Praktisch alle Insekten, Pilze, Vögel und Nagetiere dieser Erde möchten von den reichen Ernten dieser Erde etwas abbekommen. Die Menschen haben das immer zu verhindern versucht, seit sie vor 10.000 Jahren damit begonnen haben, Nahrung über längere Zeit zu lagern. Heutzutage verfügen reiche Nationen über eine enorme Vielfalt an Speichertechnologien und Fachkenntnissen, um den ungewollten Verlust von Feldfrüchten nach der Ernte auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Die Agrarwirtschaft nutzt ein ganzes Arsenal an Präventivmaßnahmen, um zu verhindern, dass Nahrungsmittel verderben. Sie lagert sie in klimatisierten Speichern und Kühlhäusern, pasteurisiert, konserviert und trocknet mit Hilfe von speziellen Anlagen, nutzt chemische Substanzen, die das Keimen verhindern, besonders haltbare Pflanzenzüchtungen und eine gut ausgebaute Transportinfrastruktur.

Paradoxerweise hat das alles auch zu einer Kultur beigetragen, in der die Verschwendung von Nahrungsmitteln im großen Stil akzeptiert oder gar institutionalisiert ist. Vergeudung ist inzwischen eine bedauernswerte – und unnötige – Begleiterscheinung der immer üppiger werdenden Lebensmittelversorgung in den reichen Staaten. Dabei darf man allerdings nicht die Tatsache aus den Augen verlieren, dass die modernen Versorgungssysteme viel dazu beigetragen haben, ungewollte Nachernteverluste zwischen Bauernhof und Vermarktung zu vermeiden. In reichen Ländern verliert man bei der Ernte von Grundnahrungsmitteln wie Weizen bei optimalen Wetterbedingungen nur 0,07 Prozent.

In ärmeren Ländern dagegen wird die Ernte nach wie vor vollkommen unzureichend gelagert. Deshalb wird gerade in den Ländern, in denen Nahrung am dringendsten benötigt wird, kolossal viel vergeudet. Die Entwicklungsländer haben immer noch mit zahlreichen logistischen Problemen bei der Lagerung zu kämpfen, die wohlhabende Staaten bereits seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten gelöst haben. Bauern und Händler verlieren einen beträchtlichen Anteil ihres Ertrags durch die Heimsuchungen der Natur. Dieses Problem zu lösen, sollte oberste Priorität haben.

Dass man sich kaum Gedanken über die Verluste nach der Ernte macht, ist eines der Rätsel der Landwirtschaft. Denn die verlorenen Mengen sind hoch: Nach offiziellen Schätzungen hat China beispielsweise im Jahre 1993 rund 15 Prozent seiner Getreideernte verloren. Bis zu 11 Prozent der nationalen Reisernte war nicht mehr verwendbar, weil die Bauern sie in schlechten Häusern gelagert hatten. In Vietnam liegen die Verluste bei der Reisernte in der Regel zwischen 10 und 25 Prozent – ein Wert, der unter extremen Umständen auf 40 bis 80 Prozent hochschnellen kann. Für ganz Asien belaufen sich die Nachernteverluste beim Reis auf durchschnittlich etwa 13 Prozent, für Brasilien und Bangladesch werden sie auf 22 beziehungsweise 20 Prozent beziffert.

Wenn in allen Ländern mit einem niedrigen Lebensstandard 15 Prozent der Getreideernte verloren gehen, belaufen sich die Nachernteverluste pro Jahr auf etwa 150 Millionen Tonnen Getreide. Das ist sechsmal so viel, wie der FAO zufolge erforderlich wäre, um alle Hungernden in den Entwicklungsländern zu ernähren. Fachleute gehen davon aus, dass es möglich sein sollte, die Nachernteverluste bei Getreide und Wurzelknollen in den Entwicklungsländern auf gerade einmal vier Prozent zu reduzieren.

Rasche, kostengünstige Verbesserungen sind am ehesten auf dem Obst- und Gemüse-Sektor zu erzielen. Die Süßkartoffel, zum Beispiel, ist die siebtwichtigste Nahrungspflanze der Welt. Sie ist reich an Betacarotin, hat allerdings einen hohen Wassergehalt und verdirbt daher leichter als getrocknetes Getreide. In den Ländern südlich der Sahara gehen bei der Lagerung bis zu 79 Prozent der Süßkartoffelernte verloren. Dabei könnte man die Quote mit ein wenig mehr Umsicht leicht senken, etwa durch das Entfernen der Stängel an den Kartoffeln vor der Lagerung. In der Praxis erhöhten solch einfache Mittel die Ausbeute um bis zu 48 Prozent.

Oft lässt sich die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln verbessern und der Schwund reduzieren, indem man die Bauern in der Anwendung optimaler Methoden schult. Dafür sind noch nicht einmal Investitionen erforderlich. Viel wäre beispielsweise schon gewonnen, wenn die Bauern wüssten, wann der beste Zeitpunkt zur Ernte gekommen ist. Im Fall der Süßkartoffel lässt dieser sich exakt bestimmen.