Drogenkriminalität"Mexiko ist eine Mafiakratie"

Der Drogenkrieg von Präsident Calderón ist bloß Show, sagt Korruptionsexperte Edgardo Buscaglia im Interview. Der mexikanische Staat ist längst in der Hand der Kartelle. von 

ZEIT ONLINE: Sie sind Experte für Korruption und organisiertes Verbrechen, leben in Mexiko-Stadt und erforschen die Drogengewalt im Land seit Jahren. Wie geht es Mexiko im Moment?

Edgardo Buscaglia: Die Gewalt wird schlimmer. Die Regierung sagt, es komme daher, dass die Mitglieder der kriminellen Gruppen sich gegenseitig umbringen. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Die Kartelle liefern sich einen Wettbewerb der Korruption, und das löst die Gewalt erst aus. Die Organisationen wollen Behörden unter ihre Kontrolle bringen: Polizeiwachen, Staatsanwaltschaften, Stadträte, Landesregierungen. Wenn zum Beispiel das Kartell der Zetas an einen Ort kommt, der von der konkurrierenden Gruppe aus Sinaloa beherrscht wird, ermorden sie dort die Polizisten, die für das Sinaloa-Kartell arbeiten. Es geht aber nicht nur um kleine Polizisten. Die Korruption reicht bis in höchste politische Ämter. In Mexiko ist es sehr leicht, höchste Behörden zu korrumpieren.

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Edgardo Buscaglia
Edgardo Buscaglia

Der Volkswirt und Jurist Edgardo Buscaglia ist Direktor des International Law and Economics Development Center der Universität Virginia und lehrt am Instituto Tecnológico Autónomo de México (ITAM). Er berät internationale Organisationen und Regierungen im Kampf gegen Korruption und organisierte Kriminalität.

ZEIT ONLINE: Auch den Präsidenten?

Buscaglia:  Präsident Felipe Calderóns Partei ist infiltriert von kriminellen Organisationen. Aber die Oppositionsparteien sind es ebenso. Es gibt sieben mexikanische Kartelle, daneben operieren einige ausländische Gruppen in Mexiko: Gruppen aus China und Russland, oder aus der Ukraine. Sie alle haben den mexikanischen Staat mehr und mehr durchdrungen. Zugleich ist der Staat fragmentiert. Ein Stück gehört einer bestimmten Gruppe, ein anderes ist im Besitz einer anderen. Es ist wie ein Puzzle, und jedes Teil gehört unterschiedlichen Gruppen. Geheimdienstquellen schätzen, dass zwischen 55 und 75 Prozent der Wahlkämpfe in Mexiko durch kriminelle Organisationen beeinflusst werden – und die Kampagnen gehören zu den teuersten weltweit. Mehr als 70 Prozent der Stadtverwaltungen wurden von den Banden ganz oder teilweise gekapert.

ZEIT ONLINE:  Ein Staat, der dem organisierten Verbrechen gehört, kann die Gewalt nicht wirksam bekämpfen.

Buscaglia:  Nein. Er ist paralysiert.

ZEIT ONLINE: Wie passt das zum "Drogenkrieg", den der Präsident den Kartellen seit Jahren erklärt hat? Zehntausende Soldaten und viele Polizisten sind im Einsatz.

Buscaglia: Auf den ersten Blick scheint das sehr mutig. In Wahrheit schadet es dem Land mehr, als es hilft. Wenn man Soldaten schickt, verteidigen sich die Kartelle, und sie haben die ökonomischen Ressourcen, das zu tun. Die Gewalt nimmt zu. Dennoch hilft es Calderóns Image. Er versucht wenigstens, etwas zu tun, sagen die Menschen. Ein wenig ist es auch eine mediale Offensive, eine Show. Der Präsident fährt nach Washington, hält Reden, gibt den Amerikanern die Schuld, weil sie Waffen verkaufen und Drogen konsumieren. Aber es geht längst um mehr als um Drogen. Selbst wenn die Amerikaner kein Gramm Kokain oder Marihuana mehr zu sich nähmen, hätten die Kartelle den Staat weiterhin in ihrer Macht. Andererseits: Soldaten zu schicken ist das einzige, was der Präsident tun kann.

ZEIT ONLINE:  Warum sollte er keine Alternative haben?

Buscaglia:  Er hat nur einen relativ kleinen Teil der Wähler hinter sich. Calderón hatte nie die Mehrheit im Parlament, er kann keine politische Allianz schmieden, durch die alle Parteien zur gleichen Zeit die Korruption in ihren eigenen Reihen bekämpfen. Das aber wäre nötig.

ZEIT ONLINE: Worauf basiert die Macht der Kartelle, wenn nicht auf dem Drogengeschäft?

Buscaglia: Wir zählen mehr als 20 Arten von Delikten, denen sich Mexikos kriminelle Gruppen widmen. Mit einigen verdienen sie sehr viel Geld: Sie bringen Migranten auf illegalen Wegen über die Grenze, schmuggeln Waren, handeln mit Raubkopien. Auf manchen Märkten Mexikos kann man heute Tonträger unter der Marke "Zetas" kaufen. Allein diese drei Dinge bringen mehr ein als der Drogenhandel. Deshalb ist es völlig falsch, von "Drogengewalt" zu sprechen. Es geht um viel mehr. Entführungen, Erpressungen, die Fälschung von Dokumenten oder Kreditkarten – all das gehört zum Geschäft der Kartelle. 

ZEIT ONLINE: Wohin fließt das ganze Geld?

Buscaglia: Es gibt den kriminellen Gruppen die Möglichkeit, sich gegen die Soldaten des Staates zu verteidigen. Das Geld steckt aber auch in legalen Firmen, in Mexiko und in 35 weiteren Ländern auf der ganzen Welt. Vor allem das Sinaloa-Kartell investiert im Ausland. Sie suchen sich Länder aus, die ihnen eine sichere Rückzugsmöglichkeit bieten. Bulgarien und Rumänien sind darunter. 

Leserkommentare
  1. Mit dieser Frage habe ich meinen Kommentar damals vor knapp einer Woche betitelt.

    • Keba
    • 17. März 2011 18:41 Uhr

    "Aber es geht längst um mehr als um Drogen. Selbst wenn die Amerikaner kein Gramm Kokain oder Marihuana mehr zu sich nähmen, hätten die Kartelle den Staat weiterhin in ihrer Macht."

    Also muss man auch die Kategorie, den Titel dieses Artikels und Ausdrücke in künftigen Artikeln und Interviews anpassen. Es geht nicht um Drogen, entsprechend auch nicht um Drogenkiminalität oder einen Drogenstaat.

    Als Gegenvorschlag könnte ich „Kartellgewalt“. Das Wort zeigt nämlich das die Kartelle das Problem sind, nicht die Drogen.

    --Keba.

    PS: Ich möchte aber natürlich nicht behaupten, dass Drogen gar keine Rolle spielen. Nur eben nicht die wesentliche, wie oft behauptet wird.

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    • joG
    • 18. März 2011 10:10 Uhr

    ....Geld. Die Kartelle haben viel Geld. Dieses Geld kommt von dem Verkauf der Drogen. Mit viel Geld kann man immer korrumpieren. [...]

    Gekürzt. Bitte diskutieren Sie das Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/wg

  2. Hier ist die Macht in der Hand der Konzerne...

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    ...und mit ein bisschen Glück, können wir auch bald sagen:
    "Es gibt eine enorme Armut im Land. Arbeitslosigkeit, einen Mangel an Bildung, an guter Gesundheitsversorgung. Deshalb kommen die K[onzerne/artelle] sehr billig an Arbeitskräfte."

    Ich habe noch überlegt, ob ich das, was Sie geschrieben haben, auch schreibe. Ich hatte allrdings Bedneken, daß der KOmmentar gelöscht werden würde.

    Nun bin ich doch mutig geworden. Einfach einige Begriffe austauschen und schon erkennt man die Parallelen.
    Mafiakratie = Kapitalokratie
    Mexiko = Abendland
    Drogen = Strom oder Benzin .....

    In einem westenlichen Punkt unterscheiden sich aber die Drogenkartelle von unseren Kartellen: Die Anbieter sind sich einig, und bringen sich nicht gegenseitig um.

  3. Die USA könnte sich um eine stabileres Südgrenze bemühen, bevor sie in Libyen einmarschiert.

    Klar ist, die Grenze zu Mexico ist eine Membran. Drogen und Einwanderer nach Norden, Touristen und Waffen nach Süden.

    Warum dieser Sumpf nicht schon lange von den US trocken gelegt worden ist, ist mir ein Schleier. Die Gangs und die Mafia bedrohen die Staaten mehr, als jeder "Bin Baden" je tun könnte.

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    "Die Gangs und die Mafia bedrohen die Staaten mehr, als jeder "Bin Baden" je tun könnte."

    Was man kaufen kann, ist für die USA kein Problem. Korruption und Mafia hat die noch nie gestört, sie praktizieren sie ja selbst auf höchstem Niveau bis in die höchsten politischen Ämter, ähnlich wie in D, ganz aktuell:
    http://www.spiegel.de/wir...

    Wer stört wird aufgekauft (neudeutsch Lobbyismus) oder ruiniert, notfalls auch mal ermordet. Auch CIA usw. sind defakto nichts weiter als staatlich legalisierte und finanzierte Verbrecherorganisationen, mit einer Macht, vor der sogar der Präsident kuscht. Unkontrollierbar und ohne Skrupel. Oder der Finanzmarkt, der sich offenbar verselbstständigt hat. DORT wohnt die größte Gefahr für die Staaten.

    Ein Problem haben die amerikanischen Kartelle nur mit schwer korrumpierbaren Sozialbewegungen jeder Art, da reagieren sie extrem allergisch und übertrieben moralisch. Plötzlich interessiert sie, wie es den Menschen in Kuba oder Venezuela geht. Als sie noch tapfer in ihren Slums hungerten juckte das niemanden, so sieht amerikanische Freiheit halt aus, das ist man gewöhnt.

    • sven2
    • 18. März 2011 8:14 Uhr

    Entfernt. Verzichten Sie auf unsachliche Spekulationen und Behauptungen. Danke. Die Redaktion/sh

  4. Wann marschieren unsere Soldaten dort ein, um Ordnung zu schaffen?
    So, wie am Hindukusch.

  5. 6. Ja...

    ...und mit ein bisschen Glück, können wir auch bald sagen:
    "Es gibt eine enorme Armut im Land. Arbeitslosigkeit, einen Mangel an Bildung, an guter Gesundheitsversorgung. Deshalb kommen die K[onzerne/artelle] sehr billig an Arbeitskräfte."

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  6. 7. *lol*

    "Die Gangs und die Mafia bedrohen die Staaten mehr, als jeder "Bin Baden" je tun könnte."

    Was man kaufen kann, ist für die USA kein Problem. Korruption und Mafia hat die noch nie gestört, sie praktizieren sie ja selbst auf höchstem Niveau bis in die höchsten politischen Ämter, ähnlich wie in D, ganz aktuell:
    http://www.spiegel.de/wir...

    Wer stört wird aufgekauft (neudeutsch Lobbyismus) oder ruiniert, notfalls auch mal ermordet. Auch CIA usw. sind defakto nichts weiter als staatlich legalisierte und finanzierte Verbrecherorganisationen, mit einer Macht, vor der sogar der Präsident kuscht. Unkontrollierbar und ohne Skrupel. Oder der Finanzmarkt, der sich offenbar verselbstständigt hat. DORT wohnt die größte Gefahr für die Staaten.

    Ein Problem haben die amerikanischen Kartelle nur mit schwer korrumpierbaren Sozialbewegungen jeder Art, da reagieren sie extrem allergisch und übertrieben moralisch. Plötzlich interessiert sie, wie es den Menschen in Kuba oder Venezuela geht. Als sie noch tapfer in ihren Slums hungerten juckte das niemanden, so sieht amerikanische Freiheit halt aus, das ist man gewöhnt.

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    Antwort auf "Fraglich.."
  7. Wir haben hier schon lange eine Pathokratie von gewissenlosen und mitleidslosen Prollitikern. Ich weiss nicht was schlimmer ist, die Pathokratie oder die Mafiakratie.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Carlos Slim | Mexiko | Allianz | Gewalt | Korruption | Droge
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