Man kann die Zahlen , die das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) an diesem Donnerstag veröffentlicht hat, auf zwei Weisen lesen. Erstens: Als weiteren Beleg dafür, dass es am deutschen Arbeitsmarkt immer gnadenloser zugeht. Nur noch 60 Prozent der Erwerbstätigen haben eine normale Stelle, unbefristet, sozialversichert, ohne dass ein Leiharbeitgeber im Spiel ist, berichten die Forscher des Instituts. Noch Mitte der Neunziger Jahre lag dieser Anteil bei rund zwei Dritteln. Rund 2,7 Millionen Menschen arbeiten heute befristet – eine Million mehr, als noch vor 15 Jahren. Auch die Zahl der Menschen, die sich als Kleinstunternehmer durchschlagen oder als Leiharbeiter von Job zu Job hangeln, ist größer geworden. Das Prekariat wächst.

Man kann die Studie – zweitens – auch so interpretieren: Die Arbeitswelt verändert sich, aber weit weniger dramatisch, als es die Schreckensmeldungen der vergangenen Jahre nahelegen. Für die meisten im Land hat sich nämlich herzlich wenig verändert. Dafür spricht eine Zahl, welche die Forscher ebenfalls erhoben haben: Im Durchschnitt waren die Arbeitnehmer in Deutschland im Jahr 2010 rund 10,8 Jahre beim selben Arbeitgeber beschäftigt. Der Wert ist nicht gesunken, sondern liegt sogar höher als noch im Jahr 1992. Es gibt sie also noch, die stabilen Jobs, auch wenn die Beschäftigungsdauer von Berufseinsteigern in den vergangenen Jahren um ein Viertel gesunken ist. Die IAB-Zahlen sind kein Ausreißer. Andere Forscher kommen zu einem ähnlichen Befund .

Auch, dass der Anteil der unbefristeten Verträge sinkt, relativiert sich, wenn man genauer hinschaut: Die Zahl der Teilzeitjobs hat sich etwa in den vergangenen 15 Jahren auf 8,7 Millionen Stellen fast verdoppelt. Sie zählen nicht zu den "guten Jobs", sind aber oft genauso gut abgesichert wie Vollzeitjobs, und helfen Frauen wie Männern, Beruf und Familie besser in Einklang zu bringen. Dass die Zahl dieser Verträge steigt, ist in vielen Fällen eine gute Nachricht. Rechnet man sie hinzu, bleibt vom Rückgang der "normalen" Jobs wenig übrig . Ebenso die Leiharbeit: Sie mag zwar oft für Schlagzeilen sorgen. Insgesamt aber haben heute nur 2,9 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigen in Deutschland einen Zeitarbeitsvertrag. Befristete Beschäftigung ist ebenfalls weiter nicht die Regel, sondern die Ausnahme: Nur 8,9 Prozent haben einen solchen Vertrag.

Wie immer man die Studie lesen mag: Der Arbeitsmarkt spaltet sich, er "driftet auseinander", wie es der IAB-Direktor Joachim Möller sagt. Was das für Folgen hat, haben die Forscher ebenfalls in einer Umfrage ermittelt: Wer als Leiharbeiter oder mit befristetem Vertrag angestellt ist, fühlt sich demnach weit weniger in die Gesellschaft integriert als Arbeitnehmer mit unbefristetem Vertrag. Das gilt sogar dann, wenn die Gehälter sich gar nicht unterscheiden. Anders gesagt: Je prekärer der Job ist, desto schwerer fällt es, in dieser Gesellschaft anzukommen. Das sind die Folgen der neuen Zwei-Klassen-Gesellschaft: Während die meisten fest im Sattel sitzen, führen manche ein Leben in permanenter Unsicherheit.

Das muss die Politik nicht hinnehmen. Und sozial gerecht ist es auch nicht, wenn manche Stellen in einem Betrieb bombensicher sind, während andere mit Zeitverträgen darum kämpfen, dazuzugehören. Doch auch hier gilt, dass es keine einfache Antworten auf das Problem gibt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Leiharbeit vor allem Langzeitarbeitslosen geholfen hat , wieder in den Arbeitsmarkt zu finden. Und befristete Verträge ermöglichen es den Arbeitgebern, Stellen zu besetzen, die nur ein, zwei Jahre lang frei sind, etwa, weil sie an ein konkretes Projekt gebunden sind. Es wäre falsch, das alles zurückzudrehen.

Verbessern ließe sich jedoch einiges. Dort, wo befristete Verträge nur genutzt werden, um Mitarbeiter unter Druck zu setzen, um die Arbeitsleistung zu erhöhen, sollte die Politik einschreiten, etwa indem sie die Befristungsregeln verschärft. Auch die Zeitarbeitsbranche braucht strengere Regeln, wenn es den Firmen nur darum geht, Tariflöhne zu umgehen. Hunderttausende Zeitarbeiter können nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts ohnehin bald einklagen, was ihnen per Gesetz zusteht: Equal pay , gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Noch verdienen sie im Schnitt rund 20 Prozent weniger als vergleichbare Mitarbeiter mit fester Stelle. Schließt sich die Kluft, dürfte die Branche ganz von alleine schrumpfen.