In Berlin ist es beinahe Konsens, dass Angela Merkel in der Euro-Politik Statur gewonnen habe. Nach dieser Auffassung war sie im ersten Halbjahr 2010 europäisch nicht auf der Höhe, verzögerte die Rettung des finanziell maroden Partners Griechenland und schuf durch wiederholte Widerborstigkeit insgesamt eine erhebliche Unruhe. Danach aber wurde sie konstruktiv, suchte den Kompromiss über das künftige Euro-Regime und stellte sich gemeinsam mit den Franzosen an die Spitze der europäischen Bewegung .

Diese Auffassung ist falsch.

Im ersten Halbjahr hatte Deutschland eine erkennbare und nachvollziehbare Linie, danach nicht mehr. Es war eine Grenzziehung: Jedes Land sollte eigene Verantwortung tragen, Gläubiger allzu ausgabefreudiger Staaten sollten ihren Teil zur Aufräumaktion beitragen, und Sanktionen gegen Schuldensünder würden künftig automatisch greifen. Auf diese Weise verschärfte Berlin fast im Alleingang die Bedingungen für die Griechen und schuf ein Bewusstsein für die Gefahren allzu leichtsinniger Rettungsaktionen und laxer europäischer Pakte.

Europa mochte die Deutschen zu der Zeit überhaupt nicht. Sie kamen schnell aus der Krise und ließen alle ihre neue Stärke spüren, so kam das an. Heute ist die Wut auf dem Kontinent fast verraucht. Im Dialog mit Frankreich gab Angela Merkel schon im Herbst den deutschen Anspruch auf automatisch greifende Regeln auf.

Das war ein Fehler.

Der Automatismus ist der einzige Weg, um den Euro der mitunter von Wahlkämpfen und nationalstaatlichen Egoismen geprägten Tagespolitik zu entziehen. Wer wüsste das besser als die Deutschen, die zur Mitte des vergangenen Jahrzehnts den Europakt selbst außer Kraft setzten. Sie waren damals "der kranke Mann Europas", die Brüsseler Regeln sollten gegen die Bundesrepublik greifen, was sie gemeinsam mit den Franzosen in letzter Minute verhinderten.

Fairerweise muss man sagen, dass Angela Merkel damals noch in der Opposition war. Doch der Schaden für Europa war enorm. Sie führenden Länder hebelten den Pakt in dem Moment aus, in dem er sich gegen sie wendete, und zeigten damit ein- für allemal, dass die politische Versuchung einem stabilen Euro im Weg steht. Warum sollten die Franzosen und warum sollten auch die Deutschen beim nächsten Mal anders handeln?

Axel Webers Abgang hat die Kanzlerin auch nicht zu verantworten, er beschädigt ihre Politik gleichwohl. Der deutsche Kandidat für den Chefposten der Europäischen Zentralbank hat sich zurückgezogen – und damit seiner Sache erheblichen Schaden beigebracht.

Es stimmt, die Zentralbank sündigte gegen alle Regeln und kaufte gegen Webers erklärten Willen Staatsanleihen auf, um Euro-Länder zu stützen. Aber deswegen geht man nicht einfach. Europa braucht harte Ordnungspolitiker, die es aushalten, wenn einmal etwas in die falsche Richtung läuft. Nun fehlt Angela Merkel ein Kandidat, der diese harte Ordnungspolitik an der Spitze der Zentralbank durchsetzt und auf diese Weise Vertrauen in den Euro schafft.

Genau das braucht die Währung. Denn Europa kann nicht einfach immer weiter alle Mitglieder retten. Die ausstehenden Schulden auf Kosten der Gläubiger müssen reduziert werden. Die Banken dürfen nicht länger so einvernehmlich geschützt werden, wie es die Franzosen und Deutschen bisher getan haben. Ein neuer Accord für die gemeinsame Währung braucht den Automatismus der Sanktionen, auch wenn das bedeutet, dass Berlin einen einmal eingegangenen Deal wieder aufbricht. Und er sollte verhindern, dass Europa mehr gemeinsame Schulden aufnimmt, auf dass die Zinsen für jedes Land wieder gleich sind.

Diesen Fehler haben die Märkte lange gemacht und damit den Mittelmeerländern signalisiert, es ginge ihnen prima. Europa sollte ihn nicht wiederholen. Wer schlecht wirtschaftet, muss mehr bezahlen. Einen besseren Anreiz für Stabilität gibt es nicht.

Deutschland wäre in all dem glaubwürdiger, wenn das Land die Banken so leicht davon kommen ließe. So hart es bei den Regeln für Schuldnerstaaten ist, so flexibel agiert es in Bezug auf die Geldhäuser. Kein Wunder, könnte man sagen, die hiesige Bankenkrise ist noch nicht aufgearbeitet, das hiesige Landesbanken-Desaster zum Beispiel noch nicht einmal halbwegs aufgeräumt. Doch wer als Falke Europas agieren will – und agieren sollte! –  der darf nicht an einer Stelle selbst die Flügel einziehen. Die Banken brauchen starke Regeln fürs Eigenkapital, ebenso strenge Stresstests, und wenn der deutsche Staat deshalb noch einmal bei einem Institut einspringen muss, dann sei es so. 

Einmal Falke, einmal Taube, das geht nicht gut. Europa braucht ein glaubwürdiges Deutschland, eines, das so agiert wie Angela Merkel im ersten Halbjahr 2010.