Interview mit DIW-Chef "Die Ökonomen haben an den Menschen vorbeigedacht"

Die Ökonomen haben zu lange an falschen Gewissheiten festgehalten, sagt der neue DIW-Chef Gert Wagner. Die Forschung müsse mehr berücksichtigen, was Menschen fair finden.

ZEIT ONLINE: Herr Wagner, nehmen Sie als Forscher mit jahrelanger Erfahrung wahr, wie sehr der Ruf der Ökonomen in der Öffentlichkeit gelitten hat?

Gert G. Wagner: Es gibt einen Ansehensverlust. Aber der Grund dafür ist nicht, dass die Ökonomen wissenschaftlich schlechter geworden sind. Im Gegenteil: Die Forschung ist heute weitaus fundierter als früher.

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ZEIT ONLINE: Das hat die Prognostiker allerdings nicht davor bewahrt, daneben zu liegen: Erst, als es darum ging, vor der großen Krise zu warnen. Später haben sie auch den Aufschwung nicht vorhergesehen.

Wagner: Die Zeitläufe waren für exakte Prognosen nicht eben förderlich. Es gab Turbulenzen in der Weltwirtschaft. In solchen Zeiten kann man keine guten Prognosen erwarten. Selbst das beste System versagt, wenn es alle paar Jahre exogene Schocks gibt, die so bislang nicht vorkamen.

ZEIT ONLINE: Sollten Ökonomen öfter sagen, dass sie nur sehr wenig wissen?

Wagner: Ja.

ZEIT ONLINE: Warum tun sie es nicht?

Gert G. Wagner
Gert G. Wagner

Gert G. Wagner steht steht seit Februar an der Spitze des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Er soll das größte deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut bis 2012 leiten. Der 58-Jährige war zuvor für das sozio-ökonomische Panel (SOEP) verantwortlich, einer Langzeiterhebung über die Lebensverhältnisse in Deutschland. Wagner ist der Nachfolger von Klaus Zimmermann, der das DIW mehr als zehn Jahre lang leitete und zuletzt in die Kritik geraten war.

Wagner: Die meisten Ökonomen haben ein sehr simples Kommunikationsmodell im Kopf. Sie glauben, dass die vermeintliche Wahrheit, die man einmal gefunden hat, konstant verkündet werden muss, und zwar zugespitzt, ohne Wenn und Aber. Nur so würde man von den Entscheidungsträgern und in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Ein Irrtum.

ZEIT ONLINE: Ökonomen, die genau das tun, werden von den Medien öfter zitiert.

Wagner: Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass sie auch mehr Einfluss auf Entscheidungen haben. Ich habe gelernt, dass es gerade in der Politikberatung auf differenzierte Analysen ankommt. Wer etwas zu bieten hat, wird gehört. Das Problem mit den zugespitzten Wahrheiten besteht darin, dass sich viele Entscheidungsträger davon intellektuell unterfordert fühlen – und zwar zu Recht. So etwas wird nicht ernst genommen, weil die Welt in Wahrheit viel komplexer ist.

ZEIT ONLINE: Besteht das Problem nicht eher darin, dass viele Ökonomen dachten, die Wahrheit gefunden zu haben, um dann von der Finanzkrise widerlegt zu werden?

Wagner: Ja, die Finanzkrise hat uns wieder einmal gezeigt, dass wir die Welt schlechter erklären können, als wir glaubten. Aber da ist die Ökonomie nicht anders als etwa die Physik. In jeder Wissenschaft ist man überzeugt, dass das herrschende Paradigma das Richtige ist. Anders gesagt: Wissenschaft ist immer eine Mainstream-Veranstaltung.

ZEIT ONLINE: Sie finden es hinnehmbar, dass die herrschenden Modelle grob versagt haben?

Wagner: Natürlich nicht. Ich sage nur, dass es zwangsläufig eine Zeit dauert, bis wir unsere Modelle an die neuen Erkenntnisse angepasst haben. Dass viele Annahmen der neoklassischen Theorie unrealistisch waren, wussten wir schon lange. Aber wir haben jahrzehntelang unterschätzt, wie leicht diese Vereinfachungen zu falschen Schlussfolgerungen führen können. Die Wirtschaftswissenschaft hat aber längst begonnen, den homo oeconomicus weiterzuentwickeln. Im neuen Menschenbild der Ökonomen wägt nicht jeder seinen höchstpersönlichen Nutzen kühl ab und hegt immer die richtigen Erwartungen.

Leser-Kommentare
  1. Wagner: "... Und wenn Ökonomen der Politik Ratschläge geben, sollten sie das Fairnessempfinden der Menschen berücksichtigen."

    Fairness ist eine subjektive Kategorie. Informationen darüber, was Menschen als fair empfinden, erwarte ich nicht von Ökonomen, sondern von Meinungs- oder Sozialforschern. Am Ende muss ich mir meine eigene Meinung dazu bilden. Die kann mir Niemand abnehmen.

    Von Ökonomen erwarte ich differenzierte, substanziierte, transparente und nachvollziehbare Aussagen zu ökonomischen Zusammenhängen und die erwartbaren Auswirkungen ökonomischen oder die Ökonomie beeinflussenden Handelns.

    Dazu müssen vor allem die den Aussagen zugrunde liegenden Annahmen und Bedingungen offengelegt werden. Dazu gehören selbstverständlich auch die dem unterstellten Verhalten der Menschen zugrunde gelegten Erkenntnisse der empirischen Sozialforschung.

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    Es steht im Text. Der Mensch definiert Fairness. Er empfindet sie. Die Neoklassiker klammern sie aus, weil nur so ihre Denkmodelle funktionieren.

    Wenn 10 Prozent der Menschen auf Hartz IV angewiesen sind, kann das BIP trotzdem steigen. Die Wohlstandsverteilung ist dann aber so unausgeglichen, dass das ganze System an Stabilität verliert.

    Extembeispiel USA. Das BIP wächst und gleichzeitig verschuldet sich das Land. Amerika lebt seit fast 30 Jahren auf Pump bei meist wachsendem BIP. Schuld sind schlecht bezahlte Dienstleistungsjobs und Import billiger Waren. Ein prima Geschäft für die Händler und Arbeitgeber, desaströs für die auszehrende Gesellschaft.

    Es steht im Text. Der Mensch definiert Fairness. Er empfindet sie. Die Neoklassiker klammern sie aus, weil nur so ihre Denkmodelle funktionieren.

    Wenn 10 Prozent der Menschen auf Hartz IV angewiesen sind, kann das BIP trotzdem steigen. Die Wohlstandsverteilung ist dann aber so unausgeglichen, dass das ganze System an Stabilität verliert.

    Extembeispiel USA. Das BIP wächst und gleichzeitig verschuldet sich das Land. Amerika lebt seit fast 30 Jahren auf Pump bei meist wachsendem BIP. Schuld sind schlecht bezahlte Dienstleistungsjobs und Import billiger Waren. Ein prima Geschäft für die Händler und Arbeitgeber, desaströs für die auszehrende Gesellschaft.

  2. "Selbst das beste System versagt, wenn es alle paar Jahre exogene Schocks gibt, die so bislang nicht vorkamen"

    Welche exogenen Schocks bitte? DotCom-Blase, Immobilienblase, slice-and-dice, originate-and-distribute, Weg-mit-Glass-Steagall waren alles selbstgemachte Dinge, aus dem Finanzsystem heraus. Das sind keine exogenen Schocks, endogener geht's nicht!

    "Ja, die Finanzkrise hat uns wieder einmal gezeigt, dass wir die Welt schlechter erklären können, als wir glaubten. Aber da ist die Ökonomie nicht anders als etwa die Physik."

    Was die Entwicklung von allgemeingültigen Theoren betrifft: Ja.

    Aber in der täglichen Praxis kann ich mit hundert Jahre alte physikalische Gesetze aus Standardlehrbüchern ganz gut vorhersagen was passiert wenn ich dies und jenes tue. Wer versucht aus ökonomischen Standardlehrbüchern praktische Handlungsanweisungen abzuleiten, wird verdammt oft auf die Nase fallen.

    Warum muß man sich von klugen Leuten immer für dumm verkaufen lassen.

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    Mit "System" meinte Wagner die ökonomischen Prognosemodelle, nicht das reale ökonomische System. Für die relativ statischen Prognosemodelle, die aus der Empirie (Daten der Vergangenheit) abgeleitet sind, waren die heftigen Ausschläge des realen Systems exogene Schocks.

    Darin, dass man Wirtschaftswissenschaften nicht mit Physik vergleichen kann, stimme ich Ihnen zu. Denn bei den Ersteren geht es im Kern um nichts anderes als menschliches Verhalten, das, jedenfalls auf der Makroebene deutlich volatiler ist als physikalische Systeme. Auf der Mikroebene allerdings werden auch Letztere (siehe Quantenphysik, Stringtheorie) höchst volatil und wenig oder gar nicht mehr vorhersehbar.

    Mit "System" meinte Wagner die ökonomischen Prognosemodelle, nicht das reale ökonomische System. Für die relativ statischen Prognosemodelle, die aus der Empirie (Daten der Vergangenheit) abgeleitet sind, waren die heftigen Ausschläge des realen Systems exogene Schocks.

    Darin, dass man Wirtschaftswissenschaften nicht mit Physik vergleichen kann, stimme ich Ihnen zu. Denn bei den Ersteren geht es im Kern um nichts anderes als menschliches Verhalten, das, jedenfalls auf der Makroebene deutlich volatiler ist als physikalische Systeme. Auf der Mikroebene allerdings werden auch Letztere (siehe Quantenphysik, Stringtheorie) höchst volatil und wenig oder gar nicht mehr vorhersehbar.

  3. oder..die sind fast kriminelle..

    unsere ganzen finanz system ist ein farce...ein witz...und diese leute wissen es..

    wo waren die vor 4 jahren?..nirgentwo...wir hörten dauent von grosse wachstum..alles ist toll usw..

    finanz wissenschaft...ein witz..bis diese leute anfangen daruber zu reden WIE unsere geld erschaffen wird...wie es zu stande kommt...weil so lang es mit schulden verbunden ist..und zins...wird es sich nichts ändern..

    facebook gruppe 'rettungsschirm und der rechtsstaat' für alle die saur sind auf die entwicklungen bzgl die EU..EURO und die illegale rettungsschirmen

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  4. Die aktuelle VWL ist keine Wissenschaft sondern propagandistische Rückendeckung für die simple Bereicherungsstrategie einer globalen Oligarchie.

    Sonst hätte sie schon längst herausgefunden, dass Talcott Parson seit 1937 ihre Grundannahme vom egoistischen Ökonomie-Utilitaristen als vulgären Blödsinn entlarvt hat.

    11 Leser-Empfehlungen
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    Nur, was Einer als Nutzen empfindet, unterliegt nicht nur, vielleicht sogar am wenigsten einem rationalen Kalkül. Es ist zum Teil, ggf. sogar überwiegend irrational bestimmt. Oft lässt es sich nicht oder nur indirekt aus dem Vergleich von Präferenzen für verschiedene Handlungsalternativen in Zahl und Maß fassen.

    M.a.W., auch ein Selbstmörder folgt einem höchst persönlichen und gemeinhin unüblichen Nutzenkalkül.

    Schöne und passende Parade auf den aus meiner Sicht nach horrenden Unsinn, den sogenannte VWLer oder andere dieser verdunkelnden Zunft verbreiten.

    Nur, was Einer als Nutzen empfindet, unterliegt nicht nur, vielleicht sogar am wenigsten einem rationalen Kalkül. Es ist zum Teil, ggf. sogar überwiegend irrational bestimmt. Oft lässt es sich nicht oder nur indirekt aus dem Vergleich von Präferenzen für verschiedene Handlungsalternativen in Zahl und Maß fassen.

    M.a.W., auch ein Selbstmörder folgt einem höchst persönlichen und gemeinhin unüblichen Nutzenkalkül.

    Schöne und passende Parade auf den aus meiner Sicht nach horrenden Unsinn, den sogenannte VWLer oder andere dieser verdunkelnden Zunft verbreiten.

  5. 5. achso

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und artikelbezogen. Danke. Die Redaktion/km

  6. Mit "System" meinte Wagner die ökonomischen Prognosemodelle, nicht das reale ökonomische System. Für die relativ statischen Prognosemodelle, die aus der Empirie (Daten der Vergangenheit) abgeleitet sind, waren die heftigen Ausschläge des realen Systems exogene Schocks.

    Darin, dass man Wirtschaftswissenschaften nicht mit Physik vergleichen kann, stimme ich Ihnen zu. Denn bei den Ersteren geht es im Kern um nichts anderes als menschliches Verhalten, das, jedenfalls auf der Makroebene deutlich volatiler ist als physikalische Systeme. Auf der Mikroebene allerdings werden auch Letztere (siehe Quantenphysik, Stringtheorie) höchst volatil und wenig oder gar nicht mehr vorhersehbar.

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    • P.A.N.
    • 16.02.2011 um 15:28 Uhr

    Die heutige Volkswirtschaft und das Geldsystem haben sicherlich in der Finanzkrise viel Vertrauen verspielt - Es wurde weder eingehend vor der Krise gewarnt noch gab es eine fundamentale Diskussion über die tieferen Ursachen. Man machte einfach weiter wie bisher und flutete die Welt mit Geld.

    Ein Geldsystem sollte wie alles auf der Erde sich an der Natur orientieren und diese durch wissenschaftliche Methode verstehen und im System umsetzen. Die Natur kennt nur logarithmisches Wachstum und verzichtet auf exponentielles Wachstum - das wir in unserem System durch den Zins sehen. Hierdurch steigen Vermögen und auch Schulden ins Unbegrenzte. Ferner wird durch Zinsen Vermögen umverteilt - die große Masse an Konsumenten zahlt in den täglichen Warenpreisen Zinsen für Fremdkapital der Produzenten. Die Summe dieser versteckten Zinsen übersteigt bei 90% der Bevölkerung die Zinseinkünfte aus z.B. eigenem Bankguthaben. Nur bei den oberen 10% der Bevölkerung ergibt sich ein positives Verhältnis aus Zinskosten und Zinseinnahmen.

    Jedes System, dass sich nicht an der Natur orientiert und die Krisen der heutigen Zeit auslöst muss verbessert und überholt werden. Neben dem Mainstream Keynesianismus und Neoliberalismus gibt es Alternativen - Die Freiwirtschaft und Silvio Gesells 'natürliche Wirtschaftsordnung' bieten sehr interessante Lösungen falls es mit dem alten System doch mal wieder völlig unerwartet Schwierigkeiten geben sollte.

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    (1) Logarithmisches Wachstum und exponentielles Wachstum sind dasselbe. Das Logarithmieren ist nichts anderes als eine Umkehroperation des Potenzierens.

    (2) Eine wachsende Geldmenge bedeutet immer auch ein wachsendes Realvermögen, allerdings nicht in vollem Umfang. Geld jedoch, das nicht durch reale Werte gedeckt ist, führt zu einer Blase, die notwendigerweise früher oder später platzen muss, was nichts anderes bedeutet, als das sich Scheinvermögen in Luft auflöst.

    (3) Schulden steigen nur dann ins "Unbegrenzte", wenn die Kreditneuaufnahme dauerhaft größer ist als die Altkredittilgung. Sofern dahinter kein adäquater Zuwachs an Realvermögen steht, dann endet auch dieser Prozess früher oder später, und zwar in der Insolvenz, wobei sich die Schulden ganz oder teilweise in Luft auflösen.

    dasss im Kaufpreis eines x-beliebigen Produktes 30 bis 40 % an Zinsen und Zinseszinsen enthalten sind.
    Die selbstverständlich in der letzten Reihe den Superreichen zugute kommen, die am Anfang der Geldverleihkette stehen.

    (1) Logarithmisches Wachstum und exponentielles Wachstum sind dasselbe. Das Logarithmieren ist nichts anderes als eine Umkehroperation des Potenzierens.

    (2) Eine wachsende Geldmenge bedeutet immer auch ein wachsendes Realvermögen, allerdings nicht in vollem Umfang. Geld jedoch, das nicht durch reale Werte gedeckt ist, führt zu einer Blase, die notwendigerweise früher oder später platzen muss, was nichts anderes bedeutet, als das sich Scheinvermögen in Luft auflöst.

    (3) Schulden steigen nur dann ins "Unbegrenzte", wenn die Kreditneuaufnahme dauerhaft größer ist als die Altkredittilgung. Sofern dahinter kein adäquater Zuwachs an Realvermögen steht, dann endet auch dieser Prozess früher oder später, und zwar in der Insolvenz, wobei sich die Schulden ganz oder teilweise in Luft auflösen.

    dasss im Kaufpreis eines x-beliebigen Produktes 30 bis 40 % an Zinsen und Zinseszinsen enthalten sind.
    Die selbstverständlich in der letzten Reihe den Superreichen zugute kommen, die am Anfang der Geldverleihkette stehen.

  7. Nur, was Einer als Nutzen empfindet, unterliegt nicht nur, vielleicht sogar am wenigsten einem rationalen Kalkül. Es ist zum Teil, ggf. sogar überwiegend irrational bestimmt. Oft lässt es sich nicht oder nur indirekt aus dem Vergleich von Präferenzen für verschiedene Handlungsalternativen in Zahl und Maß fassen.

    M.a.W., auch ein Selbstmörder folgt einem höchst persönlichen und gemeinhin unüblichen Nutzenkalkül.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "gähn..."

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