Rein statistisch betrachtet sind Reiche in Deutschland ein Phantom. Der Staat zählt zwar, wie viele seiner Bürger arm sind . Wie viele Reiche es gibt und ob sie immer reicher werden, weiß aber niemand so ganz genau. Wie will man auch Reichtum definieren? Ist reich, wer zehn Mal so viel verdient wie andere? Oder zwanzig Mal so viel? Oder ist reich, wer eine Million oder mehr besitzt?

Manche Forscher sagen : Reich ist, wer relativ zu den anderen besonders viel verdient – das Zweifache des mittleren Nettoeinkommens zum Beispiel. Das Problem: Reich wäre man nach dieser Definition schon als Alleinstehender mit etwas mehr als 3000 Euro netto im Monat. Ein gutes Gehalt, aber ist man damit schon reich?

Ökonomen wie Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wählen deshalb einen anderen Weg. Sie teilen die Einkommensbezieher in zehn Klassen, so genannte Dezile. Grabka greift dabei auf Daten des sozio-ökonomischen Panels (SOEP) zurück, einer Langzeitbeobachtung der Lebensverhältnisse in Deutschland. Wer im oberen Zehntel landet, darf sich somit rein statistisch zu den reichsten Menschen im Land zählen. Hierfür reicht es allerdings, als Alleinstehender netto mehr als 34.000 Euro im Jahr zur Verfügung zu haben.

Werden die Reichen nun reicher? Tatsächlich sind die obersten Einkommen in den vergangenen Jahren deutlich schneller gewachsen als alle anderen. Während die mittleren und unteren Einkommen in den Jahren 1999 bis 2009 stagnierten oder nur langsam anstiegen, wuchsen sie am oberen Rand um rund 17 Prozent (siehe Grafikbox). "Am oberen Rand spielt die Musik", sagt Grabka. Glaubt man verschiedenen internationalen Studien, vollzieht sich diese Entwicklung in ähnlicher Weise in vielen Industriestaaten – nicht nur in Deutschland. 

Hierfür gibt es mehrere Erklärungen. Die Gehälter von Dax-Vorständen sind zum Beispiel in den vergangenen Jahren kontinuierlich stärker gestiegen als die Durchschnittsgehälter. In der Finanzindustrie flossen zudem kräftige Boni. Ökonomen sprechen außerdem vom "Superstar-Phänomen". Es gibt mehr Superreiche – Fußballer, Popstars, Models –, die außerordentlich gut verdienen. "In den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren sind die allerhöchsten Einkommen überproportional gewachsen", sagt der Ökonom. Das hebt den Durchschnitt der Einkommen am oberen Rand.

Allerdings greift der Blick auf die Einkommen allein zu kurz. Die entscheidende Frage ist, woher die Reichen im Land ihre Einkünfte beziehen. Die Antwort lautet: zu einem wachsenden Teil aus Zinsen und Kapitaleinkünften, die sie mit ihren Vermögen erwirtschaften. Genau diese Vermögen aber sind in Deutschland ungleich verteilt. Rund 59 Prozent des Vermögens in Deutschland lag im Jahr 2007 in den Händen der obersten zehn Prozent, schätzen die DIW-Forscher. 2002 waren es noch rund 58 Prozent (siehe Grafik). Die Vermögenskonzentration hat bis zur Krise also leicht zugenommen. Ob sich der Trend seither umgekehrt hat, ist ungewiss. Die Unternehmensberatung Cap Gemini schätzt jedoch, dass die Zahl der Dollar-Millionäre in Deutschland zuletzt sogar wieder leicht angestiegen ist.

Die Reichen werden also reicher – und doch ist der Satz nicht ganz richtig. Denn die Statistiken der DIW-Leute enthalten ein überraschendes Detail. Die Ökonomen untersuchten, wie viele der Besitzer großer Vermögen des Jahres 2002 auch noch unter den Reichsten des Jahres 2007 waren. Ergebnis: Nur 64 Prozent der einstmals Reichen gehörten noch immer zum obersten Zehntel. Immerhin 36 Prozent stellten sich schlechter. Korrekt müsste der Satz also lauten: Die Reichen werden immer reicher – aber nicht immer die gleichen sind reich. Manche stürzen ab.