Als Reaktion auf die Atom-Katastrophe in Japan hat die Bundesregierung in der vorletzten Märzwoche ein Atom-Moratorium beschlossen – die sieben ältesten Meiler bleiben für drei Monate abgeschaltet. Zwei Kommissionen sollen sich in dieser Zeit mit der Zukunft der Atomkraft in Deutschland auseinandersetzen. Mitte Juni dann will die Bundesregierung ihr neues Energiekonzept vorstellen.

Mit der Wende in der schwarz-gelben Energiepolitik ist die Debatte über die Atomkraft in Deutschland neu entbrannt. Die Befürworter bringen eine Vielzahl von Argumenten vor, warum wir auf die AKW in Deutschland noch nicht verzichten können. ZEIT ONLINE hat fünf herausgesucht und überprüft, ob sie stimmen.

Wir brauchen Atomenergie, bis die Stromnetze ausgebaut sind.
Dass neue Netze gebaut werden müssen, sei "unbestritten", sagt Michael Ritzau. Als Geschäftsführer der BET GmbH in Aachen berät er seit über 20 Jahren Energieunternehmen bei Kraftwerks- und Netzprojekten. Nach BET-Berechnungen ist als Folge des zunehmenden europäischen Stromhandels sowie der wachsenden Einspeisung von Wind- und Solarstrom ein Neubau von 1290 Trassenkilometern erforderlich. Davon sind bisher nur 90 Kilometer fertiggestellt worden.

Die Deutsche Energie-Agentur (dena) geht sogar davon aus, dass der Zubau von mehr als 3500 Kilometern unverzichtbar ist. Ritzkau hält diese Zahl jedoch für übertrieben: "Viele Annahmen der dena sind theoretisch und abstrakt. Zudem gibt es ein erhebliches volkswirtschaftliches Optimierungspotenzial, beispielsweise durch den Ausbau des Netzverbundes mit dem wasserkraftreichen Skandinavien, den die dena nicht untersucht hat."

Unabhängig davon, wie viele Kilometer wirklich gebaut werden müssen, muss ein Kernproblem gelöst werden: "Die Planungs- und Genehmigungsverfahren dauern teilweise zehn Jahre und müssen gestrafft werden", sagt Joachim Nitsch, der als langjähriger Leiter der Abteilung Systemanalyse und Technikbewertung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) häufig als Gutachter für die Bundesregierung gearbeitet hat. Das Problem ist bekannt. Um für mehr Tempo beim Netzausbau zu sorgen, hat Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Jost de Jager einen "Beschleunigungsbonus" für die Netzbetreiber vorgeschlagen, "der schrittweise abgeschmolzen wird".

Der notwendige Netzausbau könne aber nicht für den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke herhalten, sagt BET-Geschäftsführer Ritzau: "Für eine Übergangszeit müssen wir verstärkt auf das Einspeisemanagement setzen, das heißt die Leistungsspitzen der Ökokraftwerke bei Schwachlastzeiten kappen." Das bedeutet: Windkraftwerke werden in Stunden mit sehr hoher Windeinspeisung und geringer Nachfrage zeitweise vom Netz genommen. Das ist in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern heute schon Praxis. Mit einer Härtefallklausel im Erneuerbare-Energien-Gesetz  (EEG) hat der Gesetzgeber dafür gesorgt, dass den Betreibern dadurch kein finanzieller Schaden entsteht.