Welternährung Zu viel Nahrung verrottet nach der Ernte

Durch falsche Lagerung verderben in den Entwicklungsländern jedes Jahr Millionen Tonnen an Getreide und Wurzeln: Mehr als genug, um die Hungernden der Welt zu ernähren.

Ein Bauer auf einem Reisfeld in China. Offiziellen Schätzungen zufolge verderben in dem Land 15 Prozent der Reisernte.

Ein Bauer auf einem Reisfeld in China. Offiziellen Schätzungen zufolge verderben in dem Land 15 Prozent der Reisernte.

Praktisch alle Insekten, Pilze, Vögel und Nagetiere dieser Erde möchten von den reichen Ernten dieser Erde etwas abbekommen. Die Menschen haben das immer zu verhindern versucht, seit sie vor 10.000 Jahren damit begonnen haben, Nahrung über längere Zeit zu lagern. Heutzutage verfügen reiche Nationen über eine enorme Vielfalt an Speichertechnologien und Fachkenntnissen, um den ungewollten Verlust von Feldfrüchten nach der Ernte auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Die Agrarwirtschaft nutzt ein ganzes Arsenal an Präventivmaßnahmen, um zu verhindern, dass Nahrungsmittel verderben. Sie lagert sie in klimatisierten Speichern und Kühlhäusern, pasteurisiert, konserviert und trocknet mit Hilfe von speziellen Anlagen, nutzt chemische Substanzen, die das Keimen verhindern, besonders haltbare Pflanzenzüchtungen und eine gut ausgebaute Transportinfrastruktur.

Paradoxerweise hat das alles auch zu einer Kultur beigetragen, in der die Verschwendung von Nahrungsmitteln im großen Stil akzeptiert oder gar institutionalisiert ist. Vergeudung ist inzwischen eine bedauernswerte – und unnötige – Begleiterscheinung der immer üppiger werdenden Lebensmittelversorgung in den reichen Staaten. Dabei darf man allerdings nicht die Tatsache aus den Augen verlieren, dass die modernen Versorgungssysteme viel dazu beigetragen haben, ungewollte Nachernteverluste zwischen Bauernhof und Vermarktung zu vermeiden. In reichen Ländern verliert man bei der Ernte von Grundnahrungsmitteln wie Weizen bei optimalen Wetterbedingungen nur 0,07 Prozent.

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Tristram Stuart

ist Historiker und Nahrungsmittelaktivist. Der Text ist die gekürzte Fassung eines Beitrags, der im demnächst erscheinenden Bericht "Zur Lage der Welt 2011" erscheinen wird. Der Titel des Reports: "Hunger im Überfluss". Herausgeber ist das Worldwatch Institut, zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung und Germanwatch.

In ärmeren Ländern dagegen wird die Ernte nach wie vor vollkommen unzureichend gelagert. Deshalb wird gerade in den Ländern, in denen Nahrung am dringendsten benötigt wird, kolossal viel vergeudet. Die Entwicklungsländer haben immer noch mit zahlreichen logistischen Problemen bei der Lagerung zu kämpfen, die wohlhabende Staaten bereits seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten gelöst haben. Bauern und Händler verlieren einen beträchtlichen Anteil ihres Ertrags durch die Heimsuchungen der Natur. Dieses Problem zu lösen, sollte oberste Priorität haben.

Dass man sich kaum Gedanken über die Verluste nach der Ernte macht, ist eines der Rätsel der Landwirtschaft. Denn die verlorenen Mengen sind hoch: Nach offiziellen Schätzungen hat China beispielsweise im Jahre 1993 rund 15 Prozent seiner Getreideernte verloren. Bis zu 11 Prozent der nationalen Reisernte war nicht mehr verwendbar, weil die Bauern sie in schlechten Häusern gelagert hatten. In Vietnam liegen die Verluste bei der Reisernte in der Regel zwischen 10 und 25 Prozent – ein Wert, der unter extremen Umständen auf 40 bis 80 Prozent hochschnellen kann. Für ganz Asien belaufen sich die Nachernteverluste beim Reis auf durchschnittlich etwa 13 Prozent, für Brasilien und Bangladesch werden sie auf 22 beziehungsweise 20 Prozent beziffert.

Wenn in allen Ländern mit einem niedrigen Lebensstandard 15 Prozent der Getreideernte verloren gehen, belaufen sich die Nachernteverluste pro Jahr auf etwa 150 Millionen Tonnen Getreide. Das ist sechsmal so viel, wie der FAO zufolge erforderlich wäre, um alle Hungernden in den Entwicklungsländern zu ernähren. Fachleute gehen davon aus, dass es möglich sein sollte, die Nachernteverluste bei Getreide und Wurzelknollen in den Entwicklungsländern auf gerade einmal vier Prozent zu reduzieren.

Rasche, kostengünstige Verbesserungen sind am ehesten auf dem Obst- und Gemüse-Sektor zu erzielen. Die Süßkartoffel, zum Beispiel, ist die siebtwichtigste Nahrungspflanze der Welt. Sie ist reich an Betacarotin, hat allerdings einen hohen Wassergehalt und verdirbt daher leichter als getrocknetes Getreide. In den Ländern südlich der Sahara gehen bei der Lagerung bis zu 79 Prozent der Süßkartoffelernte verloren. Dabei könnte man die Quote mit ein wenig mehr Umsicht leicht senken, etwa durch das Entfernen der Stängel an den Kartoffeln vor der Lagerung. In der Praxis erhöhten solch einfache Mittel die Ausbeute um bis zu 48 Prozent.

Oft lässt sich die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln verbessern und der Schwund reduzieren, indem man die Bauern in der Anwendung optimaler Methoden schult. Dafür sind noch nicht einmal Investitionen erforderlich. Viel wäre beispielsweise schon gewonnen, wenn die Bauern wüssten, wann der beste Zeitpunkt zur Ernte gekommen ist. Im Fall der Süßkartoffel lässt dieser sich exakt bestimmen.

Leser-Kommentare
    • peto1
    • 08.03.2011 um 16:32 Uhr

    Einen Rapport wird es immer geben, das kann aus gründen der Politik und Wirtschaft sein.

  1. der Bundesregierung zur Rechtfertigung der Verbrennung von Agrarprodukten in deutschen Automotoren oder wo bin ich hier gelandet ?

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  2. über 50% der Getreideernte an Tiere verfüttert werden. So werden für 1 kg Fleisch im Schnitt ca 6 kg Pflanzen benötigt.
    Weniger Fleischkonsum könnte also sehr viel mehr Menschen ernähren.

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    Aber den Fleischkonsum wird kein Bürger freiwillig eingrenzen.Zumal der Verzehr von Fleisch "sättigender" ist als der von zB Nudeln.
    Wahrscheinlich muss auch hier eine staatlich erzwungene Rationierung her,denn Menschen handeln in erster Linie egoistisch und nie für die "Gemeinschaft",zu der man keinen Bezug hat.Das wird aber erst geschehen,wenn das Wasser uns bis zum Hals steht.
    Die E10-Sache machen die Leute deswegen auch nicht mit, nicht weil sie Konkurrenz zu den Nahrungsmitteln fürchten (immerhin bei einer Minderheit ist das der Fall) sondern aus Angst,ob diese mit den Motor des eigenen Wagens verträglich ist.

    und deren Haltung sind nicht das Problem. Diese These ist so falsch, wie sie oft wiederholt wird. Das Problem ist, das WIR 27% unserer erzeugten Nahrung WEGWERFEN! DAS IST DER SKANDAL!

    Aber den Fleischkonsum wird kein Bürger freiwillig eingrenzen.Zumal der Verzehr von Fleisch "sättigender" ist als der von zB Nudeln.
    Wahrscheinlich muss auch hier eine staatlich erzwungene Rationierung her,denn Menschen handeln in erster Linie egoistisch und nie für die "Gemeinschaft",zu der man keinen Bezug hat.Das wird aber erst geschehen,wenn das Wasser uns bis zum Hals steht.
    Die E10-Sache machen die Leute deswegen auch nicht mit, nicht weil sie Konkurrenz zu den Nahrungsmitteln fürchten (immerhin bei einer Minderheit ist das der Fall) sondern aus Angst,ob diese mit den Motor des eigenen Wagens verträglich ist.

    und deren Haltung sind nicht das Problem. Diese These ist so falsch, wie sie oft wiederholt wird. Das Problem ist, das WIR 27% unserer erzeugten Nahrung WEGWERFEN! DAS IST DER SKANDAL!

  3. dafür, dass auf der Welt niemand hungern müsste, wäre die Agrarproduktion in den Drittweltländern so effizient, wie sie sein könnte: soziale Stabilität, hinreichend ausgebildete Landwirte (passend zum Weltfrauentag: Frauen könnten hier eine wichtige Rolle spielen, wären sie in den Drittweltländern gleichberechtigt und nicht eher einem Stück Kleinvieh äquivalent), Einsatz längst verfügbarer Technologien.

    Wie man dahingelangt? Keine Ahnung. Wenn sich Länder bewusst dafür entscheiden, ihre Landwirtschaft zu ruinieren (z.B. Zimbabwe mit der Vertreibung weißer Farmer), kann man von außen letztlich nichts machen.

  4. Aber den Fleischkonsum wird kein Bürger freiwillig eingrenzen.Zumal der Verzehr von Fleisch "sättigender" ist als der von zB Nudeln.
    Wahrscheinlich muss auch hier eine staatlich erzwungene Rationierung her,denn Menschen handeln in erster Linie egoistisch und nie für die "Gemeinschaft",zu der man keinen Bezug hat.Das wird aber erst geschehen,wenn das Wasser uns bis zum Hals steht.
    Die E10-Sache machen die Leute deswegen auch nicht mit, nicht weil sie Konkurrenz zu den Nahrungsmitteln fürchten (immerhin bei einer Minderheit ist das der Fall) sondern aus Angst,ob diese mit den Motor des eigenen Wagens verträglich ist.

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  5. Eine Geschichte, die wie unabsichtlich darauf verzichtet zu erwähnen, dass viele Staaten, in denen gehungert wird, heute schon Nahrungsmittel exportieren. Ganz vorne dran z. B. Indien, aber auch viele der unterentwickelten Staaten in Afrika, in denen nicht mehr die örtliche Politik das Sagen hat, sonder IWF und Weltbank das Ruder übernommen haben.

    IWF- und Weltbank-Politik führt immer dazu, dass den Ländern ein Strukturwandel aufgezwungen wird. Das heißt, dass wo immer möglich die örtliche Produktion auf Exportgüter umgestellt wird, um die Schulden mit den erlösten Devisen bei IWF und Weltbank zurück zahlen zu können.

    Leider reicht es selten zu mehr, als gerade die Zinsen bezahlen zu können, an Tilgung ist nicht zu denken, meist steigen die Schulden. Eine bessere Ernteausbeute würde nach den Gesetzen des Marktes dazu führen, dass die exportierten Waren billiger würden. Ein Effekt, den kein gut im Fleisch stehender Liberaler ernsthaft ablehnen könnte. Gerade Süßkartoffeln sind bei uns immer noch ziemlich teuer.

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  6. Statt dafür sorgen, dass die Erzeugerländer mit ihren Erzeugnissen vernünftig umgehen, kommen sofort Argumente wie, wenn wir weniger Fleisch essen würden, weniger für Kraftstoffe anbauen würden, müsste auch keiner hungern.

    Ich halte dieses Argument für blanken Unsinn.

    Ein Bauer in Deutschland, der Nahrungsmittel anbaut, die für den menschlichen Verzehr geeignet sind, wird auf Dauer Konkurs gehen, weil es niemanden gibt, der ihm die Ernte zu den hohen Preisen abkauft. Logischerweise werden Futtermittel oder eben Pflanzen für Kraftstoffe angebaut, weil diese Ernten verkaufbar sind.

    Selbst wenn wir alle schlagartig Vegetarier werden würden, würde der Bauer eben auf den Anbau von Tierfuttermitteln verzichten und nur noch für Biokraftstoffe anbauen, nicht weil er es will, sondern weil er muss.

    Ach ja, Wenn man sich die politischen Verhältnisse in den Ländern anguckt, wo die Menschen hungern, nun, dann muss man auch sagen, das die Probleme fast immer hausgemacht sind. Insofern halte ich solche Debatten für überflüssig.

    Viel wichtiger ist es deswegen, die realen Probleme aufzuzeigen und anzugehen, so wie es der obige Artikel tut.

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  7. somit ist ganz klar: wer verhungert ist es selber schuld (ganz die gute Tradition Calvins). Und es ist auch keine Schande, Brotgetreide als Benzin zu verheizen, sondern wirtschaftlich notwendig und sinnvoll. DAS kann jetzt sogar die Christlich Demokratische Union unterschreiben...

    @ arthuranna
    Vielleicht hilft es, die ganzen Handfeuerwaffen (untr Umständen auch die deutschen Exporte) einzusammeln?

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    Ich fürchte, das Einsammeln der Kleinwaffen wird nichts helfen, weil diese ganzen Warlordkriege eher nach der Art von Keynes als nach der Art der Chicago Boys funktionieren: Die Nachfrage bestimmt den Waffenmarkt. Die unsäglichen Schlächtereien v.a. in Afrika geschehen ja nicht, weil zufällig so viele Kalaschnikows, Heckler&Kochs etc. herumliegen, die fahrlässigerweise nur niemand rechtzeitig dem Recycling zugeführt hat. Sondern weil alle Kriegführer ein ureigenes Interesse am Kriegführen haben und sich beschaffen, was nötig ist (Krieg aller gegen alle, Hobbes halt), und die Metzeleien notfalls auch mit der Machete durchführen.
    Wenn wir "unser" Getreide dorthinschicken, wird es oft genug ohnehin von den Kriegerbanden geraubt und vertickt, da kann man es genausogut hier in den Tank packen.

    Ich fürchte, das Einsammeln der Kleinwaffen wird nichts helfen, weil diese ganzen Warlordkriege eher nach der Art von Keynes als nach der Art der Chicago Boys funktionieren: Die Nachfrage bestimmt den Waffenmarkt. Die unsäglichen Schlächtereien v.a. in Afrika geschehen ja nicht, weil zufällig so viele Kalaschnikows, Heckler&Kochs etc. herumliegen, die fahrlässigerweise nur niemand rechtzeitig dem Recycling zugeführt hat. Sondern weil alle Kriegführer ein ureigenes Interesse am Kriegführen haben und sich beschaffen, was nötig ist (Krieg aller gegen alle, Hobbes halt), und die Metzeleien notfalls auch mit der Machete durchführen.
    Wenn wir "unser" Getreide dorthinschicken, wird es oft genug ohnehin von den Kriegerbanden geraubt und vertickt, da kann man es genausogut hier in den Tank packen.

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