Chicago-Ökonom Rajan"Amerika muss endlich aufwachen"

Der Chicago-Ökonom Raghuram Rajan sieht in der Einkommensungleichheit in den USA die Ursache der Finanzkrise. Im Interview kritisiert er die Geldpolitik der Notenbank.

Frage: Professor Rajan, vor einigen Tagen hat die US-Untersuchungskommission zur Finanzkrise ihren Bericht vorgelegt. Die Mitglieder streiten, ob die Krise auf Markt- oder Staatsversagen zurückzuführen ist. Wer hat recht?

Raghuram Rajan: Die Wahrheit liegt wie so häufig in der Mitte. In den USA hat die Regierung jahrelang die halbstaatlichen Kreditfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac gedrängt, bonitätsschwachen Bürgern den Kauf eines Hauses zu ermöglichen. Dazu haben Fannie und Freddy die von privaten Geschäftsbanken an bonitätsschwache Kunden vergebenen Kredite angekauft, gebündelt und in verbriefter Form weitergereicht. Die Geschäftsbanken machten mit, weil sie daran gut verdienten.

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Frage: Welche Rolle hat die US-Notenbank Fed gespielt?

Rajan: Die Fed hat die Leitzinsen in der Zeit von 2001 bis 2004 niedriger gehalten, als es angesichts des Wachstums der US-Wirtschaft angemessen war. Dadurch hat sie den Kreditboom verlängert und zur Preisblase am Immobilienmarkt beigetragen.

Frage: Jetzt hält die Fed die Zinsen wieder extrem niedrig...

Rajan: ...und begeht damit den gleichen Fehler wie damals. Auch diesmal orientiert sie sich in erster Linie an der Situation auf dem US-Arbeitsmarkt, wo die Arbeitslosigkeit noch immer hoch ist. Weil die Fed mit ihren Zinsentscheidungen faktisch den Leitzins für die gesamte Weltwirtschaft vorgibt, sind die Zinsen nicht nur für die USA, sondern auch für viele andere Länder zu niedrig.

Frage: Aber die Fed hat – anders als etwa die Europäische Zentralbank (EZB) – die gesetzliche Aufgabe, neben stabilen Preisen auch einen hohen Beschäftigungsstand zu gewährleisten.

Raghuram Rajan
Raghuram Rajan

Rajan, 48, ist seit 1995 Professor an der Uni Chicago. Von 2003 bis 2006 war der Sohn eines indischen Diplomaten Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. Rajan, der 1991 am MIT promovierte, ist einer der weltweit führenden Finanzexperten. 2005 provozierte er auf einer Tagung die globale Elite der Währungshüter mit einer Präsentation, in der er vor dem Zusammenbruch des Interbankenmarktes und einer "ausgewachsenen Finanzkrise" warnte. Während Politiker und die vom US-Kongress eingesetzte Untersuchungskommission zur Finanzkrise die Gier der Banker und die Deregulierung der Finanzmärkte als Gründe für die Krise betrachten, geht Rajans Analyse tiefer. Er identifiziert Mängel im Sozial- und Gesellschaftssystem als wahre Ursachen der Krise.

Rajan: Die alleinige Verpflichtung der Europäischen Zentralbank auf das Ziel der Preisstabilität rührt aus der Erkenntnis, dass der beste Beitrag einer Zentralbank zu Wachstum und Beschäftigung darin besteht, dass sie die Preise stabil hält. Das duale Mandat der Fed hingegen stammt noch aus einer Zeit, als man glaubte, es gäbe einen Trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. Bei niedriger Inflation, so lautete die Logik, könne die Zentralbank getrost aufs Gaspedal treten, um die Beschäftigung zu steigern. Das Problem ist jedoch, dass sie mit zu niedrigen Zinsen Instabilitäten im Finanzsektor auslöst und Preisblasen bei den Vermögenswerten aufpumpt. In den vergangenen Jahren setzten die Häuserpreise zum Höhenflug an. Jetzt lösen die niedrigen Zinsen der Fed massive Kapitalströme in die Schwellenländer aus, wo neue Blasen entstehen.

Frage: Sie argumentieren, die laxe Geldpolitik der Fed und die Kreditexpansion seien im Kern eine Folge der Einkommensungleichheit in den USA. Können Sie das erklären?

Rajan: In den vergangenen Jahren sind die Einkommen vieler Amerikaner deutlich hinter der Wachstumsrate der Wirtschaft zurückgeblieben. Das hat den Druck auf die Politiker verstärkt, etwas dagegen zu tun. Weil die Mehrheit der Amerikaner aber höhere Steuern und mehr staatliche Transfers ablehnt, haben sich die Politiker entschieden, die Einkommensungleichheit mit Krediten zu bekämpfen. Deshalb haben sie die Hypothekenfinanzierer Freddy und Fannie dazu eingesetzt, die Kreditvergabe der Geschäftsbanken an Arme zu unterstützen.

Frage: Hat die Fed auch Einkommenspolitik betrieben?

Leserkommentare
    • Jenss
    • 11.02.2011 um 19:39 Uhr

    Das ist das Vernünftigste was ich seit langem zu diesem Thema gelesen habe. Ich befürchte nur in den USA wird sich für die vorgeschlagene "Medizin" keine Mehrheit finden.

    Die Grasswurzelbewegung geht gerade in die andere Richtung. Ich denke es muss den USA erst noch schlechter gehen, bevor sie aufwachen.

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    • joG
    • 12.02.2011 um 11:47 Uhr

    ....gehen die Grassroot Leute in die entgegengesetzte Richtung? Sie wollen doch weniger Staatsausgaben und staatliche Einmischung mehr auf eine regelnde Tätigkeit beschränken. Letztlich ist das doch auch die Ansicht im Artikel.

    • joG
    • 12.02.2011 um 11:47 Uhr

    ....gehen die Grassroot Leute in die entgegengesetzte Richtung? Sie wollen doch weniger Staatsausgaben und staatliche Einmischung mehr auf eine regelnde Tätigkeit beschränken. Letztlich ist das doch auch die Ansicht im Artikel.

    • chamsi
    • 11.02.2011 um 20:31 Uhr

    vernünftig und ohne jede falsche Ideologie.
    Bildung,Infrastruktur und Umwelttechnologien
    sind die Bereiche,in die die USA jetztverstärkt
    investieren müssen.
    Die Sozialsysteme gerechter zu gestalten
    wird nahezu unmöglich sein, da die Republikaner
    sofort "Sozialismus" rufen.
    Für sie war ja schon eine breitere Krankenversicherung
    der erste, sichere Schritt in den sozialistischen Abgrund:)

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    "Das soziale Sicherungssystem in Europa ist in vielen Fällen zu generös." ;)

    "Das soziale Sicherungssystem in Europa ist in vielen Fällen zu generös." ;)

  1. Das gleiche Trauerspiel. Die Rezepte von Vorgestern funktionieren nicht mehr. Das Schneeballsystem der Finanzwirtschaft der Welt steht vor dem Kollaps und wir sollten uns schon einmal ueberlegen, wie es nach dem Supergau unseres Geldsystems weitergehen soll. Je schneller, je besser.
    Die Soziale Martwirtschaft, welche diesen Namen auch verdient, waere doch schon mal ein Ansatz. Oder?

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  2. "Deutschland erwirtschaftet Exportüberschüsse, weil es die Lohnerhöhungen in Schach gehalten und seine Wirtschaft flexibler gemacht hat. Deutschlands Unternehmen sind sehr wettbewerbsfähig. Das zu kritisieren ist Unfug. Andere Länder sollten lieber dem Beispiel Deutschlands folgen und ihre Wirtschaft durch angebotseitige Reformen wettbewerbsfähiger machen."

    Wie soll das funktionieren? Eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit anderer Länder ist gleichbedeutend mit einer Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Die Summe aller Nettoexporte muss 0 ergeben (da die Exporte bzw. Importe des einen Landes die Importe bzw. Exporte des anderen sind). Erhöhen also andere Länder ihre Wettbewersfähigkeit - d.h. ihre Nettoexporte erhöhen sich - müssen zwangsläufig die Nettoexporte anderer Länder zurückgehen (was gleichbedeutend mit einem Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit ist).

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    funktioniert anders, als sie es hier dargestellt haben. Wirtschaft, bzw Handel ist kein Nullsummenspiel.

    Wenn Staaten einem ähnlichen Wettbewerbs und Anpassungsdruck wie Unternehmen unterliegen, werden die nicht Wettbewerbsfähigen Länder Pleite gehen. Dieser Wettbewerb hat natürlich wenig erfreuliche Nebenwirkungen wie, die Lohnrückhaltungen in Deutschland oder Kriege um Ressourcen.

    funktioniert anders, als sie es hier dargestellt haben. Wirtschaft, bzw Handel ist kein Nullsummenspiel.

    Wenn Staaten einem ähnlichen Wettbewerbs und Anpassungsdruck wie Unternehmen unterliegen, werden die nicht Wettbewerbsfähigen Länder Pleite gehen. Dieser Wettbewerb hat natürlich wenig erfreuliche Nebenwirkungen wie, die Lohnrückhaltungen in Deutschland oder Kriege um Ressourcen.

  3. "Das soziale Sicherungssystem in Europa ist in vielen Fällen zu generös." ;)

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    Antwort auf "Super Artikel..."
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    • chamsi
    • 11.02.2011 um 21:24 Uhr

    seine Argumentation ist sehr ausgewogen, auch was seine
    Forderung hinsichtlich der Beteiligung der Verursacher an der Finanzkrise betrifft.
    Insgesamt gibt er der BRD ja beste "Noten", wie es
    scheint, steht ein" generöses Sozialsystem" dem nicht
    unbedingt im Weg :)

    • chamsi
    • 11.02.2011 um 21:24 Uhr

    seine Argumentation ist sehr ausgewogen, auch was seine
    Forderung hinsichtlich der Beteiligung der Verursacher an der Finanzkrise betrifft.
    Insgesamt gibt er der BRD ja beste "Noten", wie es
    scheint, steht ein" generöses Sozialsystem" dem nicht
    unbedingt im Weg :)

  4. funktioniert anders, als sie es hier dargestellt haben. Wirtschaft, bzw Handel ist kein Nullsummenspiel.

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    Antwort auf "Wettbewerbsfähigkeit"
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    Logik? Mathematik? Wieso global gesehen die Exporte die Importe nicht aufwiegen hätte ich dann gern erklärt....

    • joG
    • 12.02.2011 um 11:48 Uhr

    ....ein Free Lunch. Solche gibt es selten.

    Logik? Mathematik? Wieso global gesehen die Exporte die Importe nicht aufwiegen hätte ich dann gern erklärt....

    • joG
    • 12.02.2011 um 11:48 Uhr

    ....ein Free Lunch. Solche gibt es selten.

    • chamsi
    • 11.02.2011 um 21:24 Uhr

    seine Argumentation ist sehr ausgewogen, auch was seine
    Forderung hinsichtlich der Beteiligung der Verursacher an der Finanzkrise betrifft.
    Insgesamt gibt er der BRD ja beste "Noten", wie es
    scheint, steht ein" generöses Sozialsystem" dem nicht
    unbedingt im Weg :)

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  5. Moin,

    das war eine dankenswerte Idee der Zeit den Interviewten gleich als Friedman-Jünger zu kennzeichnen. Das erspart das Lesen wenn man nicht viel Zeit hat. Aber zum Inhalt:
    Regierung [...] Kreditfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac gedrängt, bonitätsschwachen Bürgern den Kauf eines Hauses
    Aus dem Grund, dass man hoffte sich eine Schicht von Kleinkapitalisten zu erziehen. Wie in UK unter Thatcher, hat ja auch eine bodenlose Pleite gegeben.
    der beste Beitrag einer Zentralbank zu Wachstum und Beschäftigung darin besteht, dass sie die Preise stabil hält.
    Friedman-Jünger, Monetarist, meine Rede. Hat unter Thatcher auch schon nicht geklappt. Auch können sich die Monetaristen nie darauf einigen, welche Geldmengen-Aggregate denn nun zu kontrollieren sind, s.a. Schattenbanken.
    die Einkommen vieler Amerikaner deutlich hinter der Wachstumsrate der Wirtschaft zurückgeblieben.
    Oooh ja. Warum wohl?
    die Mehrheit der Amerikaner aber höhere Steuern und mehr staatliche Transfers ablehnt
    Sagt Faux-News. Bei Umfragen die den Versuch unternahmen objektiv zu sein, kamen durchaus "liberale" Überzeugungen zum Vorschein.
    Soll Amerika jetzt Europa kopieren und ein Steuer- und Transfersystem einführen, das Arbeitsanreize erstickt?
    Muß ich das wirklich noch extra kommentieren?
    Da die 1500 Zeichen zur Neige gehen höre ich jetzt auf. Aber es hieße auch, dem Artikel zu viel Ehre anzutun, jeden angebotstheoretischen Murks darin auseinanderzupflücken.

    CU

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