Wenn Frauen im ländlichen Raum die gleichen Möglichkeiten hätten wie Männer, könnten sie ihre Ernteerträge um 20 bis 30 Prozent erhöhen. In den Entwicklungsländern würde die landwirtschaftliche Produktion dadurch so stark steigen, dass die Zahl der Hungernden weltweit um 12 bis 17 Prozent sinken könnte. Die bislang herrschende Diskriminierung von Bäuerinnen und Arbeiterinnen auf dem Land ist mithin nicht nur ungerecht – sie schadet der Allgemeinheit in großem Maße, weil sie Hunger schafft oder verstärkt. Das ist die Quintessenz des aktuellen Reports The State of Food and Agriculture der Welternährungsorganisation FAO.

Der Bericht ist die wichtigste Publikation der FAO. In der aktuellen Ausgabe legt die Organisation den Schwerpunkt auf die Lage der Frauen. Es gebe starke Gründe, sich gegen ihre Benachteiligung einzusetzen, sagte FAO-Generaldirektor Jacques Diouf. "Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ist nicht nur ein hohes Ideal. Sie ist ein Schlüsselfaktor, um landwirtschaftliche Entwicklung und Ernährungssicherheit zu erreichen." Würde der Zugang der Frauen zu Land, Vieh, Bildung, Finanzdienstleistungen, Technik und bezahlter Arbeit verbessert, könnten 100 bis 150 Millionen Menschen dem Hunger entkommen, schätzt Diouf.

Welche Rolle Frauen in der Landwirtschaft spielen und welchen Status sie innehaben, variiert dabei stark, je nach Region, Alter, ethnischer oder sozialer Zugehörigkeit und kulturellen Normen. In Afrika südlich der Sahara beispielsweise ist ihr Anteil an der landwirtschaftlichen Arbeitskraft besonders hoch, was die FAO auf Traditionen zurückführt: "Kulturelle Normen in der Region haben Frauen lange ermutigt, ökonomisch unabhängig zu sein." In Lateinamerika hingegen ist die Quote der weiblichen Arbeitskräfte in der Landwirtschaft sehr gering. Dort seien Frauen vergleichsweise gut ausgebildet, und die Tradition fördere die Migration von Frauen vom Land in die Stadt.

Einige Befunde lassen sich dennoch ganz allgemein festhalten: Frauen werden gegenüber Männern benachteiligt. Sie wenden einen großen Teil ihrer Zeit für unbezahlte Arbeiten im Haushalt auf. Sie holen Wasser und Brennholz, bereiten die Mahlzeiten zu und kümmern sich um die Kinder. Wenn sie eine Stelle annehmen, erhalten sie zumeist einen niedrigeren Lohn. Sie sind viel seltener im Besitz von Ackerland als Männer – und wenn sie über eigenen Boden verfügen, bewirtschaften sie kleinere Flächen mit einer geringeren Anzahl von Arbeitskräften. Sie nutzen weniger Kunstdünger, verbessertes Saatgut und Werkzeug, sagt FAO-Experte Terri Raney. Es fehlt ihnen an Kapital und an Technik. Deshalb sind ihre Erträge geringer.

Vom Fortschritt profitieren sie häufig nur begrenzt. Zum Beispiel in der Viehwirtschaft . Dort spielen Frauen traditionell eine große Rolle: Schätzungen zufolge sind zwei Drittel der armen Viehbauern weiblich. Darin könnte eine Chance liegen, denn mit dem Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern steigt die Nachfrage nach Fleisch, Milch und Eiern – und zwar stärker als der Bedarf an Getreide oder anderen landwirtschaftlichen Produkten. Jedoch: "Wenn die Unternehmen größer werden, übernehmen häufig Männer die Kontrolle über Entscheidungen und Einkommen, manchmal sogar über das ganze Geschäft", schreibt die FAO. Zwar sei es nicht immer so, "aber es ist üblich und kann durch den mangelnden Zugang der Frauen zu Land und Krediten erklärt werden".

Die Politik müsse handeln, um die Diskriminierung zu beheben – zunächst, indem sie die gesetzlichen Voraussetzungen schaffe, sagt Terri Raney. In vielen Ländern hätten Frauen nicht das gleiche Recht wie Männer, Land zu kaufen, zu verkaufen oder zu erben. Sie könnten kein Bankkonto eröffnen und kein Geld leihen, keinen Vertrag unterzeichnen und ihre Erzeugnisse nicht auf eigene Rechnung verkaufen. Wo es Gesetze gebe, würden sie häufig nicht durchgesetzt.

Zudem müssten Mädchen und Frauen besser ausgebildet werden. Investitionen in grundlegende Infrastruktur könnten sie von manch harter Plackerei befreien und es ihnen ermöglichen, ihre Zeit produktiver einzusetzen. Wasserpumpen beispielsweise würden ihnen lange Fußwege und die Schlepperei schwerer Behälter ersparen. Einfache Getreidemühlen könnten ihnen die Zubereitung von Nahrung erleichtern und ihnen Zeit verschaffen für die Arbeit auf dem Feld.