Revolutionsgefahr Die Saudis stellen ihre Untertanen ruhig

Mit Milliarden-Geschenken erkauft sich König Abdallah von Saudi-Arabien die Loyalität der Bürger. Das Volk wird es sich genau überlegen, ob es einen Umsturz anzettelt.

Man merkt doch gleich, dass er zurück im Lande ist. Der saudische König hat nach seiner monatelangen Behandlung und Therapie seines Rückenleidens in New York und Marokko begonnen, wieder zu regieren. Und schon hat er mit einem mächtigen Ausgabenprogramm auf die Herausforderungen des neuen Jahres regiert. Wenn die Araber ihre Führer stürzen wollen, macht König Abdallah Kassensturz.

Beim Blick in die Staatsbilanzen stellte er fest, dass es viel zu verteilen gibt. Ab sofort bekommen also alle Angestellten des saudischen Staates, des mit Abstand größten Arbeitgebers des Landes, eine Gehaltserhöhung um satte 15 Prozent. Zugleich schießt er elf Milliarden Dollar zusätzlich in den saudischen Entwicklungsfonds, der kleine Kredite an Saudis für Heiraten, Hausbau oder Existenzgründung vergibt. Den Saudis soll es an nichts mangeln, wenn um das Land herum alle Gewissheiten wanken.

Anzeige

Die zwei entscheidenden Fragen sind nun: Kann sich Saudi-Arabien solche Großzügigkeit leisten? Und wird es etwas nützen, um die Ruhe im Lande zu sichern?

Saudi-Arabien kann sich viel leisten. Es ist nicht nur das Land mit der größten Erdölproduktion, sondern auch den größten nachgewiesenen Reserven dieses teuren Stoffes. Saudi-Aramco, der staatliche Ölkonzern, überweist seine Gewinne mit großer Zuverlässigkeit in den Staatshaushalt, womit der König dann – ohne parlamentarische, demokratische Kontrolle – wirtschaften kann. Die Umstürze in anderen arabischen Ländern sind für Saudi-Arabien sicherlich unangenehm, da alte Freunde ihre Sessel verlassen müssen, zum Beispiel Ägyptens Hosni Mubarak.

Zugleich aber ist der Ölpreis in den jüngsten Tagen stark gestiegen. Gerade der sich abzeichnende Bürgerkrieg in Libyen, einem wichtigen Öl- und Gasproduzenten in Nordafrika, ließ den Kurs für ein Fass Rohöl auf weit über 100 Dollar hochschießen. Davon profitiert Saudi-Arabien als größter Produzent am meisten. Riad hat bereits angekündigt, dass es in der Krise auch bereit ist, von seiner Überschusskapazität Gebrauch zu machen. Als eines der ganz wenigen Länder kann es kurzfristig die Ölproduktion ausweiten, um Engpässe auf dem Weltmarkt auszugleichen.

Doch wird das der Regierung im Innern helfen? Diese Frage ist weitaus schwieriger zu beantworten. Saudi-Arabien erlebt eine Bevölkerungsexplosion, die Frauen haben eine der höchsten Geburtenraten der Welt, die Jugendlichen wachsen nicht selten in die wohl abgefederte Arbeitslosigkeit hinein. Viele fühlen sich im saudischen Rentensystem schon als 20-Jährige wohl und hoffen nur noch auf einen ruhigen Job in einer Behörde, um gelassen täglich von zehn Uhr bis 14 Uhr der Pension entgegenarbeiten zu können. Doch nicht jeder ergattert so eine Stelle, und bei diesen Saudis kann Unmut wachsen. Seit Jahren gibt es in Saudi-Arabien kleinere Zwiste um Verteilung von Staatsjobs und Dotationen. Doch zu landesweiten, massiven Protesten ist es bislang nicht gekommen.

Das hat auch mit der Struktur des Landes zu tun. Anders als in Ägypten, wo 80 Millionen Menschen dicht gedrängt am Nil entlang leben, wo ein Nationalgefühl die Bürger eint und ein Staatsbewusstsein existiert, ist Saudi-Arabien noch heute ein Reich einer Dynastie.  Das Königshaus der Al-Saud hat das Land in den dreißiger Jahren zusammengefügt. Bis heute fragen sich die Hedschasis in Dschidda, was sie eigentlich mit den Schiiten in Qatif an der saudischen Ostküste verbindet und umgekehrt. Saudi-Arabien ist kein Nationalstaat, in dem eine nationale Aufwallung den Herrscher vom Thron stürzen könnte.

Hier sind die Interessen der Bürger zerfaserter, die gemeinsamen Bande schwächer. Saudi-Arabien existiert, weil es das Haus Saud gibt. Viele Saudis wissen um diese Bedingung ihrer staatlichen Existenz, auch deshalb werden sie etwas länger nachdenken als die Ägypter, bevor sie nach dem Ende der Herrscherdynastie rufen.  König Abdallah versüßt seinen Bürgern nun die Loyalität mit einigen Milliarden. Vorerst ist seine Gesundheit die größere Bedrohung für seine Regentschaft als die mögliche Erhebung der Saudis.

 
Leser-Kommentare
  1. Die Geldgeschenke haben die Opposition in Bahrain oder Kuwait auch nicht beruhigt. Wichtiger als die Geldgeschenke des alten Monarchen sind vielmehr die Entwicklungen in Bahrain. Sie sind, wenn man es genau nimmt, sogar wichtiger als die Entwicklungen in Libyen. Zumindest aus geopolitischer Sicht.

    Denn die Opposition in Bahrain wird, so schätze ich die Lage ein, mehr Machtbefugnisse erhalten. Hier handelt es sich hauptsächlich um einen Konflikt zwischen Shiiten und Sunni. Sollten die Shiiten sich mehr Rechte erkämpfen, wird es auch auf den ölreichen Osten Saudi-Arabiens übergreifen. Ebenso wäre Kuwait betroffen, das bereits letzte Woche Demonstrationen (mit Wasserwerfereinsatz) erlebte.

  2. ... denn als "Ruhigstellen". Man kann sagen, dass ein Herrscher die Bedürfnisse seines Volkes versteht. Und da, wo er sie nicht versteht, wo die Arroganz und Abgehobenheit des Herrschers zu groß werden, rebellieren die Menschen. Zu recht. Auch in Europa.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Ihnen ist schon klar, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Saudi-Arabien derzeit bei über 40 % liegt? Dass dies schon seit 2008 ein großes Problem ist und die Regierung es bisher nicht schaffte, ihre Versprechen umzusetzen.

    Zumal ich vom Osten Saudi-Arabiens gesprochen habe, wie man auch dem Artikel entnehmen kann. Stratfor hat unlängst auf die Bedeutung Bahrains hingewiesen und auch in Erwägung gezogen, dass die Spitzen des Staates nur von alten Männern besetzt sind.

    Die Nervosität kommt ja nicht von ungefähr. Wäre die Lage so toll, bräuchte es sicher keine Geldgeschenke.

    Antwort auf "Doch, werden sie."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bei Facebook, sowie auch in der Blogosphäre formieren sich bereits auch einige Gruppen, die den 20. März als Protesttag ins Auge fassen. Hier ist eine Liste mit ihren Forderungen. Wichtig erscheint mir nur, wie sich die Dinge in Bahrain entwickeln. Sicher haben Sie Recht, dass es nicht das ganze Land erfassen wird. Trotzdem sollte man die Bedenken der saudi-arabischen Machthaber ernstnehmen. Sie kommen sicherlich nicht aus dem Nichts. Vor allem Sorge bereitet, dass der erkrankte 87-jährige König unerwartet sterben könnte, wie auch kürzlich aus einem BBC-Arabic Interview von einem Prinzen zu vernehmen war.

    The People want to Reform the Government Campaign

    To support the right of the Saudi people and their legitimate aspirations:

    1 – a constitutional monarchy between the king and government.
    2 – a written constitution approved by the people in which governing powers will be determined.
    3 – transparency, accountability in fighting corruption
    4 – the Government in the service of the people
    5 – legislative elections.
    6 – public freedoms and respect for human rights
    7 – allowing civil society institutions
    8 – full citizenship and the abolition of all forms of discrimination.
    9 – Adoption of the rights of women and non-discrimination against them.
    10 – an independent and fair judiciary.
    11 – impartial development and equitable distribution of wealth.
    12 – to seriously address the problem of unemployment

    Bei Facebook, sowie auch in der Blogosphäre formieren sich bereits auch einige Gruppen, die den 20. März als Protesttag ins Auge fassen. Hier ist eine Liste mit ihren Forderungen. Wichtig erscheint mir nur, wie sich die Dinge in Bahrain entwickeln. Sicher haben Sie Recht, dass es nicht das ganze Land erfassen wird. Trotzdem sollte man die Bedenken der saudi-arabischen Machthaber ernstnehmen. Sie kommen sicherlich nicht aus dem Nichts. Vor allem Sorge bereitet, dass der erkrankte 87-jährige König unerwartet sterben könnte, wie auch kürzlich aus einem BBC-Arabic Interview von einem Prinzen zu vernehmen war.

    The People want to Reform the Government Campaign

    To support the right of the Saudi people and their legitimate aspirations:

    1 – a constitutional monarchy between the king and government.
    2 – a written constitution approved by the people in which governing powers will be determined.
    3 – transparency, accountability in fighting corruption
    4 – the Government in the service of the people
    5 – legislative elections.
    6 – public freedoms and respect for human rights
    7 – allowing civil society institutions
    8 – full citizenship and the abolition of all forms of discrimination.
    9 – Adoption of the rights of women and non-discrimination against them.
    10 – an independent and fair judiciary.
    11 – impartial development and equitable distribution of wealth.
    12 – to seriously address the problem of unemployment

  4. Lt. Tanja Gönner. Wir zahlen die Gehaltserhöhung der Saudis mit.

    Es wird Zeit für 100% Erneuerbare Energie!

    Eine Leser-Empfehlung
    • colca
    • 25.02.2011 um 11:43 Uhr
    8. Irrtum

    Sie schreiben, dass Unterdückung und Polizeistaat in Saudi Arabien schwächer als in den umliegenden Ländern sei?
    Dann sind Sie aber schlecht informiert.

    Saudi Arabien ist eine absolute Monarchie, ohne Parlament, ohne Wahlen, ohne Religionsfreiheit, ohne Meinungsfreiheit, ohne Gleichberechtigung der Geschlechter, mit brutaler Religions-und Sittenpolizei, mit Folter, mit öffentlichen Auspeitschungen und Enthauptungen usw.usf.
    Wenn es überhaupt ein Land gibt, in dem alle politischen und religiösen Übel dieser Welt vereint sind, dass ist das Saudi Arabien. Allerdings liegt dieser ganze Sumpf unter einen dicken Schicht von Petrodollars, so dass nur wenig Gestank nach außen dringt.
    Mit Ausnahme des mittelalterlichen wahabitischen Islam, der weltweit in Tausenden Medressen verbreitet wird. Er ist als ideologischer Humus für den islamistischen Terror zu betrachten.

    Kleine Lesprobe gefällig?
    http://www.auswaertiges-a...

    "Das Strafrecht folgt daher der Scharia. Todes- und Körperstrafen werden verhängt und vollstreckt. Die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit sind stark eingeschränkt. Parteien sind verboten. Politische Aktivisten und Menschenrechtler werden drangsaliert, inhaftiert oder gehen ins Ausland. Die öffentliche Ausübung nichtislamischer Religionen ist streng untersagt - es gibt keine Kirchen. Frauen haben keine Rechtspersönlichkeit. Meinungs- und Pressefreiheit sind nur eingeschränkt gegeben."

    Antwort auf "Doch, werden sie."

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service