Finanzsystem : "Hedgefonds sind gut für die Gesellschaft"

Verschärfen die Spekulanten der Hedgefonds die Euro-Krise? Von wegen, sagt der konservative Finanzforscher Sebastian Mallaby. Er findet: Die Fonds machen die Welt besser.
Die wichtigsten Hedgefonds-Chefs der Wall-Street (von links nach rechts): George Soros, James Simons, John Alfred Paulson, Philip Falcone, Kenneth Griffin sagen vor einer Kommission der US-Regierung aus © Tim Sloan/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Mallaby, in ihrem neuen Buch kommen Sie zu dem Schluss, dass Hedgefonds die Rettung der Wall Street sein könnten. Sie seien viel besser als ihr Ruf – anders als die Großbanken mussten sie in der Krise nicht vom Staat gerettet werden. Warum sind Hedgefonds dann so unbeliebt?

Sebastian Mallaby: Gute Frage. Als ich 1992 zum Economist kam, griff George Soros gerade das britische Pfund an. In den Zeitungen schrieben sie daraufhin vom schwarzen Mittwoch. Ich würde sagen: Es war ein weißer Mittwoch.

ZEIT ONLINE: Warum?

Mallaby: Das britische Pfund wertete rapide ab, die Arbeitslosigkeit in Großbritannien sank, mit der Wirtschaft ging es bergauf. Die Attacke war im Nachhinein gut für die Briten. Sie sorgte dafür, dass Ungleichgewichte korrigiert werden.

ZEIT ONLINE: Heute heißt es: Die Hedgefonds sind Teil des Problems. Sie verschärfen mit ihren Spekulationen die Euro-Krise.

Sebastian Mallaby

ist Kolumnist der Washington Post und Finanzforscher beim konservativen Thinktank Council on Foreign Relations. Zuvor arbeitete er als Redakteur des britischen Economist. Im März erschien auch in Deutschland sein Buch Mehr Geld als Gott: Hedgefonds und ihre Allmachtsphantasien.

Mallaby: Ich denke, das Gegenteil ist richtig. Hätte es vor vier, fünf Jahren mehr Hedgefonds gegeben, die gegen Griechenland gewettet hätten, wäre die Regierung in Athen gezwungen gewesen, ihre Politik schneller zu ändern. Das Problem mit Griechenland war, dass die Regierung gelogen hat. Man kann die Spekulanten nicht dafür verantwortlich machen, dass sie die Misere ans Tageslicht bringen.

ZEIT ONLINE: Sie glauben an effiziente Kapitalmärkte?

Mallaby: Das habe ich nicht gesagt. In der jetzigen Krisenbewältigung schauen nur alle dorthin, wo etwas schief gelaufen ist: auf die Banken, die großen Player. Das ist auch völlig okay. Wir müssen die großen Institutionen stärker regulieren und besteuern, womöglich sogar zerschlagen. Aber wir müssen auch einen Plan haben, wohin die Risiken wandern, wenn wir stärker regulieren.

ZEIT ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Mallaby: Die Risiken auf den Finanzmärkten werden nicht kleiner. Die Frage lautet also: Wer soll die Risiken eingehen? Meine Antwort lautet: Es ist besser für eine Gesellschaft, wenn die Hedgefonds die Risiken tragen, weil sie klein sind und jederzeit pleitegehen können. Noch nie musste der Staat eine solche Gesellschaft retten! Eine Großbank hingegen ist zu groß, um pleitezugehen – deshalb wurde es in der Krise teurer für den Steuerzahler.

ZEIT ONLINE: Dagegen gibt es ein gutes Mittel: Strengere Regeln für die Banken.

Mallaby: Ich glaube nicht sonderlich an Bankenregulierung. Es ist gut, es zu versuchen. Aber die Vergangenheit hat gelehrt, dass die Regulierung nur eine geringe Rolle spielte. In den USA gab es zahlreiche Aufsichtsinstanzen, ebenfalls in London und Kontinentaleuropa. Sie alle haben vergeblich versucht, die Krise einzudämmen. Ich glaube, dass wir nur über Anreize ans Ziel kommen.

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Kommentare

134 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

Unerläßlich

für den Spieltrieb mit fiktivem Kapital, zerfressen das Humankapital, saugen aus den Lebenden die Lebenskraft: Beispiel Grohe. Ein Betrieb wird mit Hilfe von aufgezwungenen Schulden fast erwürgt. Die Mitarbeiter tragen die Schuldenlast durch ihre Arbeit ab usw..., es Beispiele noch und noch. Der Ackermannsche Betrieb spielt an den Börsen Monopoly und verkauft das als Ertragsnotwendig.
Interessierte sollten sich mal Fietswinkel anschauen.

Beispiel Grohe.

Dazu sei noch nachgetragen:

Die Firma Grohe war über Jahrzehnte eine ganz hervorragende Firma in Deutschland, eine der solidesten und besten Firmen der Mittelstandsunternehmen - bis

na ja - bis sie eben den Hedgefonds in die Hände fiel und dann war ein Tornado über die Mitarbeiter aufgezogen, welche vorher in einem sehr ordentlichen Unternehmen beschäftigt waren.

Man muss dazu aber auch folgende Ursachen kennen:

Wir in Deutschland haben das Umlagesystem, welches von Profithaien zunichte geredet und zerstört wurde - zum Schaden des Volkes.

Idealisiert wurde die "Privatabsicherung" als Gelddruckmaschine für gewissenlose Manager und Prof. etc.

Nur: dieses Kapital muss angelegt werden und es muss Profite erzielen.

Wenn also immer mehr Länder kaputt geredet werden und der "Privatisierung" das Wort geredet wird, so pendelt das Weltkapital rund um die Welt - im Prinzip eben tatsächlich wie ein Heuschreckenschwarm - macht dort alles nieder und zieht dann weiter.

Dh das Kapital zieht rund um die Welt - immer auf der Suche nach Profit. Nur: Je mehr Kapital um die Welt pendelt, um so schwieriger wird es noch Profite zu erzeugen.

Also werden Wirtschaften gewaltsam vernichtet, um aus dem Wiederaufbau des Zerstörten neue Profite zu schaffen. Wer dabei alles vor die Hunde geht, ist egal.

Das Umlagesystem steht nicht unter diesem ungeheuren Druck und daher war es geradezu ein Verbrechen, das Umlagesystem kaputt zu reden und zu vernichten. Bezahlen tut das der Bürger.

85. Heuschrecken am Beispiel Grohe

Und du bist raus!
Wie Investoren die Traditionsfirma Grohe auspressen
SWR, 20.15 Uhr 14.02.2007

Sie tragen Namen wie Blackstone oder Texas Pacific Group, (..)

Ihr Geschäft: Sie kaufen und verkaufen Firmen wie Obsthändler Äpfel und Birnen.

Ihre offizielle Strategie: Firmen fit für den Weltmarkt zu trimmen. Das wirkliche Ziel: In kurzer Zeit soviel Profit wie möglich zu machen.

Jetzt kaufen sich internationale Investoren auch in Deutschland in großem Stil ein. Hierzulande arbeiten bereits über 600.000 Menschen für die „Heuschrecken“, (..) Diese Zahl wird sich in den nächsten Jahren verdoppeln, sagen Experten.

Wie sich die Übernahmen auswirken, zeigt Autor Hubert Seipel am Beispiel der Traditionsfirma Grohe. Bis vor kurzem war die Welt des Badezimmer-Armaturenherstellers aus dem sauerländischen Städtchen Hemer noch völlig in Ordnung.

Dann wurde das deutsche Familienunternehmen zweimal innerhalb von fünf Jahren an Investoren verkauft.

Jetzt hat Grohe über eine Milliarde Schulden und streicht über tausend Arbeitsplätze in Deutschland.

Die Investoren haben die Übernahme der Firma durch Bankkredite finanziert. Und die Kreditzinsen muss die gekaufte Firma aufbringen.

Grohe steht unter doppeltem Druck. Das Unternehmen muss neben den Zinsen noch den Profit für die Unternehmer erhöhen.

Den amerikanischen Investoren sind 20 Prozent Rendite nicht genug. Sie wollen 28 Prozent und haben daher beschlossen, Arbeitsplätze aus Deutschland ins Ausland zu verlegen.

111. Gewinnmaximierung ist asozial

Natürlich ist das so.

Das habe ich ja auch ganz explizit ganz genauso beschrieben.

Denn das ist die Strategie:

Zuerst werden die hervorragenden Unternehmen vernichtet.
Das kostet dann vielen Menschen deren Existenz. Bei Grohe zB 1500 Arbeitnehmern deren Vernichtung. Auf diesen Ruinen wird dann wieder aufgebaut und natürlich steht dann die Firma eines Tages wieder besser da - auf Kosten der Vernichteten.

Im Extremfall wurde so auch das deutsche Wirtschaftswunder begründet. (Nach dem Kriege).

Zuerst war Deutschland zu einem Steinhaufen zusammengebombt und es gab weltweit 60 Mio. Tote und auch in Deutschland Millionen Tote. Wenn man das alles vergißt, kann man durchaus sagen, der Wiederaufbau brachte Aufschwung, wenn man vergißt, dass das auf der Grundlage der dauerhaft Geschädigten geschah.

Die Frage, die sich hier stellt: Wer hat das Recht eine Firma zu vernichten, der es mehr als gut geht, Menschen zu vernichten, nur damit andere mehr Profit erzielen. Denn ohne diese Menschenvernichter hätte die Firma ganz normal weiterarbeiten können.

Eine Firma hat eine gesellschaftliche Verantwortung und eben nicht vorrangig ein Profitmaximierungsrecht.

Denn die erzielten Gewinne wurden nicht durch die "Unternehmer" oä erwirtschaftet, sondern durch die Arbeitnehmerschaft, welche zum Dank für jahrelange Aufopferung einen kräftigen Tritt zum Bettlerdasein bekamen.

Niemand hat ein Recht zu einer solchen Vorgehensweise.

Die Wirtschaft hat den Menschen zu dienen.
Nicht umgekehrt.

Weder besser noch schlechter.

Hedge Fonds machen die Welt weder besser noch schlechter. sie sind Mittel zum Zweck, und dieser ist virtuelles Geld virtuell zu vermehren. Vielmehr sind die Entscheidungen von Menschen, ueber die Zweckbindungen des virtuellen Geldes, und dessen Bindungen und Uebersetzungen in die "wirkliche" Welt (in meinem Vokabular "aktual-reale" Welt)hinein, sowie die Werte und Interessen die diese Menschen realisieren wollen, bzw. deren ineinander in Konflikt stehen sie loesen, was bestimmte Weltlaeufe entscheidend dynamisiert. Hedgefonds sind, wie alles was mit virtuellen Geld zu tun hat ebenso belanglos wie der Glaube an das Weltende am 21.Mai 2011. Nur: Wer dem Glauben nachgibt und sein Handeln danach ausrichtet wird Illusion mit Wirklichkeit verwechseln und Wirklichkeit zur Illusion wandeln. Schoene virtuelle Welt.