Schiffe im Suezkanal auf dem Weg nach Norden © Cris Bouroncle/AFP/Getty Images

Geschlossene Tankstellen in England, stillgelegte Fabriken in Schweden, Fahrverbote in der Schweiz, ungeheizte Wohnungen in ganz Europa: Ende November 1956 fehlte es auf dem ganzen Kontinent an Öl. Die Wirtschaft und das öffentliche Leben kamen phasenweise zum Erliegen. Ursache war die Suezkrise . Der Suezkanal, einzige direkte Verbindung zwischen den ölreichen Ländern am Roten Meer und dem Mittelmeer, war wochenlang blockiert. Ägypten, Israel, Großbritannien und Frankreich kämpften um die Kontrolle des so wichtigen Transportwegs, gekenterte Schiffe brachten den Verkehr auf dem Kanal zum Erliegen.

Um rund zehn Prozent ging dadurch die weltweit verfügbare Ölmenge zurück. Bis heute gab es keinen größeren Einbruch auf diesem so sensiblen wie wichtigem Markt. Es war der erste Höhepunkt jahrzehntelanger Auseinandersetzungen um den ökonomisch so wichtigen Kanal, die später sogar in einer jahrelangen Blockade aller Transporte durch den ägyptischen Staat gipfelte.

Fast 55 Jahre später sind die Weltmärkte wegen der Unruhen in Ägypten erneut in Sorge. Auf rund 102 Dollar schoss der Rohöl-Preis in den vergangenen Tagen, damit erreicht er das erste Mal seit 2008 wieder dreistellige Höhen. Würde der Suezkanal erneut unpassierbar, müssten die Schiffe ganz Afrika umfahren und könnten nicht mehr die Abkürzung durch die 193 Kilometer lange Wasserstraße nehmen. Es wäre ein Umweg von rund 9000 Kilometern.

Dennoch: Eine neue Ölkrise wie einst 1956 wird es wohl kaum geben. Zu viel hat sich seither verändert.

Früher sicherte der Suezkanal ein großes Stück des europäischen Wohlstands. Heute wird weniger Öl durch den Kanal geschippert. Zugleich ist der weltweite Verbrauch stetig gestiegen. Eine Million Barrel Rohöl passiert täglich den Hafen in Suez, das sind nur noch knapp 1,2 Prozent der weltweit verbrauchten 84 Millionen Barrel. "Natürlich wäre eine Blockade schmerzhaft für Europa, aber weit weniger als in den 50er oder 60er Jahren", sagt Leon Leschus, Rohstoff-Experte beim Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). "Es gibt bei uns noch genug Lagerkapazitäten, um das auszugleichen."

Neben dem Öl gelangen durch den Suezkanal eine ganze Reihe weiterer wichtiger Güter nach Europa: Lebensmittel, aber vor allem wertvolle Metalle und Erze aus afrikanischen Ländern. Auch in die andere Richtung, von Europa in die arabischen und ostafrikanischen Länder, ist die Wasserstraße für den Handel kaum ersetzbar. Insgesamt gehen rund zehn Prozent des weltweiten Seehandels durch den schmalen Kanal.

Dennoch: Eine Blockade des Kanals würde wohl in Ägypten selbst weit größere Schäden anrichten als anderswo. Knapp 4,3 Milliarden Dollar nahm der Staat allein 2009 an Gebühren von Reedern ein, deren Schiffe den Suezkanal passierten. Rund zehn Prozent des gesamten Bruttoinlandprodukts würden im Ölsektor erwirtschaftet, schätzt Oliver Schlumberger, Politik-Professor für den mittleren Osten an der Uni Tübingen.

"Diese Einnahmen sind von entscheidender Bedeutung für Ägypten, ähnlich wichtig wie die aus dem Tourismus ", sagt er. "Wer auch immer an der Macht ist, würde sich deshalb massiv selbst schädigen, würde er den Suezkanal dichtmachen. Nur in einem Götterdämmerungsszenario wäre so etwas denkbar, quasi als letzter, verzweifelter, irrationaler Akt eines selbstzerstörerischen Regimes." Auch Rohstoff-Analyst Leschus hält eine Kanalschließung für "extrem unwahrscheinlich".

 Die Märkte fürchten eine weitere Ausbreitung der Unruhen

Bislang läuft der Schiffsverkehr entlang der Wasserstraße reibungslos, trotz des Chaos im ganzen Land und einer unübersichtlichen Lage in der Hafenstadt Suez selbst. Der Kanal funktioniere weiter, versicherte der neu eingesetzte Ministerpräsident Ahmed Schafik erst am Donnerstag.

Beunruhigender ist ein anderes Szenario: Falls die Unruhen auf der arabischen Halbinsel noch weiter um sich greifen, gar den Erdöl-Riesen Saudi-Arabien erreichen, könnte die Versorgung der Welt mit dem wertvollen Rohstoff wohl tatsächlich gefährdet sein. "Die Angst davor ist es, die momentan den Ölpreis steigen lässt", sagt HWWI-Experte Leschus. Rund die Hälfte der globalen Erdöl-Reserven lagert in den arabischen Ländern. 

Daneben gibt es weitere Gründe für den Sprung über die 100-Dollar-Marke, die nichts mit den historischen Ereignissen in den arabischen Ländern zu tun haben: "In Asien ist die Nachfrage geradezu explodiert, China braucht heute doppelt so viel Öl wie noch vor zehn Jahren", erklärt Leschus. Dass die energiehungrige Wirtschaft sich erhole, setze den Markt zusätzlich unter Druck.

Wer auch immer in Ägypten aus den aktuellen Wirren als Machthaber hervorgehen sollte: Aus wirtschaftlicher Sicht muss es ihm zuerst darum gehen, die Konjunktur anzutreiben und Arbeitsplätze zu schaffen. Denn die Volkswirtschaft am Nil steht unter massivem inneren Druck: Rund 500.000 Menschen drängen jährlich auf den Arbeitsmarkt, so Experte Schlumberger. "Allein um die unterzubringen, muss die Wirtschaft jährlich um sechs bis acht Prozent wachsen."

Momentan liegt die Jugendarbeitslosigkeit laut Weltbank bei 30 Prozent, das Land kämpft mit Korruption und zu geringer Produktivität. Wenn der politische Kampf um die Zukunft Ägyptens geschlagen sein wird, wird der Kampf um den Wohlstand erst beginnen.