ZEIT ONLINE: Sie sind Experte für Korruption und organisiertes Verbrechen, leben in Mexiko-Stadt und erforschen die Drogengewalt im Land seit Jahren. Wie geht es Mexiko im Moment?

Edgardo Buscaglia: Die Gewalt wird schlimmer. Die Regierung sagt, es komme daher, dass die Mitglieder der kriminellen Gruppen sich gegenseitig umbringen. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Die Kartelle liefern sich einen Wettbewerb der Korruption, und das löst die Gewalt erst aus. Die Organisationen wollen Behörden unter ihre Kontrolle bringen: Polizeiwachen, Staatsanwaltschaften, Stadträte, Landesregierungen. Wenn zum Beispiel das Kartell der Zetas an einen Ort kommt, der von der konkurrierenden Gruppe aus Sinaloa beherrscht wird, ermorden sie dort die Polizisten, die für das Sinaloa-Kartell arbeiten. Es geht aber nicht nur um kleine Polizisten. Die Korruption reicht bis in höchste politische Ämter. In Mexiko ist es sehr leicht, höchste Behörden zu korrumpieren.

ZEIT ONLINE: Auch den Präsidenten?

Buscaglia:  Präsident Felipe Calderóns Partei ist infiltriert von kriminellen Organisationen. Aber die Oppositionsparteien sind es ebenso. Es gibt sieben mexikanische Kartelle, daneben operieren einige ausländische Gruppen in Mexiko: Gruppen aus China und Russland, oder aus der Ukraine. Sie alle haben den mexikanischen Staat mehr und mehr durchdrungen. Zugleich ist der Staat fragmentiert. Ein Stück gehört einer bestimmten Gruppe, ein anderes ist im Besitz einer anderen. Es ist wie ein Puzzle, und jedes Teil gehört unterschiedlichen Gruppen. Geheimdienstquellen schätzen, dass zwischen 55 und 75 Prozent der Wahlkämpfe in Mexiko durch kriminelle Organisationen beeinflusst werden – und die Kampagnen gehören zu den teuersten weltweit. Mehr als 70 Prozent der Stadtverwaltungen wurden von den Banden ganz oder teilweise gekapert.

ZEIT ONLINE:  Ein Staat, der dem organisierten Verbrechen gehört, kann die Gewalt nicht wirksam bekämpfen.

Buscaglia:  Nein. Er ist paralysiert.

ZEIT ONLINE: Wie passt das zum "Drogenkrieg", den der Präsident den Kartellen seit Jahren erklärt hat? Zehntausende Soldaten und viele Polizisten sind im Einsatz.

Buscaglia: Auf den ersten Blick scheint das sehr mutig. In Wahrheit schadet es dem Land mehr, als es hilft. Wenn man Soldaten schickt, verteidigen sich die Kartelle, und sie haben die ökonomischen Ressourcen, das zu tun. Die Gewalt nimmt zu. Dennoch hilft es Calderóns Image. Er versucht wenigstens, etwas zu tun, sagen die Menschen. Ein wenig ist es auch eine mediale Offensive, eine Show. Der Präsident fährt nach Washington, hält Reden, gibt den Amerikanern die Schuld, weil sie Waffen verkaufen und Drogen konsumieren. Aber es geht längst um mehr als um Drogen. Selbst wenn die Amerikaner kein Gramm Kokain oder Marihuana mehr zu sich nähmen, hätten die Kartelle den Staat weiterhin in ihrer Macht. Andererseits: Soldaten zu schicken ist das einzige, was der Präsident tun kann.

ZEIT ONLINE:  Warum sollte er keine Alternative haben?

Buscaglia:  Er hat nur einen relativ kleinen Teil der Wähler hinter sich. Calderón hatte nie die Mehrheit im Parlament, er kann keine politische Allianz schmieden, durch die alle Parteien zur gleichen Zeit die Korruption in ihren eigenen Reihen bekämpfen. Das aber wäre nötig.

ZEIT ONLINE: Worauf basiert die Macht der Kartelle, wenn nicht auf dem Drogengeschäft?

Buscaglia: Wir zählen mehr als 20 Arten von Delikten, denen sich Mexikos kriminelle Gruppen widmen. Mit einigen verdienen sie sehr viel Geld: Sie bringen Migranten auf illegalen Wegen über die Grenze, schmuggeln Waren, handeln mit Raubkopien. Auf manchen Märkten Mexikos kann man heute Tonträger unter der Marke "Zetas" kaufen. Allein diese drei Dinge bringen mehr ein als der Drogenhandel. Deshalb ist es völlig falsch, von "Drogengewalt" zu sprechen. Es geht um viel mehr. Entführungen, Erpressungen, die Fälschung von Dokumenten oder Kreditkarten – all das gehört zum Geschäft der Kartelle. 

ZEIT ONLINE: Wohin fließt das ganze Geld?

Buscaglia: Es gibt den kriminellen Gruppen die Möglichkeit, sich gegen die Soldaten des Staates zu verteidigen. Das Geld steckt aber auch in legalen Firmen, in Mexiko und in 35 weiteren Ländern auf der ganzen Welt. Vor allem das Sinaloa-Kartell investiert im Ausland. Sie suchen sich Länder aus, die ihnen eine sichere Rückzugsmöglichkeit bieten. Bulgarien und Rumänien sind darunter.