EntwicklungshilfeWeniger Armut durch teure Lebensmittel

Hohe Nahrungsmittelpreise haben zum Unmut in Nahost beigetragen. Doch sie können paradoxerweise auch ländliche Armut bekämpfen, schreibt Michael Brüntrup im Gastbeitrag. von Michael Brüntrup

afghanistan

Weizenfeld in Afghanistan, Bamiyan  |  © Paula Bronstein /Getty Images

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre erlebt die Welt einen dramatischen Anstieg der Weltmarktpreise für Grundnahrungsmittel. Der Nahrungsmittelpreisindex der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft FAO hat mittlerweile den höchsten Stand seit seiner Einsetzung im Jahr 1990 erreicht. Besonders Mais und Weizen sind teuer, aber auch Fleisch, Milchprodukte, Pflanzenöle und Zucker. Der für die weltweite Ernährungssicherung besonders wichtige Reispreis hat hingegen bisher noch nicht nennenswert angezogen.

Die Gründe für die hohen Preise sind mittlerweile hinlänglich bekannt, wenn auch um die relative Bedeutung einzelner Faktoren nach wie vor heftig gestritten wird: Die Nachfrage steigt durch eine wachsende Bevölkerung, Verstädterung, höhere Nachfrage nach tierischen Veredelungsprodukten und die Förderung von Biokraftstoffen. Das Angebot kann der Nachfrage zwar (noch) folgen, aber die Produktionsmengen schwanken stark. Reduzierte Lagerhaltung und vermehrte Spekulation an Spot- und Warenterminbörsen führen zu höheren Risiken und verstärken Preisschwankungen. Staatliche Eingriffe in Export- und Importmärkte haben insbesondere während der ersten Nahrungsmittelpreiskrise 2007/2008 zur weiteren Preiseskalation beigetragen.

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Als Folgen der hohen Preise stehen derzeit der Anstieg der Zahl hungernder Menschen sowie politische Unruhen im Zentrum der Debatte. Die erste Krise soll zu einem Anstieg der unterernährten Menschen um 125 Millionen Menschen auf mehr als eine Milliarde geführt haben. In fast 60 Ländern brachen Unruhen aus. In der Folge haben viele Länder und Investoren begonnen, in großem Stil Land in Entwicklungsländern zu akquirieren (sogenanntes land grabbing), was seinerseits zu lokalen Konflikten führt. Die hohen Nahrungsmittelpreise der aktuellen Krise haben nach Ansicht von Beobachtern in vielen Ländern des Nahen Ostens, die besonders stark von Nahrungsmittelimporten abhängen, zum breiten Unmut in der Bevölkerung beigetragen und damit einen Beitrag zu den politischen Umwälzungen in dieser Weltregion geleistet.

Michael Brüntrup

Er ist Agrarökonom am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE). Das Institut zählt weltweit zu den führenden Forschungsinstituten zu Fragen internationaler Entwicklungspolitik.

Ein Aspekt hoher Nahrungsmittelpreise, der bisher nicht ausreichend gewürdigt wird, ist ihr positiver Beitrag zur Entwicklung der Landwirtschaft in Entwicklungsländern und damit zur Bekämpfung von ländlicher Armut. Dazu muss man zunächst wissen, dass die Zahlen über einen Anstieg der Zahl der Hungernden zunächst statistische Projektionen sind. Sie kommen dadurch zu Stande, dass unterstellt wird, die Weltmarktpreisänderungen würden in vollem Umfang auf die lokalen Märkte durchschlagen und Haushalte bei Verkauf (Wirkung auf Einkommen) und Zukauf (Wirkung auf Ausgaben) der entsprechenden Produkte so betreffen, als wenn sich sonst nichts ändern würde (die Ökonomie nennt das ceteris paribus-Ansatz).

Diese Sichtweise ist zwar für eine kurzfristige Analyse plötzlicher Preissteigerungen akzeptabel: Städtische Haushalte betreiben kaum Lagerhaltung und sind unmittelbar betroffen. Bäuerliche Haushalte lagern einen Teil ihrer landwirtschaftlichen Produktion. Doch Bauern können nicht voraussehen, dass die Preise derart steigen, und werden so nicht mehr produzieren und nur wenige werden Verkäufe zurückhalten. Sie profitieren daher kaum, und viele kaufen sogar einen Teil ihrer Nahrungsmittel zu.

Für eine entwicklungspolitische Betrachtung ist die beschriebene kurzfristige Sichtweise aber ungenügend, vielmehr regen höhere Agrarpreise längerfristig oft einen positiven Entwicklungskreislauf an: Landwirte investieren in die Ausweitung der Produktion. Sie brauchen dafür Produktionsmittel wie Dünger, in den meisten Entwicklungsländern aber insbesondere Arbeitskräfte von landlosen oder landarmen Haushalten. Diese sind neben knappem Land das wichtigste Produktionsmittel in einer allenfalls teilmechanisierten Landwirtschaft. Diese theoretischen Zusammenhänge sind auch in der Praxis zu belegen. 

Leserkommentare
  1. Nach der Logik des Autors müssten dann die Bauern durch den Verkauf reich werden. Das geht aber total an der Realität vorbei, er übersieht mehrere Punkte:

    Erstens arbeiten die Bauern in Entwicklungsländern größtenteils zur Selbstversorgung. Da sie für sich selbst arbeiten und wenig verkaufen werden sie ärmer, da auf lange Sicht ja auch die Preise für Dünger usw. steigen werden.

    Zweitens übersieht er, dass in Europa z.B. Landwirtschaft stark subventioniert wird; Unsere Märkte sind größtenteils abgeschottet von Entwicklungsländern weswegen ein Export kaum zur Stande kommt. Die inländischen Produktionen sind dadurch billiger, bei den Bauern kommt nichts an.

    Drittens hat die WTO das Problem nicht verringert sondern verschlimmert. Durch die ungleichen Verträge die dort ausgehandelt werden, sind z.B. Zölle für Entwicklungsländer weggefallen, aber andere Dinge wie Subventionen existieren immer noch. Auch die Aktion "Brot für die Welt" sollte uns ein Negativbeispiel sein.

    Und viertens und als wichtigster Faktor: Kein geschichtliches Beispiel hat jemals gezeigt, dass man durch Agrarwirtschaft wirklich reich wird; Die dauerhafte Umstellung auf Industrie war weitaus effektiver, da Agrarwirtschaft nur bis zu einem gewissen Punkt technisch verbessert werden kann, bei der Industrie ist das nicht der Fall.

    Die vernünftigste Möglichkeit liegt in den Bildungsprojekten und politischer Stabilität. Erst dann kann wirklich Reichtum erwirtschaftet werden.

    Eine Leserempfehlung
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    @ Stefan_T

    die Industrialisierung der Landwirtschaft ist mittlerweile an einem Punkt an dem qualitatives Wachstum perse nicht mehr möglich ist.

    Stichworte Stallhaltung versus Weidehaltung eine richtig betriebene ja ganzjährige Weidehaltung ist wesentlich ökonomischer als reine Stallhaltung bezieht sich auf Europa.

    Stichworte Degeneration der Rassen wir sind mittlerweile an einem hoch kritischen Punkt angelangt an dem sich die Entwicklung zurückdreht Stichworte Kälber-bluten Lebenszeiten und vor allen Unfruchtbarkeit bei Milchkühen nach max 3 Geburten...

    Stichworte Schweinehaltung die mit erheblichen Aufwand an Medikamentöser Begleitung verbunden ist desweiteren ist die klassische Stallhaltung kaum noch gewinnbringend. Es geht nur über Quantität nicht Qualität also Masse...

    Stichworte Felderwirtschaft die jetzige Felderwirtschaft ist verbunden mit immer höher steigenden Nitrat werten im Boden also der Versalzung. In der Abfolge auch eine Erosion der Böden und mangelnde Speicherung von Wasser Hochwassergefahr...

    Betriebswirtschaftlich mag Ihre Rechnung anhand der Effektivität erst mal aufgehen aber das sind nur kurz bis mittelfristige Effekte langfristig zeichnen sich schon jetzt die Wirkungen ab.

    mfg

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke. Die Redaktion/se

  3. das wäre mal ein Ansatz, steigt der Mais preis steigt in der Abfolge auch der Fleischpreis.
    In der Abfolge steigen auch die Kurse der Dünger Lieferanten und Zulieferer eben die ganze Kette...

    Dieser Anteil verteuert das Produkt zum einen, zum anderen sind die Bauern in den Entwicklungsländern von den Saatgutlieferanten abhängig und bei denen oft verschuldet das sie nicht in der Lage sind Pacht an den Grundbesitzer zu zahlen.

    Was zwar Mikrokredite zur Folge hatte die Idee ist gescheitert wurde missbraucht

    Zudem kommen Saatsorten zum Einsatz die den einheimischen Genpool einmal veruneinigen zum anderen vertreiben.
    Wie man in Indien gesehen hat waren die einheimischen Sorten wesentlich besser und ertragreicher als die Hybridreissorten...

    Die Bauern die auf Hybrid setzen verloren Ihre Ernten und zudem rutschten Sie noch tiefer in die Verschuldung..
    Natürlich wird auch auf Hybrid reis mit Hebelwirkung spekuliert....

    Analog hierzu Afrika hier wird der Geflügelmarkt derzeit von deutschen übernommen und wie sollte es auch anders sein kommen Eilegeroboter auf zwei Beinen zum Einsatz die Designt werden..
    Der vorhandene Genpool ausgelöscht und diese Hybridmonster nach zwei Jahren zum Schleuderpreis an Einheimische verramscht was die Afrikanischen Züchter verdrängt!

    Ja und auch auf das Abfallprodukt wird spekuliert also das was hinten runterfällt!

    Ein einheimische Markt wird gar nicht aufgebaut sondern feindlich mit seinen ökologischen Misswirkungen übernommen!

    Schöne neue Welt

    Eine Leserempfehlung
  4. @ Stefan_T

    die Industrialisierung der Landwirtschaft ist mittlerweile an einem Punkt an dem qualitatives Wachstum perse nicht mehr möglich ist.

    Stichworte Stallhaltung versus Weidehaltung eine richtig betriebene ja ganzjährige Weidehaltung ist wesentlich ökonomischer als reine Stallhaltung bezieht sich auf Europa.

    Stichworte Degeneration der Rassen wir sind mittlerweile an einem hoch kritischen Punkt angelangt an dem sich die Entwicklung zurückdreht Stichworte Kälber-bluten Lebenszeiten und vor allen Unfruchtbarkeit bei Milchkühen nach max 3 Geburten...

    Stichworte Schweinehaltung die mit erheblichen Aufwand an Medikamentöser Begleitung verbunden ist desweiteren ist die klassische Stallhaltung kaum noch gewinnbringend. Es geht nur über Quantität nicht Qualität also Masse...

    Stichworte Felderwirtschaft die jetzige Felderwirtschaft ist verbunden mit immer höher steigenden Nitrat werten im Boden also der Versalzung. In der Abfolge auch eine Erosion der Böden und mangelnde Speicherung von Wasser Hochwassergefahr...

    Betriebswirtschaftlich mag Ihre Rechnung anhand der Effektivität erst mal aufgehen aber das sind nur kurz bis mittelfristige Effekte langfristig zeichnen sich schon jetzt die Wirkungen ab.

    mfg

  5. Ob die Welt dieser Zeit tatsächlich schöner wird, wenn viele hungern und ein paar weniger exponentiell reich werden?

    http://www.querschuesse.d...

  6. Herzlichen Glückwunsch, Die Zeit entdeckt Mechanismen der Marktwirtschaft, die jeder Student der Wirtschaftswissenschaften schon im Grundstudium entdeckt. Steigende Nachfrage führt, ceteris paribus, zu steigenden Preisen, die einen Anreiz zur Ausweitung der Produktion setzen. Ganz simpel. Dass das hier als große Erkenntnis dargestellt wird, ist bezeichnend. Andererseits will ich Herrn Brüntrup nicht dafür schelten, immerhin setzt er sich damit etwas von den Staatswirtschaftsphantastereien seiner Genos...ähh Kollegen ab.

  7. Jeder kann auf Geldanlagen verzichten, die Mensch und Umwelt schaden! Keiner braucht Finanzprodukte, die auf Kosten der Ärmsten mit Nahrungsmitteln spekulieren! Dafür setzt sich die Initiative handle-fair.de ein.

  8. ...anscheinend hat der Verfasser nicht den Wirtschaftsteil der Zeit-Online gelesen. Das passt aber zu der These, zu der es immer eine Antithese gibt.
    Der Bauer, der in Pakistan seine Restjahresernte (den grössten Teil musste er an seinen Grundbesitzer abgeben !) für umgerechnet 70€ verkauft und sich darüber wie Bolle freut, wird wahrscheinlich in Ekstase geraten dreissig oder vierzig Euro mehr zu verdienen...was für ein Quatsch!!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte OECD | WTO | Biokraftstoff | Entwicklungsland | Export | FAO
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