier, genau hier entsteht die Welthungerkrise. Wir als Konsumenten tragen alle unser Scherflein dazu bei, dass anderswo Menschen verhungern, von ihrem Land vertrieben und regelmäßig mit Giften überschüttet werden. Mancherorts raten Ärzte den Frauen davon ab, in den nächsten 10 Jahren Kinder zu bekommen, weil sie sonst missgebildet auf die Welt kommen. Auch das dürfen wir uns ruhig auf unserere persönliche kleine Liste schreiben.
    http://www.youtube.com/wa...

    • papayu
    • 03. Februar 2011 11:52 Uhr

    sind die Philippinen. Kaum zu glauben,aber wahr. Bei einer Bevoelkerung, die j e d e s Jahr um 1 Million Menschen zunimmt.D.h. in 90 Jahren wird sich die Zahl verdoppeln. Dann wird es in diesem Land ca. 200 Millionen Menschen geben und Land ist nicht genug vorhanden. Allein in Manila sollen ueber 14 Millionen hausen. Oft schlaegt die Natur zurueck, aber das reicht nicht.Taifune, Vulkanausbrueche, Erdbeben usw.

    Fast 90% sind katholisch. Verhuetung ist verboten genau wie Scheidung.Der neue Praesident Aquino wollte kuerzlich die
    GEBURTENKONTROLLE einfuehren, wurde aber von der kath. Kirche
    abgeschmettert.

    Noch vor 60 Jahren wurde jede Grossstadt vom Umland mit Lebensmitteln versorgt ( Berlin ausgenommen).z.B. Hamburg.
    Da kam das Obst aus den Vierlanden, die Kartoffeln aus der Heide.Heute gibt es Obst vom Bodensee und Kartoffeln auch von weit her.

    Aber sind wir nicht selber Schuld?????? Eine Zeitlang gab es die Maerkte nicht mehr,es lohnte nicht fuer die Erzeuger sich die Fuesse in den Bauch zu stehen wenn gleich nebenan ein
    Discounter war, der die Produkte von sehr weit her holte, indem er in billigen deutschen Landen einkaufte und die Preise
    bestimmte.

    Geht zu den Wurzeln zurueck, vergesst die GIER, den NEID und das Protzen. (Gestern hab ich ein Steak aus Argentinien gegessen beim 10 Sternekoch.Hab 100 Euro hingelegt. Seltsam war nur ich war nicht satt.)Trinkt lieber die Milch von gluecklichen Kuehen?? Wer vermarktet diese, erbitte Adresse.

  4. Ackerland wird statt für Nahrung für Biodiesel u.ä. verwendet, was die Preise als allererstes treibt.
    Der Unfug mit dem Regenwürmern kann kein Ernst sein. Ein Ökobauer erntet 30 Dezitonnen pro Hektar Weizen, herkömmliche Betriebe 70 Dezitonnen, Spitzenbetriebe 100 Dezitonnen.

  5. 7. Absurd

    Man kann die Weltbevölkerung nicht mit mittelalterlichen Methoden ernähren. Was wir brauchen ist eine hochindustrialisierte Hich-Tech-Landwirtschaft. Zudem muß die Gentechnik weiter vorangetrieben werden. Dann werden wir bald die Wüsten zum blühen bringen können.

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    Schauen Sie sich doch die doch in Indien oder Mexiko an. Die Nutzung dieser Pflanzen bringt überhaupt nichts. Die Natur (Schädlinge) passen sich rasant an, was zur Folge hat, das man mehr Schädlingsbekämpfungsmittel braucht (die auch für den Boden schädlich sind, sowie für den Menschen).

    • redon
    • 03. Februar 2011 12:00 Uhr

    Das Lieblingsthema der Medien im Zusammenhang mit Lebensmittelpreisen ist und bleibt die Spekulation. Ignoriert wird, dass die Spekulation kaum mehr als ein Spiegelbild der realen Märkte ist. Die weitaus wichtigeren Ursachen liegen in den langfristigen Trends bei Angebot und Nachfrage. Verschärft werden Nahrungsmittelpreiskrisen zudem durch Exportbeschränkungen. Was die Regierungen tun müssen, ist, mehr in die nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft zu investieren.

    Subventionen von Saatgut gehören da nicht unbedingt zu. In Malawi muss man sich auch fragen, ob das nachhaltig ist. Die für Regierungen sinnvollsten Investition ist die Grundlagenforschung. Dort entstehen die positiven Externalitäten.

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  • Schlagworte Entwicklungsland | Ernte | FAO | Landwirtschaft | Afghanistan | Brasilien
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