Gerechtigkeit Die verunsicherte Mittelschicht
Eine solide Ausbildung schützt nicht mehr vor Arbeitslosigkeit. Die Mittelschicht fürchtet den Abstieg. Dabei ist ihr Absturzrisiko nicht ganz so groß wie gedacht.
© Sean Gallup/Getty Images

Sommerferien an der Ostsee: Einmal im Jahr in Urlaub fahren, das war ein Teil des westdeutschen Wohlstandsversprechens, das sich nun auflöst.
Die Deutschen fürchten um ihren Wohlstand. Jeder kann es zu etwas bringen, so lautete das Versprechen der alten Bundesrepublik. Wer sich nur anstrengt und hart arbeitet, bekommt einen Arbeitsplatz mit ordentlichem Einkommen, das die Familie ernährt oder ein Auto und den jährlichen Urlaub finanziert. Auch Arbeiter konnten sich ein Mittelschichtsleben leisten. Die gut ausgebildeten Facharbeiter waren das Rückgrat der Industriegesellschaft. Sie verdienten gut.
Dann kamen die Ölkrise, die Wiedervereinigung und die rasend schnell zunehmende Globalisierung, und die alten Gewissheiten lösten sich auf. Die Einkommensschere öffnete sich. Spätestens seit das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vor drei Jahren eine Studie über die schrumpfende Mittelschicht veröffentlichte, heißt es, die Krise sei im Zentrum unserer Gesellschaft angekommen.
Doch stimmt das wirklich?
Fest steht: Die Angst um den Arbeitsplatz wächst, und sie bedrückt weite Teile der arbeitenden Bevölkerung – ganz egal, ob Unter-, Mittel- oder Oberschicht. Das fanden die Soziologen Holger Lengfeld und Jochen Hirschle heraus, als sie Daten des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP) auswerteten (Grafik 1).
- Abstiegsangst
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Sorge um den Status: Die Grafik zeigt, wie stark die Angst vor Arbeitslosigkeit in unterschiedlichen Berufsgruppen gewachsen ist. Als Mittelschicht gelten Facharbeiter und Meister, wie Angestellte mit solider Berufsausbildung und Akademiker, die etwa als Lehrer oder im mittleren Management eines Unternehmens arbeiten. Akademiker in höheren Positionen sind Oberschicht; ungelernte oder gering qualifizierte Arbeiter und Angestellte gehören zur unteren Schicht. Arbeitslose und Selbstständige wurden nicht untersucht.
- Mittelschicht
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Anteil der Mittelschicht: Wie viele Deutsche gehören zur Mittelschicht? Ökonomen nehmen das Medianeinkommen als Maßstab. Je nachdem, ob sie Jahres- oder Monatsnettoeinkommen vergleichen, kommen sie zu unterschiedlichen Ergebnissen. Der Trend bleibt aber gleich: Der Anteil der Mittelschicht an der Bevölkerung sinkt. Die Grafik basiert auf Monatsnettoeinkommen.
- Arbeitslosigkeit
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Ausbildung und Arbeitsmarkt: Dass Hochqualifizierte seltener arbeitslos sind als andere, ist eine Binse. Dennoch zeigen die Daten, dass eine gute Ausbildung immer noch vor dem Absturz schützen kann.
- Serie
Deutschland im Jahr 2011: Die Gesellschaft spaltet sich. Reiche werden reicher, Arme ärmer. Wer einmal unten ist, kommt nur noch schwer nach oben – und wer oben ist, stürzt schneller ab. So ist es immer wieder zu lesen. Doch stimmt das auch? ZEIT ONLINE beschreibt in einer siebenteiligen Serie, wie gerecht es in Deutschland wirklich zugeht. Zum Auftakt fragten wir den Gerechtigkeitstheoretiker Stefan Gosepath: Was ist heute noch gerecht? Danach untersuchten wir, ob die Ungleichheit in Deutschland wirklich wächst, ob die Reichen tatsächlich immer reicher werden, ob die Armut zunimmt, und ob der Aufstieg so schwierig ist, wie oft behauptet. In der kommenden Woche werden wir klären, ob der Staat mehr oder weniger umverteilt als früher.
Für Lengfeld und Hirschle entscheidet der Bildungsstand eines Menschen darüber, zu welcher Schicht er gehört. Wenig überraschend, dass Akademiker sich die geringsten Sorgen um ihre Zukunft machen. Doch Lengfeld und Hirschle fanden auch heraus, dass die Furcht der Facharbeiter vor der Arbeitslosigkeit größer ist als die der ungelernten Arbeiter. Die Angst nahm unter den gut ausgebildeten Angestellten weit stärker zu als unter anderen Gruppen. Im Zentrum der Gesellschaft wächst die Furcht.
Lengfeld vermutet hierfür mehrere Gründe: die wachsende Zahl von befristeten Verträgen beispielsweise. Oder strukturelle Krisen in Branchen, in denen viele gut qualifizierte Angestellte tätig seien, wie etwa im Gesundheitswesen oder der Finanzbranche. Das könne die wachsende Angst aber nicht komplett erklären. "Möglicherweise beobachtet die Mitte, dass es die unteren Schichten auf dem Arbeitsmarkt immer schwerer haben, und fürchtet, es könnte bald auch sie treffen", sagt er.
Nachvollziehbar ist die Sorge dennoch. "Die mittlere Mittelschicht hat relativ viel zu verlieren", sagt der Forscher. "Ihr Wohlstand hängt an jedem einzelnen Einkommen, sie ist durch ihre Ausbildung nicht gefeit vor Veränderungen am Arbeitsmarkt, und sie findet nicht so schnell wieder einen Job wie Akademiker. Die untere Schicht hingegen musste schon immer mit Entlassungen rechnen. Das ist für sie Normalität."
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) beobachtet seit Jahren, dass die Mittelschicht in Deutschland schrumpft. Als Maßstab nutzen die Ökonomen nicht den Beruf eines Menschen, sondern sein Gehalt. Mittelschicht ist, wer zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Einkommens verdient. Das entsprach im Jahr 2005 für Singles einem Monatsgehalt von 860 bis 1844 Euro netto.
"Im Jahr 2009 schien sich der Trend gewendet zu haben", sagt DIW-Forscher Jan Goebel. Er hat im vergangenen Herbst die wachsende Polarisierung der Einkommen in einer Studie beschrieben. Der Anteil der armen Haushalte an der Bevölkerung nehme stetig zu, schrieb er damals. Auch die Zahl der Reichen sei gestiegen, bis die Finanzkrise die Entwicklung scheinbar stoppte.
- Datum 04.05.2011 - 12:55 Uhr
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- Serie Wie gerecht ist Deutschland?
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 42
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"Das entsprach im Jahr 2005 für Singles einem Monatsgehalt von 860 bis 1844 Euro netto."
Aha, mit 860 € gehört man schon zur Mittelschicht ? Na, wenn das keine gute Nachricht ist ! Ehrlich gesagt, davon könnte ich meine Miete zahlen...Punkt !!!
Aber Sie haben schon recht: DAvon hat man nichts. Informationen zur Mittelschicht finden Sie auf mittelschaft.info, der ersten deutschsprachighen Website, die sich diesem Thema widmet.
http://www.mittelschicht....
Aber Sie haben schon recht: DAvon hat man nichts. Informationen zur Mittelschicht finden Sie auf mittelschaft.info, der ersten deutschsprachighen Website, die sich diesem Thema widmet.
http://www.mittelschicht....
Vielleicht ist der Mensch doch anders gestrickt, als man so landläufig zu glaubt.
Möglicherweise geht es einem doch nicht ganz so gut, wenn es dem Nachbarn offensichtlich immer schlechter geht. Das läuft dann natürlich auf der seelischen und psychischen Ebene, und von diesen Ängsten spricht ja der Artikel.
abwärts immer
aufwärts nimmer... ???
im Vergleich zu den Beschäftigten in der freien Wirtschaft.
Beamte und die meisten Angestellten im Öffentlichen Dienst sind unkündbar.[...]
r Arzt eine Krankmeldung, wie unlängst nachgewiesen wurde.
Die Bezüge im Öffentlichen Dienst liegen - bis auf wenige Ausnahmen - über den Vergütungen in der freien Wirtschaft. Eine Änderung dieser Ungleichbehandlung von Arbeitnehmern ist nicht in Sicht, weil ein Großteil der Politiker(innen) aus dem Öffentlichen Dienst stammt.
Gekürzt bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen und Unterstellungen. Danke, die Redaktion/se
Fragen Sie mal einen Altenpfleger der im Öffentlichen Dienst angestellt ist. Der Schuß ging aber voll daneben!
>>im Vergleich zu den Beschäftigten in der freien Wirtschaft.
Beamte und die meisten Angestellten im Öffentlichen Dienst sind unkündbar.<<
Ja, zu Zeiten meiner Großeltern war das auch so.
Heute leben die Leute im öffentlichen Dienst in ständiger Angst vor der Arbeitslosigkeit, da nahezu ausschließlich befristete Stellen angeboten werden, die oftmals nach Ablauf eben nicht verlängert werden. Ich kenne (übrigens kinderlose) Leute im öffentlichen Dienst, die bereits viermal die Amtsstube gewechselt haben und der nächsten Verlängerung (oder eben Nichtverlägerung) entgegenzittern.
Ganz allgemein werden solche Artikel, die vom "Mythos des drohenden Abstiegs" erzählen, sehr konkret werden, wenn die Generation "ewige Arbeitsverträge" jenseits der 45 angekommen ist. Ein Bekannter (Akademiker) hat damit schon Bekanntschaft gemacht: Zu alt, kein neuer Vertrag, das war's vermutlich für ihn. Super Zukunft und von wegen Mythos!
Fragen Sie mal einen Altenpfleger der im Öffentlichen Dienst angestellt ist. Der Schuß ging aber voll daneben!
>>im Vergleich zu den Beschäftigten in der freien Wirtschaft.
Beamte und die meisten Angestellten im Öffentlichen Dienst sind unkündbar.<<
Ja, zu Zeiten meiner Großeltern war das auch so.
Heute leben die Leute im öffentlichen Dienst in ständiger Angst vor der Arbeitslosigkeit, da nahezu ausschließlich befristete Stellen angeboten werden, die oftmals nach Ablauf eben nicht verlängert werden. Ich kenne (übrigens kinderlose) Leute im öffentlichen Dienst, die bereits viermal die Amtsstube gewechselt haben und der nächsten Verlängerung (oder eben Nichtverlägerung) entgegenzittern.
Ganz allgemein werden solche Artikel, die vom "Mythos des drohenden Abstiegs" erzählen, sehr konkret werden, wenn die Generation "ewige Arbeitsverträge" jenseits der 45 angekommen ist. Ein Bekannter (Akademiker) hat damit schon Bekanntschaft gemacht: Zu alt, kein neuer Vertrag, das war's vermutlich für ihn. Super Zukunft und von wegen Mythos!
hinter solchen Artikeln sein soll.
Abwiegeln?
Beruhigen?
Einlullen?
"Für Lengfeld und Hirschle entscheidet der Bildungsstand eines Menschen darüber, zu welcher Schicht er gehört." *Ähä*
"Die Mittelschicht schrumpft also. Doch die beiden Ökonomen Dominik Enste und Vera Erdmann vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) halten die Entwicklung dennoch nicht für problematisch." ... *aha?*
"Nicht jede statistisch gemessene Zunahme der Unterschicht muss mit Gehaltseinbußen oder mit dem Verlust eines Arbeitsplatzes einhergehen" ... *Ja?*
Wozu soll diese Serie eigentlich dienen, wenn jeder Artikel feststellt: es gibt nicht mehr Armut, aber fest steht... ?
Diese Statistiken sind ziemlich bogus und sollen wieder nur beschwichtigen. Wussten Sie, dass US-amerikanische Studien seit Jahren unverändert eine Mittelschicht von über 80 Prozent ausmachen. Da kann man also sagen: entweder die Amis lügen schlecht, oder das "arbeitgebernahe IW" versucht zu beschwichtigen, dass die Lage noch nicht soooo dramatisch ist.
Mir persönlich ist es nicht wichtig zu einer "Schicht" oder zu einem "Milieu" zu gehören, aber ich habe erziehungsbedingte Lebensweisen und Verhaltensmuster, die einen gewissen Lebensstandard voraus setzen: einmal Urlaub im Jahr, ich gehe gerne ins Theater oder die Philharmonie, ich lese gern usw. Wenn ich wegen galloppierender Verbraucherpreissteigerung und wegen befristeten Verträgen aber gewzungen bin mich zunehmend wie ein Roboter zu verhalten, dann fühle ich mich als "Unterschicht", bin unglücklich, kann nichts mit einem hohen Einkommen anfangen, da ja sowieso keine Zeit bleibt um dies auszugeben.
Deutschland ist - branchenabhängig - UNGERECHT! Ich bin nebenbei bemerkt "High Potential", work hard, party hard ... blabla. Auch wenn ich offiziell nicht "arm" bin, verarme ich seelisch und kulturell. So etwas kommt natürlich in Zahlen eines SOEP nicht zum Ausdruck.
Der Frust sitzt tief, auch ob dieser Ignoranz.
Ihr Beitrag sollte zum Zeit-Artikel erhoben werden.
Sehr lesenswert, danke dafür.
Ihr Beitrag sollte zum Zeit-Artikel erhoben werden.
Sehr lesenswert, danke dafür.
Nach dem Abitur wollte ich gerne eine Banklehre machen, habe es dann jedoch nicht getan, denn schliesslich kann jemand mit Realschulabschluß genauso gut so eine Lehre absolvieren.
Allerdings mußte ich dann nach dem Studium mehrerer Geisteswissenschaften feststellen, das ich in einem Büro Tätigkeiten ausführen sollte, die eigentlich auch ein Realschüler bewältigen kann. Irgendwas stimmt da nicht.
Das ist irgendwie weder gerecht noch werden Menschen so glücklich, treffende Alibaba, viele Grüße von den 40 Räubern!
Dennoch, auch ich würde gern in der Mitte etwas abnehmen.
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