Kunde mit gefülltem Einkaufswagen. Wie viel können sich Deutschlands Arme leisten? © Ralph Orlowski/Getty Images

Armut hat viele Facetten. Der Mangel an Geld ist nur eine davon. Wer arm ist, kann sein Leben nur begrenzt selbst gestalten, etwa aus Mangel an Bildung, guter Gesundheit, politischem Einfluss oder sozialen Kontakten. Armut bedeutet Macht- und Perspektivlosigkeit. Deshalb ist ein Student nicht unbedingt arm, selbst wenn ihm wenig Geld zur Verfügung steht.

Dennoch greift die Statistik meist auf finanzielle Maßstäbe zurück, wenn es darum geht, Armut abzubilden, zum Beispiel auf die Armutsgefährdungsquote. Sie gibt an, wie hoch der Anteil der Deutschen mit besonders niedrigem Einkommen an der Gesamtbevölkerung ist. In den vergangenen Jahren, besonders seit der Jahrtausendwende, ist sie stetig gestiegen (siehe Grafik 1). Zuletzt kletterte sie auf 14,5 Prozent, das sind umgerechnet mehr als elf Millionen Menschen. Anfang der 1990er Jahre, als erstmals gesamtdeutsche Daten vorlagen, galten nur 11,3 Prozent der Deutschen als arm.

Kinderreiche Familien, Alleinerziehende und Singles rutschen besonders häufig unter die Armutsschwelle. Das zeigen die Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP), die vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erhoben werden. Zum Teil liegt das in der Natur der Sache: In kinderreichen Familien verteilt sich das Einkommen auf mehr Personen, als in den Haushalten kinderloser Doppelverdiener. Für den Einzelnen bleibt weniger übrig.

Das klingt zunächst banal. Aber das Problem reicht tiefer. Denn die SOEP-Daten zeigen auch: Die wichtigste Ursache für Armut ist Arbeitslosigkeit – oder, dass der Billigjob kaum zum Leben reicht. Deshalb ist auch die Armutsquote in Ostdeutschland besonders hoch. Ostdeutsche sind häufiger arbeitslos, und sie haben meist keine Kapitaleinkünfte, mit denen sie das ausgleichen könnten.

Die Ausweitung des Niedriglohnsektors sei der Hauptgrund für die steigende Armutsquote, sagt der DIW-Forscher Joachim Frick. Zusammen mit seinem Kollegen Markus Grabka hat er untersucht , wie sich die Armutsraten in den vergangenen Jahren entwickelt haben und wer besonders gefährdet ist, abzurutschen. Selbst junge Akademiker seien vor Armut nicht mehr gefeit, sagt Grabka. "Der Einstieg in den Beruf ist schwieriger geworden. Viele hangeln sich von einem unsicheren Job zum nächsten."

Dass die Quote der armen Arbeitnehmer steigt, zeigt auch eine aktuelle Untersuchung für die Hans-Böckler-Stiftung auf Basis europäischer Daten . Knapp sieben Prozent der Erwerbstätigen sind hierzulande arm. Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich im Mittelfeld.

Ein Single gilt derzeit als arm, wenn er weniger als 935 Euro im Monat zur Verfügung hat. Weil die Armutsschwelle keine fixe Größe ist, sondern relativ zum Wohlstandsniveau der gesamten Gesellschaft berechnet wird, hat sie sich in den vergangenen Jahren nach oben hin verschoben. Wer die Inflation aus den Daten herausrechnet, sieht: In der letzten Zeit ist die Kaufkraft der Einkommen, die genau auf der Armutsschwelle liegen, gesunken (Grafik 2).

Auch die ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung können sich heute weniger leisten, als noch vor zwanzig Jahren. Ihre Einkommen sanken deutlich stärker als die der Mittelschicht (Grafik 3) – und sie waren auch in absoluten Zahlen im Jahr 2009 niedriger als 1992, während die Einkünfte der Reichen stiegen. Die Spaltung der Gesellschaft nimmt also zu , und die Armen sind schlechter gestellt als früher. 

Der Trend habe nach der Wiedervereinigung begonnen, sagt Verteilungsforscher Grabka. "Aber in den 1990er Jahren ging die Politik noch stärker dagegen an. Damals schaffte das System den Ausgleich noch relativ gut." Das Kindergeld wurde angehoben, das steuerfreie Existenzminimum erhöht. "Das kam vor allem den unteren Einkommensgruppen zugute." Seit der Jahrtausendwende unternimmt die Politik weniger dagegen, dass die Einkommen der Armen sinken.

Schwarz-Gelb will die Armut vor allem dadurch bekämpfen, dass mehr Menschen Arbeit haben. Das Problem des Niedriglohnsektors hat aber auch die Regierung erkannt. Er bringe "ein gestiegenes Armutsrisiko von Erwerbstätigen", schreibt sie in ihrem Armuts- und Reichtumsbericht .