Ein Arbeiter auf einer Baustelle in Berlin © Sean Gallup/Getty Images

Der Überbringer der Botschaft war die Nachricht, viel mehr noch als ihr Inhalt, als am 3. Januar 2011 die Tagesschau meldete: "Deutschland ist ungerechter als viele andere Länder." Die Journalisten bezogen sich auf eine Studie der wirtschaftsnahen Bertelsmann-Stiftung . Die war zu Zeiten der Regierung Schröder an der Hartz-IV-Reform beteiligt gewesen. Jetzt beklagten ihre Fachleute die zunehmende Ungleichverteilung der Einkommen: "Mit Blick auf den Zusammenhalt einer Gesellschaft ist eine solche Polarisierungstendenz bedenklich", schrieben sie.

Die soziale Kluft im Land wächst. Ökonomen beschäftigt das seit einer ganzen Weile. Die OECD zeigte sich schon vor drei Jahren besorgt: In Deutschland seien die Einkommen in der jüngsten Vergangenheit stärker auseinandergedriftet als in anderen Mitgliedsländern, berichtete sie. Die Armut habe ähnlich stark zugenommen.

Hinter der wachsenden Kluft verbergen sich vielfältige Ungleichheiten , sagt Claus Schäfer vom gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI): " Frauen verdienen weniger als Männer , sicher angestellte Vollzeitbeschäftigte sind besser dran als solche mit prekären Jobs, und immer noch gibt es große Unterschiede zwischen Ost und West." Der Arbeitsmarkt ist unsicherer geworden, auch das spiegelt sich in der zunehmenden sozialen Polarisierung wider.

Und: Während die Anteile der Unternehmensgewinne am Volkseinkommen steigen, bekommen Arbeiter und Angestellte immer weniger ab. Der Verlauf von Bruttolohn- und Bruttogewinnquote (Grafik 2) zeigt, dass der Anteil der Löhne am Wohlstand seit den 1990er Jahren stetig sinkt, während der Anteil der Gewinne spiegelbildlich steigt. Zwar brachte die Finanzkrise ein kurzes Zwischenhoch: Weil die Gewinne der Unternehmen einbrachen, sprang die Lohnquote in die Höhe. Doch das wird voraussichtlich nicht von Dauer sein.

Der Staat tut zu wenig, um der Umverteilung von Arm zu Reich entgegenzuwirken, kritisieren die Forscher. Denn auch die Netto-Arbeitseinkünfte der privaten Haushalte sinken seit Jahrzehnten. In den Jahren 1960,1970 und 1980 lag die Nettolohnquote, definiert als Anteil der Nettolöhne am Volkseinkommen, WSI-Daten zufolge um die 44 Prozent. Bis 1990 war sie auf 38,5 Prozent gefallen, und seit Mitte der 1990er Jahre sinkt sie weiter (Grafik 3) . Zugleich stiegen die Netto-Gewinne.

"Der Staat schröpft die Arbeitseinkommen und begünstigt steuerlich die Gewinne", sagt WSI-Ökonom Schäfer. Seit 1960 hat die Politik die Steuern auf Gewinn- und Vermögenseinkommen mehrmals gesenkt, während die Belastung der Bürger durch Lohnsteuern und Sozialabgaben stieg.

Zwar gibt der Staat auch viel Geld aus, um den Armen zu helfen. Doch gerade die profitieren zu wenig. In Deutschland sei die Stütze "weniger auf Personen mit geringeren Einkommen zielgerichtet als in anderen Ländern", bemängelt die OECD. So verstärkt die Politik die Kluft noch zusätzlich. Das trifft nicht nur die, die ohnehin schon wenig haben, sagt DIW-Forscher Karl Brenke. Es könnte der gesamten Wirtschaft schaden.