Die Räuber wussten genau, wo sie am besten Kasse machen konnten. Als die beiden bewaffneten Täter vorige Woche den Laden von José Pinhal in der Kleinstadt Chamusca in Zentralportugal stürmten, hatten sie für ihren Beutezug einen Geschäftszweig ausgesucht, der in diesen Krisenzeiten blüht wie kein zweiter. Pinhal kauft Gold von Privatleuten an, die ihren Familienschmuck zu Geld machen – im ärmsten Land Westeuropas ist das für viele die letzte Möglichkeit, die fällige Rate für das Eigenheim oder den Einkauf im Supermarkt zu bezahlen. Tausende solcher Läden haben in den vergangenen Monaten aufgemacht. Mit dem Antrag Portugals auf Finanzhilfe durch den europäischen Rettungsfonds wird der Boom der Branche anhalten. Denn die Not im Land wird sich erst einmal verschärfen.

PEC IV, so lautete die Abkürzung für das vierte Sparprogramm in weniger als zwölf Monaten, mit dem die Regierung des Sozialisten José Sócrates die Neuverschuldung des Staatshaushaltes bis 2013 wieder unter das Maastricht-Kriterium von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts drücken wollte. Dass die Opposition im Parlament ihm die Gefolgschaft versagte, hatte zwar den Rücktritt Sócrates' zur Folge. Am 5. Juni wird es Neuwahlen geben. Das Sparprogramm verhindern konnten seine Widersacher jedoch nicht.

Im Gegenteil: EU-Wirtschafts- und Währungskommissar Olli Rehn kündigte beim Gipfel der EU-Finanzminister im ungarischen Gödöllö bereits an, dass PEC IV die Grundlage für das nun von EU und Internationalem Währungsfonds beaufsichtigtem Sanierungsprogramm werde – und weitere einschneidende Maßnahmen notwendig seien.

Noch diese Woche wird ein Expertenteam nach Lissabon reisen und mit der Arbeit beginnen. Und die Portugiesen zittern vor dem, was nun auf sie zukommen wird. Zweimal seit Juli 2010 wurde bereits die Mehrwertsteuer angehoben, auf nunmehr 23 Prozent, das Arbeitslosengeld für die inzwischen 11,1 Prozent Erwerbslosen um 25 Prozent gesenkt. Die Steuer von 20 Prozent auf Börsengewinne und die Steuererhöhung für Portugiesen, die mehr als 150.000 Euro im Jahr verdienen, traf nicht viele ins Mark.

Wohl aber die Kürzung der Einkommen um bis zu zehn Prozent im öffentlichen Dienst. Zudem sollen der Kündigungsschutz gelockert, Renten eingefroren und Staatsunternehmen privatisiert werden. Im Gegenzug wird Portugal über drei Jahre gestreckt Bürgschaften für rund 80 Milliarden Euro erhalten. Geld, das der Staat dringend braucht, aber an den Finanzmärkten nur zu horrenden Zinssätzen erhalten würde, die das Land noch tiefer in die Schuldenkrise führen würden.

Wenn Ökonomen vorrechnen, dass Portugals Wachstum in den 90er Jahren nur auf Pump finanziert war, die Wirtschaft nach der Jahrtausendwende im Durchschnitt lediglich noch um 1,1 Prozent pro Jahr zulegte, das Niveau der Löhne in dieser Zeit aber um 38 Prozent, dann erscheint die Forderung nach Einkommenskürzungen logisch. Nur so, heißt es, könne die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe erhöht werden.