Philanthropie : Wohltätige als Forschungsobjekt

Was treibt Menschen wie Bill Gates dazu, einen Großteil ihres Vermögens zu spenden? In Frankreich soll ein Lehrstuhl für Philanthropie der Frage nachgehen.

Würden die Theorien der traditionellen Volkswirtschaftslehre stimmen, dann gäbe es das Forschungsthema der französischen Ökonomin Anne-Claire Pache wahrscheinlich gar nicht: Philanthropie. Denn der gute alte homo oeconomicus, der die Basis der klassischen Lehre bildet, verfolgt ungerührt seinen Eigennutzen - freiwillig viel Geld für wohltätige Zwecke zu spenden, käme ihm nicht in den Sinn."In der Philanthropie steckt viel Irrationales", sagt die junge Professorin. "Wir treffen unsere Entscheidungen oft aus dem Bauch heraus, unser Engagement basiert oft auch auf Schuldgefühlen."

Die 39jährige will dem Phänomen, warum Privatpersonen oder Unternehmen sich für das Allgemeinwohl engagieren, nun mit wissenschaftlicher Genauigkeit auf den Grund gehen. Sie ist Inhaberin des neuen Philanthropie-Lehrstuhls der französischen Business-School Essec, einer der renommiertesten Adressen des Landes.

Ganz Wissenschaftlerin beginnt sie die Erklärungen zu ihrer Arbeit mit einer Definition: "Hinter dem Begriff Philanthropie stehen Initiativen von Privatpersonen oder Unternehmen zum Transfer von Ressourcen an Projekte oder Organisationen, die das Allgemeinwohl fördern."

Vor allem in den USA spenden reiche Leute oder Unternehmen viel Geld für wohltätige Zwecke. Die Milliardäre Bill Gates und Warren Buffet zum Beispiel haben vergangenen Sommer mit 38 Mitunterzeichnern dazu aufgerufen, mindestens die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden.

Solche Rufe finden in Europa bis dato wenig Wiederhall: Frankreichs reichster Mann, LMVH-Eigner Bernard Arnault zum Beispiel, frönt mit seiner Louis-Vuitton-Stiftung zur Förderung der Kunst allenfalls seiner Leidenschaft für die Muse.

"Philanthropie hat sich in den USA aus kulturellen, politischen und auch religiösen Gründen viel stärker entwickelt als Europa", sagt Professorin Pache. Die Extrempunkte seien die USA und Frankreich: In den Vereinigten Staaten gehört es zum guten Ton, dass erfolgreiche Unternehmer einen Teil ihres Vermögen dem Allgemeinwohl zur Verfügung stellen - auch, weil Amerikaner ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Staat hegen.

In Frankreich herrscht eine genau entgegengesetzte Haltung vor: Seit der Revolution von 1789 haben die Franzosen die Sorge um das Allgemeinwohl an den Staat delegiert. "Wer seine Steuern bezahlt hat, hat damit seine Pflicht erfüllt", bringt Pache das französische Verständnis auf den Punkt.

Das erklärt auch, warum das Phänomen Philanthropie in den angelsächsischen Staaten besser erforscht ist als in Europa. Das will Pache nun ändern. Ihr Lehrstuhl wird unter anderem von der Großbank BNP Paribas, der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und der Foundation de France finanziert - mit einer Million Euro verteilt über drei Jahre. 

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Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

So ein quatsch...

"...Denn der gute alte homo oeconomicus, der die Basis der klassischen Lehre bildet, verfolgt ungerührt seinen Eigennutzen - freiwillig viel Geld für wohltätige Zwecke zu spenden, käme ihm nicht in den Sinn."

Ist es so unplausibel anzunehmen, dass Herr Gates mit seiner Wohltätigkeit auch nur seinen Eigennutz verfolgt? Es ist gut möglich, dass Herr Gates - ganz der Homo Oeconomicus - auch hier nur egoistisch handelt: Er hat aus dem ganzen Geld nur noch so wenig Nutzen, dass er es lieber anderen gibt und sich so einen guten Ruf kauft.

Na und..

Bernard Arnault zum Beispiel, frönt mit seiner Louis-Vuitton-Stiftung zur Förderung der Kunst allenfalls seiner Leidenschaft für die Muse.
Wenn damit etwas zur Förderung der Kunst getan wird ist das doch wunderbar.
Die werden vom Staat schon lange nicht mehr angemessen unterstützt.