Die Konjunktur hat kräftig angezogen, der Absatz der Exporteure explodiert, die Beschäftigung steigt und die Arbeitslosigkeit geht zurück. Es erheben sich zudem Klagen über den Mangel an qualifizierten Fachkräften. Man sollte meinen, dies sei der Zeitpunkt, um deutliche Lohnerhöhungen durchzusetzen. Denn Arbeit ist knapp und die Nachfrage offenbar hoch.

Doch kaum werden seitens der Gewerkschaften höhere Lohnforderungen als in den vergangenen Jahren gestellt, schwillt ein Chor warnender Stimmen an, die das Gespenst zu hoher Löhne beschwören. Menetekel schwindender Wettbewerbsfähigkeit und hoher Inflationsraten werden an die Wand gemalt. Insbesondere die EZB mit ihrem Präsidenten Jean-Claude Trichet an der Spitze ermahnt die Deutschen dringend, ihre Lohnzuwächse vor dem Hintergrund steigender Ölpreise moderat zu halten. Anderenfalls sei die EZB gezwungen, mittels Zinserhöhungen einzuschreiten, um Inflation zu verhindern.

Wem dies bekannt vorkommt, irrt nicht. All dies haben wir in diesem und im vergangenen Jahrzehnt schon allzu oft gehört. Immer dann, wenn sich die Lohnzuwächse etwas beschleunigten, wenn sogar reale Lohnzuwächse möglich erschienen, waren die gleichen warnenden Stimmen zu vernehmen. In Zeiten schlechter Konjunktur waren es die vermeintlich schwindende Wettbewerbsfähigkeit und zu hohe Kostenbelastung deutscher Unternehmen, in Zeiten guter Konjunktur waren es dann vermeintlich drohende zu hohe Inflationsraten, die stärkeren Lohnzuwächsen im Wege stünden. Zwischen dieser Skylla von Wettbewerbsbefürchtungen und der Charybdis von Inflationsgefahren wurde nahezu jede Steigerung der Reallöhne in Deutschland zerrieben.

Das Ergebnis ist, dass die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte während der vergangenen zehn Jahre mehr oder minder stagniert haben, und die Ungleichheit drastisch zugenommen hat. Insbesondere wurden die mittleren und die unteren Einkommen von der wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt. Sämtliche Erträge des Wachstums verblieben bei den oberen Einkommen, die sehr stark aus Gewinn – und Vermögenseinkommen bestehen und weniger aus Arbeitseinkommen mit stagnierenden Reallöhnen.

Schaut man sich nun die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und die Inflationsraten in Deutschland während der jüngeren Vergangenheit an, erhebt sich schon die Frage, ob diese Befürchtungen eigentlich gerechtfertigt waren. Die Antwort ist ein klares Nein. Spätestens seit Beginn des vorigen Jahrzehnts kann von einer schwachen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft keine Rede mehr sein. Die Leistungsbilanz Deutschlands weist seither fortwährend zunehmende Überschüsse mit dem Ausland auf. Das ist ein deutliches Anzeichen für eine hohe Wettbewerbsfähigkeit, da offensichtlich eine große Nachfrage nach Gütern aus deutscher Produktion besteht. Tatsächlich haben die strukturellen Leistungsbilanzüberschüsse die Stabilität des Euroraums mitgefährdet. Angebracht gewesen wären also Warnungen ob einer zu schwachen Binnennachfrage, weil die Löhne nicht stark genug gestiegen sind.