ZEIT ONLINE: Herr Bisignani, noch Anfang März prognostizierten ihr Verband IATA der Luftfahrtbranche einen Gewinn von 8,6 Milliarden Dollar für 2011. Bleiben Sie dabei?

Giovanni Bisignani: Diese Industrie ist sehr fragil. Schon unsere Prognose im März prophezeite eine Halbierung der Gewinne, verglichen mit 2010. Die Gewinnmarge der Fluggesellschaften liegt durchschnittlich bei gerade 1,4 Prozent. Und auch die finanzielle Basis der Industrie ist schwach, der Schuldenstand beträgt 200 Milliarden Dollar. Mit solch hauchdünnen Margen spüren wir jeden Schock. Wir haben gerade drei: Hohe Ölpreise, die tragischen Ereignisse in Japan und die politischen Unruhen im Mittleren Osten. Noch ist es zu früh, um eine Prognose abzugeben, aber wir verfolgen das natürlich sehr genau.

ZEIT ONLINE: Worauf schauen Sie dabei vor allem?

Bisignani: Natürlich auf den Ölpreis. Wenn er so hoch steigt, dass sich das Wachstum verlangsamt, verändert sich in unseren Szenarien alles. Steigt der Kerosinpreis im Jahresdurchschnitt um nur einen Dollar, müssen die Fluggesellschaften 1,6 Milliarden zusätzliche Kosten abfedern. Zugleich haben die Regierungen als Konsequenz aus der Wirtschaftskrise die Steuern angehoben. Allein Deutschland will mit seiner neuen Abgabe eine Milliarden Euro kassieren, das ist doppelt so viel, wie der erwartete Gewinn aller europäischen Fluggesellschaften 2011. Dabei ist unsere Industrie der beste Katalysator für Wachstum. 

ZEIT ONLINE: Wird dieses Wachstum durch die Folgen der japanischen Katastrophe gebremst?

Bisignani: Japan ist ein großer Luftverkehrsmarkt und steht für 6,5 Prozent der globalen Verkehrsströme. Zugleich erwirtschaften die Fluggesellschaften rund zehn Prozent des Umsatzes dort – etwa 62,5 Milliarden Dollar. Glücklicherweise funktionieren die meisten Flughäfen bereits wieder ohne große Störungen. Wir erwarten daher einen kurzen Rückgang der Buchungen, langfristig hängt vieles von den Entwicklungen am Atomkraftwerk ab. Normalerweise würden wir eine V-förmige Erholung erwarten, auch weil bald mit dem Wiederaufbau begonnen wird. Noch aber ist es zu früh für eine endgültige Einschätzung.

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