Schuldenstaaten Die Euro-Rebellen formieren sich

In der Koalition wächst der Widerstand gegen weitere Finanzhilfen. Die Regierungsmehrheit für den Rettungsfonds ESM ist in Gefahr. Was treibt die Kritiker?

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU)

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU)

Klaus-Peter Willsch zieht ein wenig den Kopf ein. Gerade eben noch ist er mit schnellem Schritt über den Bundestagsflur geeilt, als ihm Wolfgang Schäuble begegnet. "Ich erwarte gleich schon ein wenig Applaus", ruft der Finanzminister ihm spöttisch zu. Schäuble wird kurz darauf im Plenum eine leidenschaftliche Rede halten, in der er die Kredithilfen für Portugal verteidigt. Er wird an die Abgeordneten appellieren, die "Nachhaltigkeit der europäischen Einigung nicht zu gefährden" und damit auch Willsch meinen. Willsch hingegen wird sagen: "Ich kann da nicht applaudieren."

Willsch und Schäuble sind in der gleichen Partei, der CDU, und beide nehmen für sich in Anspruch, überzeugte Europäer zu sein. Doch Willsch, 50 Jahre alt, Abgeordneter aus dem Taunus, glaubt, dass der Finanzminister Europa gerade schadet. Schäuble will den Ländern im Süden helfen, er will ihnen Zeit verschaffen, im Kampf gegen die Schulden. Willsch hält das für einen gewaltigen Fehler. Er glaubt, dass Europa in eine noch tiefere Krise stürzt. Er lehnt die Finanzhilfen ab und sagt das öffentlich immer deutlicher. Und nicht nur das. Er wirbt in der eigenen Partei um Unterstützer, die gegen den dauerhaften Krisenfonds ESM stimmen, der im Herbst im Parlament verabschiedet werden soll. Er sagt: "Wenn wir das verhindern, wäre das ein Erfolg".

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Willsch ist diesem Erfolg gar nicht so fern. Der FDP-Abgeordnete Frank Schäffler, ebenfalls ein Gegner der Finanzhilfen, behauptet, dass sich bereits 14 Bundestags-Abgeordnete aus seiner Fraktion gegen den Rettungsfonds positioniert hätten. Willsch spricht von weiteren sieben innerhalb der Union. Zusammen wären das 21, was bedeuten würde, dass die Kanzlerin und ihr Finanzminister bei einer Abstimmung über den neuen Rettungsmechanismus keine eigene Mehrheit hätten und auf Stimmen der Opposition angewiesen wären. So massiv ist der Widerstand mittlerweile, dass man in der SPD bereits spottet, Schäuble müsse mehr vor den eigenen Leuten Angst haben als vor der Opposition.

Die Bewegung der Euro-Rebellen kann der Regierung gefährlich werden. Denn sie hat ihre Wurzel an der Basis und in den Wahlkreisen. Egal mit welchen Abgeordneten man spricht: Fast alle berichten, dass es immer schwerer wird, die Hilfen innerhalb der Euro-Zone im Volk zu erklären. Ein Abgeordneter, der von sich selbst sagt, er träume von den "Vereinigten Staaten von Europa", bittet nun darum, ihn mit dieser Formel lieber nicht zu zitieren. Im Wahlkreis komme das nicht mehr gut an. Ein anderer, der SPD-Mann Klaus Hagemann aus Worms, sagt: "Es war schon lange nicht mehr so schwer, für die europäische Idee zu werben."

Den Widerständlern wie Klaus-Peter Willsch fällt es hingegen leicht, im Wahlkreis aufzutrumpfen. Willsch kann den aufgebrachten Bürgern antworten, dass er für einen Schuldenschnitt sei und für eine Gläubigerbeteiligung. Dass Banken und Hedgefonds ebenfalls Verluste machen sollten, ist im Volk populär. Er sagt auch, dass er sogar einen Austritt einzelner Staaten aus der Euro-Zone befürworte, bis diese ihre Probleme in den Begriff bekommen haben. Willsch sagt, er bekomme dafür im Wahlkreis "95 Prozent" Zustimmung. Er sagt: "Wenn wir so weiter machen, habe ich die Sorge, dass überall in Europa europaskeptische Parteien entstehen."

Leser-Kommentare
  1. ... war schon zu DM Zeiten kaum zu helfen und wenn einer DAS wissen sollte, dann ein älterer Herr wie unser Herr Dr. Wolfgang Scheuble. Aus l'Amnesie International wird l'Amnesie Europienne. Keiner erinnert sich mehr an Dinge, die bereits vor Dekaden die Spatzen von den Dächern pfiffen.

    12 Leser-Empfehlungen
  2. Ich kann nur hoffen, dass die Regierung nicht so blind ist wie es SPD und Grüne wären. Ansonsten benötigen wir eine Partei wie in anderen europäischen Ländern, die uns Bürger noch ernst nimmt.

  3. ... formieren sich nun die Euro-Rebellen?

    Sieht es nicht eher so aus, als wäre da außer Murren noch nicht viel Unmutsäußerung?

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    Und vor allem wie stark sind sie ? Nach dem Parteitag der FDP am kommenden Wochenende werden wir es wissen.

    Und vor allem wie stark sind sie ? Nach dem Parteitag der FDP am kommenden Wochenende werden wir es wissen.

  4. Inszenierte Show.

    Die Probleme sind seit Jahren bekannt. Der Druck wächst, nun spielt man eben etwas den "besorgten" Politiker, der die Stimmen aus der Bevölkerung "hört".

    Diese Stimmen sind schon lange da. Es geht hier insgesamt um ein Elitenprojekt, die Empfindlichkeiten und kulturellen Verwurzelungen, sowie gesicherter Lebensstandart haben hier schon lange ausgediehnt.

    Ein Europa, welches uns Sicherheitspolitisch vertritt, welches die "alternativlose" Globaliserung abmildern sollte, brachte nur eines, Kaufkraftschwund der Masse und Stärkung der Eliten.

    So ist es auch nicht verwunderlich, daß wenige abgehoben jubeln, während viele andere kniend murren.

    Aber die Menschen brauchen dies, wenn sie es anders wollten, würden sie aufstehen.

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    "welches die "alternativlose" Globaliserung abmildern sollte, brachte nur eines, Kaufkraftschwund der Masse und Stärkung der Eliten"

    Die EU ist doch selbst eines der ambitioniertesten Globalisierungsprojekte. Freihandel, Steuerkonkurrenz, Kapitalfreizügigkeit, Marktgläubigkeit und Deregulierung, keinerlei nennenswerte Sozialpolitik usw. usw.

    Das *Bollwerk gegen die Globalisierung* war ein an's zynische grenzender Euphemismus.

    "Aber die Menschen brauchen dies, wenn sie es anders wollten, würden sie aufstehen."

    Bürgerbashing ist unangebracht, dort wo es den Leuten bereits schlecht geht, wird heftig Gegenwehr geleistet.

    In D gilt dagegen "teile und herrsche". Eine gut situierte, vertraglich abgesicherte und durchorganisierte ältere Mittelschicht und rechtlos gehaltene, schlecht organisierte prekäre Jugendliche. Und da es immerhin noch wirtschaftlich bergauf geht, stirbt die Hoffnung zuletzt. Davon abgesehen sind unsere Gewerkschaften viel zu handzahm und ohne ordentliche Organisation und das kommunizieren der Alternativen bringt man auch niemanden auf die Straße, erst recht nicht bei der Dauerpropaganda in den Medien.

    ...die Kaufkraft der Deutschen ist dahin. Dabei arbeiten sie fleissig und stelln nach wie vor hochqualitative Produkte her. Daher, weg mit dem Euro.

    "welches die "alternativlose" Globaliserung abmildern sollte, brachte nur eines, Kaufkraftschwund der Masse und Stärkung der Eliten"

    Die EU ist doch selbst eines der ambitioniertesten Globalisierungsprojekte. Freihandel, Steuerkonkurrenz, Kapitalfreizügigkeit, Marktgläubigkeit und Deregulierung, keinerlei nennenswerte Sozialpolitik usw. usw.

    Das *Bollwerk gegen die Globalisierung* war ein an's zynische grenzender Euphemismus.

    "Aber die Menschen brauchen dies, wenn sie es anders wollten, würden sie aufstehen."

    Bürgerbashing ist unangebracht, dort wo es den Leuten bereits schlecht geht, wird heftig Gegenwehr geleistet.

    In D gilt dagegen "teile und herrsche". Eine gut situierte, vertraglich abgesicherte und durchorganisierte ältere Mittelschicht und rechtlos gehaltene, schlecht organisierte prekäre Jugendliche. Und da es immerhin noch wirtschaftlich bergauf geht, stirbt die Hoffnung zuletzt. Davon abgesehen sind unsere Gewerkschaften viel zu handzahm und ohne ordentliche Organisation und das kommunizieren der Alternativen bringt man auch niemanden auf die Straße, erst recht nicht bei der Dauerpropaganda in den Medien.

    ...die Kaufkraft der Deutschen ist dahin. Dabei arbeiten sie fleissig und stelln nach wie vor hochqualitative Produkte her. Daher, weg mit dem Euro.

  5. Wie kann man, wie Herr Hagemann, für den ESM-Fond sein, wenn man gleichzeitig zugibt, nicht genug informiert zu sein.
    Echt klasse, unsere Volksvertreter. Wie kann man denen dann noch irgendwelche Entscheidungen überlassen.

  6. Wie oft soll ich eigentlich noch lesen" sie stimmten nur widerwillig, unter (von der Presse wohl dokumentiertem) Murren und unter lautstarker Äußerung, sie hatten ein ganz schlechtes Gefühl dabei, der Rettung DER BANKEN / GRIECHENLANDS / IRLANDS / PORTUGALS / zu".
    Ja glauben die Dödel, das würde ihre Zustimmung ungeschehen machen? Oder besser?
    Dann sollen diese Mäuschen halt mal nach ihrem Gefühl und ohne Murren fröhlich dagegen stimmen - und schon geht es ihnen und ganz Deutschland gleich viiiel besser !

    13 Leser-Empfehlungen
  7. Wir helfen mal wieder (der Steuerzahler), das die Griechen den Banken (Frankreich, Deutschland und andere) ihre Schulden zurückzahlen.
    Schulden könne so nicht abgebaut werden. So kommt Griechenland nie auf den grünen Zweig.
    Es geht nicht ohne Umschuldung d.h. Banken müssen auf Forderungen verzichten. Die Banken wußten schon auf was sie sich da einließen immer mit der feste Hoffnung im Hintergrund die EU Staaten werden schon einspringen.

    10 Leser-Empfehlungen
    • Fifty4
    • 12.05.2011 um 16:36 Uhr

    .....dann ginge es ja Herrn Ackermann und seiner Bank (und natürlich auch anderen Banken) an den Kragen.

    Aber das kann ja nicht sein. Da wäre ja die 25%ige Rendite der Anleger in Gefahr.

    Jetzt wird es heissen, wir müssen weiter zahlen, sonst ist der Euro in Gefahr zu explodieren.

    Das hätten aber die zu verantworten, die den griechischen Haushältern trotz oder wegen deren finanziellen Luxussprüngen immer wieder Geld geliehen und die Zinsen kassiert haben. Die sollten jetzt auch den Schuldenerlass tragen.

    Da gibt es die nächsten 10 Jahre eben mal keine Rendite für die Aktionäre.

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    Ackermann sprach von Eigenkapitalrendite das ist ein entscheidender Unterschied. Aber ansonsten Zustimmung: Die FDP müsste schon äußerst verzweifelt sein, um den deutschen Versicherungen und Finanzinstituten derart ans Bein zu pinkeln. Aber wer weiss... vielleicht ist sie das ja wirklich, wenn sie weiter stabil unter der 5% Hürde in Meinungsumfragen bleibt.

    Ackermann sprach von Eigenkapitalrendite das ist ein entscheidender Unterschied. Aber ansonsten Zustimmung: Die FDP müsste schon äußerst verzweifelt sein, um den deutschen Versicherungen und Finanzinstituten derart ans Bein zu pinkeln. Aber wer weiss... vielleicht ist sie das ja wirklich, wenn sie weiter stabil unter der 5% Hürde in Meinungsumfragen bleibt.

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