Proteste in Santiago de Chile am 9. Mai. © Martin Bernetti/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Halb Chile wehrt sich gegen den Bau von fünf Staudämmen im Süden des Landes. Für Samstag sind weitere Großdemonstrationen angekündigt. Wie massiv werden die Proteste ausfallen?

Michael Álvarez: Das ist schwer zu sagen. Am vergangenen Wochenende gingen in Santiago etwa 30.000 Menschen gegen die Staudämme auf die Straße. Jetzt haben die Gegner von Hidroaysén, wie das Projekt heißt, in 25 Städten zum Protest aufgerufen. Normalerweise gibt es in Chile ein gewisses Mobilisierungsproblem: Es existiert keine starke Zivilgesellschaft, keine Protestkultur, anders als in den Nachbarländern. Nur diesmal könnte es anders sein, weil in den sozialen Netzwerken sehr viel und leidenschaftlich über Hidroaysén diskutiert wird.

ZEIT ONLINE: Welche Bedeutung hat das Internet?

Álvarez: Die sozialen Netzwerke spielen eine ganz entscheidende Rolle. Twitter und Facebook werden von einem sehr großen Teil der Bevölkerung genutzt. Schon im vergangenen Jahr organisierten sich über sie Proteste. Damals ging es um ein Kohlekraftwerk namens Barrancones, das in einem Naturschutzgebiet gebaut werden sollte. Als die Nachricht von der Genehmigung des Baus bekannt wurde, kam es sofort zu Demonstrationen. Noch am gleichen Abend standen rund 5000 Leute vor dem Präsidentenpalast, der Moneda: Familien mit Kindern, ältere Leute, sogar Abgeordnete aus dem Regierungslager. Das war wie ein Flashmob.

ZEIT ONLINE: Auch jetzt vereint die Gegnerschaft zu Hidroaysén ganz unterschiedliche Lager: Naturschützer, Unternehmer, Politiker aus rechten wie linken Parteien.

Álvarez: Ja, darin ähneln die Proteste ein wenig den Demonstrationen gegen Stuttgart 21 in Deutschland. Im Parlament gibt es Ablehnung, quer über alle Parteien hinweg. Die chilenische Studentenbewegung, die seit einigen Jahren politisch sehr aktiv ist, protestiert ebenfalls gegen die Staudämme. Selbst die katholische Kirche hat sich gestern geäußert, zwar sehr vorsichtig, aber doch kritisch. Sogar die Gewerkschaften der Energie- und Bergbaubranche sind gegen Hidroaysén ...

ZEIT ONLINE: Müssten die nicht dafür sein? Unter Umständen hängen die Jobs der Bergleute und Energiearbeiter daran.

Álvarez: Die Gewerkschaften fordern, dass der Staat stärker in den Bergbau- und Energiemarkt eingreift. Es läge in ihrem Interesse, wenn die Oligopole aufgebrochen würden und die Unternehmen an Macht verlören. Außerdem wissen sie, dass gerade die erneuerbaren Energien viele Arbeitsplätze schaffen könnten – wenn die Politik sie förderte.

ZEIT ONLINE: Ein Teil der Kritik richtet sich gegen den Entscheidungsprozess, der zur Genehmigung der Staudämme führte. Was lief schief?