MegacitysChinas große Urbanisierung

Hunderte Millionen Bauern will Chinas Regierung bis 2030 in Städte umsiedeln. Es ist die größte Wanderung der Geschichte. Das Sozialsystem ist dem nicht gewachsen. von 

Bauarbeiter zerren etwa drei Meter hohe Jungbäume von einem Lastwagen. Die Männer mühen sich mit den sperrigen Stämmen. Rund 40 Kilometer vor den Toren der Zehnmillionen-Stadt Wuhan in der zentralchinesischen Provinz Hubei sollen die Bäume eine vierspurige Straße säumen, die erst vor kurzem fertig wurde. Das nächste Bauvorhaben ist schon geplant, eine große Plakatwand stellt es vor: Es ist ein gigantisches Einkaufszentrum aus Glas und Stahl, darin – neben den üblichen Geschäften – ein Imax-Kino und eine Badelagune.

Abgesehen von Straße, Bäumen und Plakatwand deutet noch nicht viel darauf hin, dass hier einmal ein Stadtteil mit mehreren Hunderttausend Einwohnern entstehen soll. Es gibt ein paar verfallene Bauernhäuser, ansonsten liegt alles brach. Nur am Horizont sind Baukräne zu sehen, die die ersten Wolkenkratzer hochziehen.

Anzeige

Im gesamten Kernland von China werden derzeit gigantische Flächen ausgemessen, Gruben ausgehoben, Straßen gebaut, Bäume gepflanzt und Schienen gelegt. Wanderarbeiter errichten Brücken, wo im Umkreis von Kilometern keine Stadt vorhanden ist. Mitten auf dem platten Land werden U-Bahn-Schächte gegraben. "Je früher wir Parkanlagen, Einkaufszentren, Kulturangebote einplanen und für eine umfangreiche Verkehrsinfrastruktur sorgen, desto lebenswerter wird es werden", sagt Städteplaner Wu Weibin. Er ist für eine Reihe von Projekten in Hubei zuständig.

Nichts soll dem Zufall überlassen werden. China wappnet sich für die große Urbanisierung.

Am Freitag treten die rund 3000 Delegierten des Nationalen Volkskongresses zu ihrer jährlichen Tagung zusammen. Sie werden den wahrscheinlich teuersten Fünfjahresplan verabschieden, den es in der Geschichte der Volksrepublik China je gegeben hat. Er sieht vor, dass bis zu 100 Millionen Menschen in den kommenden fünf bis zehn Jahren vom Land in die Stadt umziehen sollen. Laut einem Bericht der regierungsnahen Entwicklungsforschungsstiftung, der bereits im vergangenen Herbst veröffentlicht wurde, wird China dafür gigantische 16 Billionen Yuan für neue Straßen, Eisenbahnen, Kraftwerke, Wasserversorgung und soziale Dienstleistungen benötigen – mindestens. Das sind umgerechnet rund 1,8 Billionen Euro.

Das Ziel der chinesischen Regierung ist es, in den kommenden Jahrzehnten rund 400 Millionen Chinesen von Bauern zu Stadtbewohnern zu machen. Derzeit lebt nicht einmal die Hälfte der chinesischen Bevölkerung in einer Stadt: Viel zu wenig für eine entwickelte Volkswirtschaft, sagt der chinesische Chefökonom der Weltbank und Regierungsberater, Justin Yifu Lin . Künftig sollen es 85 Prozent sein. Das sei nötig, sagt Lin, damit die Menschen auf dem Land einen ähnlich hohen Lebensstandard genießen könnten wie die Stadtbevölkerung. Konkret heißt das: In den kommenden Jahrzehnten müssen jährlich zwischen 10 und 20 Millionen Menschen urbanisiert werden.

Mit einem staatlich forcierten Zuzug in die bestehenden Städte ist es nicht getan, im Gegenteil. Die bereits existierenden Megastädte wie Shanghai, Peking oder Guangzhou mit jeweils zwischen 15 und 20 Millionen Einwohnern platzen bereits jetzt schon aus allen Nähten. Der Verkehr ist ein Chaos, die Wasser- und die Stromversorgung und die Müllabfuhr sind kaum noch zu gewährleisten. Die Hauptstadt Peking etwa erstickt inzwischen an mehr als 300 Tagen im Jahr im Verkehrskollaps. In Shanghai sieht es nicht wesentlich besser aus.

Deshalb will die chinesische Führung jetzt auf dem Land neue Städte schaffen. Die Zahl der rund 120 Millionenstädte in China soll sich bis zum Jahr 2025 verdoppeln. Zusätzlich plant die chinesische Regierung bis zu ein Dutzend Megastädte mit 15 bis 20 Millionen Menschen. Ausländische Medien hatten sogar darüber berichtet, dass am Perlflussdelta vor den Toren Hongkongs die beiden Boomstädte Guangzhou und Shenzhen zu einer Super-Megastadt mit über 40 Millionen Menschen zusammengelegt werden sollten. Die Provinzregierung von Guangdong dementierte das: Eine solche Fusion sei nicht zu bewerkstelligen, heißt es in den staatlichen Medien. Dass auch am Perlflussdelta die Städte immer weiter wachsen, ist aber unbestritten.

Leserkommentare
  1. Riesige graue Moloche. Durch die Dichte der Bevölkerung, kaum mehr zu kontrollieren. Bei Protesten werden dann einfach von der Luftwaffe, ein bis zwei Wolkenkratzer zerbombt, welche die Demonstranten unter sich begraben. Sofort schießen einem die gewaltigen Bilder, von postapokalyptischen Filmen, in den Sinn. :-)

    Chinas Wachstum sollte sich auch einmal erschöpfen, dies dürfte, nach/mit der kommenden Weltwirtschaftskrise, schnell der Fall sein. Dann hat sich dies auch selbst erledigt. Die Bauern, welche auf dem Land leben und gut gewirtschaftet haben, dürften dann etwas zu essen haben. Die Städter nicht, aber diese haben ja dafür ein Sozialsystem. :-)

    Wenn 85% der Chinesen in Städten wohnen, müssen sie auch dort arbeiten. Haben dann die Europäer/Amerikaner jede Form der Arbeit eingestellt? Die Europäer vielleicht, die sterben dankbar aus, die nachsiedelnde Bevölkerung, ist möglicherweise weniger produktiv.

    Chinas große Urbanisierung. [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Anmerkungen zur Moderation können Sie an community@zeit.de senden. Danke. Die Redaktion/ag

  2. erst die schon vorhandenen Geisterstaedte bevor man neue baut.

    http://www.bild.de/BILD/politik/wirtschaft/2010/12/19/china-geister-stae...
    http://www.sein.de/news/2009/november/wachstums-wahnsinn-china-hat-eine-...
    http://www.arte.tv/de/Videos-auf-ARTE-TV/3019102.html

    Es gaebe genug zu tun die widerrechtlichen Land-Enteignungen der Bauern zu stoppen und den Menschen dort wo sie herkommen eine Zukunft zu ermoeglichen anstatt alle in eine neue Stadt umzusiedeln.

    http://www.china-observer.de/?x=entry:entry110124-174950;comments:1
    http://german.china.org.cn/china/archive/lianghui2011/2011-03/02/content...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das sehe ich sehr ähnlich. Die Entwicklungen am chinesischen Immobilienmarkt sollte man äußerst kritisch betrachten. Es verwundert darum auch nicht besonders, wenn chinesische Immobilienentwickler mittlerweile öffentlich mit Schuhen beworfen werden.

    Einige dieser Städte, von denen manche ja auch mitten in der Wüste stehen, sind mittlerweile jedoch seit Jahren unbewohnt. Über die Baustandards in China möchte ich mich an dieser Stelle nicht auslassen, aber es ist zu diesem Zeitpunkt glaubhaft, dass diese Objekte Schaden genommen haben.

    In den USA hat es ähnliche Immobilienprojekte gegeben. Auch dort wurden Häuser teilweise nahe an der Wüste errichtet, oft zu wahnsinnigen Preisen während des Immobilienbooms verkauft und verfallen nun, nachdem die Eigentümer die Kredite nicht begleichen konnten, zusehends.

    China hat in der Vergangenheit durchaus auch positive Erfahrungen mit diesen künstlichen Städten gemacht. Jedoch ist ein einmaliges Funktionieren noch kein Nachweis für die nachhaltige Tauglichkeit solcher Unternehmungen. Indessen werden diese Projekte meist so begründet. Die wahre Schuldenlast liegt in China weitaus höher, die offiziellen Angaben des CPI entsprechen keineswegs der Wahrheit (nachdem man z.b. Nahrungsmittel ganz herausgenommen hat), was seriöse deutsche Zeitungen jedoch nicht daran hindert, die Zahl unbenommen abzudrucken.

    China ist in vielfacher Hinsicht ein gut konstruierter Mythos. Es fragt sich nur, wie lange das noch gutgehen wird.

    Sehr richtig, Danke für die Links.

    Der Artikel weist nicht darauf hin, dass China vor einer Immobilienblase großen Ausmaßes steht, der uns nachhaltig schaden könnte. Die chinesische Regierung tut also gut daran den Immobilienboom künstlich am Leben zu erhalten. In anderen Zeitungen gab es zu diesem Boom viele Beiträge.

    "Es gaebe genug zu tun die widerrechtlichen Land-Enteignungen der Bauern zu stoppen"

    wider welches recht denn? lässt sich das westliche rechtsverständnis ohne weiteres einem land aufdrücken, das 30% mehr bewohner hat als die usa und europa zusammen?

  3. 3. [...]

    Anmerkungen zur Moderation können Sie an community@zeit.de senden. Danke. Die Redaktion/ag

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

    Anmerkungen zur Moderation können Sie an community@zeit.de senden. Danke. Die Redaktion/ag

  4. Das sehe ich sehr ähnlich. Die Entwicklungen am chinesischen Immobilienmarkt sollte man äußerst kritisch betrachten. Es verwundert darum auch nicht besonders, wenn chinesische Immobilienentwickler mittlerweile öffentlich mit Schuhen beworfen werden.

    Einige dieser Städte, von denen manche ja auch mitten in der Wüste stehen, sind mittlerweile jedoch seit Jahren unbewohnt. Über die Baustandards in China möchte ich mich an dieser Stelle nicht auslassen, aber es ist zu diesem Zeitpunkt glaubhaft, dass diese Objekte Schaden genommen haben.

    In den USA hat es ähnliche Immobilienprojekte gegeben. Auch dort wurden Häuser teilweise nahe an der Wüste errichtet, oft zu wahnsinnigen Preisen während des Immobilienbooms verkauft und verfallen nun, nachdem die Eigentümer die Kredite nicht begleichen konnten, zusehends.

    China hat in der Vergangenheit durchaus auch positive Erfahrungen mit diesen künstlichen Städten gemacht. Jedoch ist ein einmaliges Funktionieren noch kein Nachweis für die nachhaltige Tauglichkeit solcher Unternehmungen. Indessen werden diese Projekte meist so begründet. Die wahre Schuldenlast liegt in China weitaus höher, die offiziellen Angaben des CPI entsprechen keineswegs der Wahrheit (nachdem man z.b. Nahrungsmittel ganz herausgenommen hat), was seriöse deutsche Zeitungen jedoch nicht daran hindert, die Zahl unbenommen abzudrucken.

    China ist in vielfacher Hinsicht ein gut konstruierter Mythos. Es fragt sich nur, wie lange das noch gutgehen wird.

    Antwort auf "Vielleicht fuellt man"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "China ist ein gut konstruierter Mythos". Der Satz imponiert mir sehr, und ich kann Ihnen da nur zustimmen.

    Die Chinesen haben vor zehn Jahren westliche Profitgier und Investitionswahn geschickt für sich ausgenutzt und vermarktet. Wenn wir eine Generation weiter warten, ist China eine monopolistische Weltfabrik, und Europa wird ein einziger "outgesourcter" (welch grässliches Wort) Dienstleistungssektor sein, dessen Bevölkerung nichts Materielles mehr selbstständig produzieren kann. In solche Abhängigkeiten sollte man sich erst gar nicht begeben. Von daher mein Rat, möglichst viel Können und Wissen im eigenen Umfeld zu bewahren, auszuüben und weiterzugeben, einfach um sich vom globalen System nicht zu abhängig zu machen.

    Das mit der Urbanisierung halte ich eher für einen nationalen PR-Gag. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, warum China seine Vormachtstellung auf der marktwirtschaftlichen Weltbühne so ohne Weiteres aufgeben sollte.

  5. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

    Antwort auf "[...]"
  6. Je höher die Bevölkerungsdichte, desto höher der Profit!

    Diese Logik läßt sich in China wohl besonders gut verwirklichen.

    MFG

  7. Die Kleinbauern unseres Planeten stellen eine Vernichtung von Werten dar.

    Daher müssen sie in die Städte getrieben werden, damit die Kulturböden von allen störenden Einflüssen befreit werden, damit sie in ein Spekulationsgut an den Börsen umtransformiert werden können, die von großen Agrardienstleistern bewirtschaftet werden, die in möglichst kurzer Zeit den maximalen Profit aus den Böden holen, der aufgrund der extensiven Nutzung einer noch schnelleren Erosion unterliegen wird.

    Was soll ich sagen? Scheinbar hat auch die Weltbank dies verstanden!

    MFG

  8. Sehr richtig, Danke für die Links.

    Der Artikel weist nicht darauf hin, dass China vor einer Immobilienblase großen Ausmaßes steht, der uns nachhaltig schaden könnte. Die chinesische Regierung tut also gut daran den Immobilienboom künstlich am Leben zu erhalten. In anderen Zeitungen gab es zu diesem Boom viele Beiträge.

    Antwort auf "Vielleicht fuellt man"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Lieber Claviger,

    auch ZEIT ONLINE hat regelmäßig und ausführlich über die Immobilienblase in China berichtet:

    http://www.zeit.de/wirtschaft/2010-12/china-immobilienmarkt

    http://www.zeit.de/2010/45/China-Hinterland-Industrie

    Schöne Grüße

    Marcus Gatzke

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte China | Morgan Stanley | Stadt | Wanderarbeiter | Weltbank | Yuan
Service